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Todbringende Medikamente

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Von: Bernd Hontschik

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 Gerade sind sehr viele Kinder krank. Auch deshalb ist es schwerer an Medizin zu kommen.
Gerade sind sehr viele Kinder krank. Auch deshalb ist es schwerer an Medizin zu kommen. © Bernd Weißbrod/dpa

Die Versorgung mit Arzneimitteln wird zum zunehmenden Problem und die Globalisierung fordert Opfer unter kranken Kindern.

Frankfurt – Erst war es nur ein vorübergehender Engpass. Hustensäfte für Kinder seien betroffen, außerdem Schmerzmittel wie Ibuprofen. Wieso gerade Hustensäfte betroffen waren, blieb im Dunkeln. Die Probleme mit den Lieferketten wurden größer, und dann war es leer in manchen Regalen der Apotheken. Es sollte aber noch schlimmer kommen.

Globalisierung begünstigt Arzneiengpässe

Es ist jetzt sieben Jahre her, als bei 13 Impfstoffen und 26 Medikamenten erstmals massive Lieferengpässe auftraten. Es betraf so wichtige Medikamente wie Antibiotika, Blutdrucksenker, Krebsmedikamente und Parkinson-Mittel. Es fehlten Impfstoffe gegen Kinderlähmung, Tetanus, Diphterie und Keuchhusten. Geschehen ist in diesen sieben Jahren nichts. „Augen zu und durch!“, das half eine Zeitlang, bis das Problem jetzt richtig eskalierte.

Das Problem heißt Globalisierung, Konkurrenz und Ausbeutung. Das Problem heißt Profitgier. Das Problem heißt Dumpingpreise. Das Problem heißt Produktion in „Billiglohnländern“, besonders in Asien. Indien und China haben unsere Arzneimittelversorgung inzwischen fast vollständig in der Hand. In Europa findet keine nennenswerte Arzneimittelproduktion mehr statt. In Deutschland wird kein einziges Antibiotikum mehr hergestellt, seit Sandoz im Jahr 2015 seine letzte Fabrik in Frankfurt-Höchst geschlossen hat. Auf unseren Medikamentenschachteln steht trotzdem „Made in Germany“. In der Packungsbeilage muss nur das Land genannt werden, in dem der letzte Produktionsschritt vollzogen wurde. Im Fall von Arzneimitteln ist das die Kontrolle und Verpackung. „Made in Germany“ ist also nichts weiter als eine Irreführung. Ein Witz.

Medikamente werden unter verheerenden Bedingungen produziert

Das ist aber noch nicht alles. Vor fünf Jahren schockierte die ARD mit einem Bericht aus Hyderabad, der indischen Welt-Arzneimittel-Hauptstadt. Hunderte von Arzneimittelfirmen hatten sich dort angesiedelt. Sie arbeiten in einem Moloch aus Schwefelgestank und fauligen Abwasserkanälen, transportieren ihr Wasser in rostigen Tanklastern, dazwischen Schafe und heilige Kühe auf den staubigen Straßen der Stadt.

Mit „minimaler Kontrolle und maximaler Förderung“ wirbt Hyderabad für seine Industrieansiedlungen! Wasserproben rund um diese Arzneimittelfabriken zeigten bis zu tausendfach höhere Antibiotikakonzentrationen als in der freien Natur jemals zuvor gemessen worden waren. So wachsen in den Abwässern rund um diese Fabriken multi-resistente Keime und Pilze heran, die über die Nahrungskette zum Menschen gelangen, von Reisenden mitgebracht werden und mit keinem Antibiotikum oder Antimykotikum der Welt mehr behandelbar sind. Das sieht man unseren sauberen Arzneimittelschachteln natürlich nicht an.

Arzneimittel werden zur wachsenden Bedrohung

Aber auch das ist noch nicht alles. Im Oktober 2022 warnte die WHO vor vier Husten- und Erkältungssäften, weil sie mit dem Tod von 70 Kindern in Gambia in Verbindung gebracht wurden. Die Kinder waren an Nierenversagen gestorben. Die Regionalregierung im indischen Haryana ordnete die Einstellung der Hustensaftproduktion an. Im November 2022 wurde in Indonesien zwei indischen Unternehmen die Lizenz entzogen: Innerhalb von knapp zwei Monaten waren dort 200 Kinder an akutem Nierenversagen gestorben, nachdem sie Sirupmedikamente eingenommen hatten. Sie waren mit giftigem Diethylenglykol und Ethylenglykol aus Frostschutzmitteln gepanscht. Im Dezember 2022 wurde die Hustensaftproduktion einer weiteren indischen Firma gestoppt, nachdem in Usbekistan 20 Kinder gestorben waren. Unser sogenannter Engpass ist also in Wirklichkeit ein Produktionsstopp. Da war es vielleicht doch ein Segen, dass es hierzulande keinen Hustensaft mehr gab?

Die eigentliche Eskalation beginnt aber erst jetzt. Ende Dezember 2022 beschlossen die chinesischen Behörden, die Ausfuhr von Ibuprofen und Paracetamol komplett einzustellen. China benötige seine Arzneimittel derzeit selbst, da die Corona-Infektionszahlen in die Höhe geschossen seien. Nachrichten aus China berichten von langen Schlangen vor den Arzneimittelfabriken, weil die Menschen sich direkt versorgen wollten. Ibuprofen wird glücklicherweise nicht nur in China produziert, sondern auch in den USA, geringe Mengen auch in Ludwigshafen. Für andere wichtige Medikamente trifft das aber nicht zu. Die Bedrohung wächst. (Dr. med. Bernd Hontschik)

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