Die Brücke der Verliebten überquert den Fluss Tura. Alle Fotos: Andreas Sieler
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Die Brücke der Verliebten überquert den Fluss Tura.  

Tjumen

Die Stadt der Glücklichen

  • vonAndreas Sieler
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Moskau und St. Petersburg wird das westsibirische Tjumen wohl nicht den Rang ablaufen – die Menschen dort sollen jedenfalls zu den zufriedensten in Russland gehören. Sicher ist: In der Stadt und drumherum lassen sich viele Epochen russischer Geschichte erleben.

Heute ist Tjumen eine saubere Stadt. Das war nicht immer so“, sagt Ljudmila Aleksandrovna Hromina. Die 66-Jährige weiß, wovon sie spricht, sie lebt hier seit 1972 – in „Tümin“, wie sie es ausspricht. Die Rentnerin – früher unter anderem Deutschlehrerin und Kunstdozentin – kennt nicht nur jedes Haus und jeden Winkel. Wenn Ljudmila Hromina Gästen ihre Stadt zeigt, taucht sie mit ihnen in deren Geschichte und Anekdoten ein.

Als historisches Handelszentrum 1586 gegründet, zählt Tjumen zu den ältesten sibirischen Siedlungen. Heute ist es eine moderne Universitätsstadt mit westlichem Flair, Konsumtempeln und vielseitiger Gastronomie sowie einer Ansammlung diverser Architekturstile, die einen Einblick in verschiedene jüngere Epochen der Baukunst gewähren. Dass die Stadt rasant wächst, bezeugen nicht nur große, derzeit am Stadtrand entstehende Hochhaussiedlungen. 

Tjumen, das „russische Dubai“

Lenin grüßt die Parkbesucher im Stadtzentrum.
Lenin grüßt die Parkbesucher im Stadtzentrum. © Andreas Sieler
Das Herrenhaus des Sergey Chiralov - eines von vielen kleinen Holzhäuschen.
Das Herrenhaus des Sergey Chiralov - eines von vielen kleinen Holzhäuschen. © Andreas Sieler
Wohnblocks im Stadtzentrum.
Wohnblocks im Stadtzentrum. © Andreas Sieler
Im Ostrog in Jalutorowsk werden nicht nur Pfannkuchen zubereitet, es werden auch in traditioneller Handarbeit Spielsachen und Matruschkas angefertigt.
Im Ostrog in Jalutorowsk werden nicht nur Pfannkuchen zubereitet, es werden auch in traditioneller Handarbeit Spielsachen und Matruschkas angefertigt. © Andreas Sieler
Die Sommer sind warm - doch die sibirischen Wintermonate können sehr kalt werden.
Die Sommer sind warm - doch die sibirischen Wintermonate können sehr kalt werden. © Andreas Sieler
Vieles, was unter der „Marke“ Rasputin über die Ladentheke ging, ist in einem kleinen Museum ausgestellt.
Vieles, was unter der „Marke“ Rasputin über die Ladentheke ging, ist in einem kleinen Museum ausgestellt. © Andreas Sieler
Bis April liegen die Schiffe festgefroren im Eis der Tura.
Bis April liegen die Schiffe festgefroren im Eis der Tura. © Andreas Sieler

Beherbergte Tjumen 2010 einer Zählung zufolge noch rund 600.000 Einwohner, gehen neuere Schätzungen von knapp 800.000 aus. Mit Arbeitsplätzen lockt vor allem die Erdgas- und Erdölindustrie der rohstoffreichen Region. Ein Umstand, den die Stadtbewohner in den Genuss zahlreicher thermaler Quellen brachte - rund 20 davon finden sich heute in der Umgebung. Gefunden wurden sie bei Bohrungen Mitte des vergangenen Jahrhunderts, erklärt Ljudmila Hromina. Zufällig: „Eigentlich war man auf der Suche nach Erdöl.“

Rohstoffförderung hin oder her: Ljudmila Hromina soll recht behalten – die Stadt wirkt sauber. Zudem dürfen sich die Bewohner glücklich schätzen: Zwar belegt Russland im „World Happiness Report“ nur Rang 49 (zum Vergleich: Deutschland liegt auf Platz 16), in einem innerrussischen Glücksindex aber hat Tjumen jüngst St. Petersburg von Platz eins verdrängt, berichtet Ljudmila Hromina.

Und wo das Glück wohnt, kann die Liebe nicht weit sein: Nahe dem Zentrum führt die Brücke der Verliebten über den Fluss Tura. Rostige Vorhängeschlösser mit eingravierten Herzchen und Initialen sucht man an deren Geländer vergeblich, dafür imponiert die nachts abwechselnd in allen Farben des Regenbogens angeleuchtete Schrägseilbrücke als kitschig-romantischer Aussichtspunkt. Unter ihr liegen bis in den April Schiffe festgefroren im Eis der Tura wie in einem Stillleben. Am Horizont glänzen die goldenen Kuppeln des Dreifaltigkeitsklosters, am Flussufer wirbt das Duma-Museum für sein riesiges, komplett erhaltenes Mammutskelett, das einst nahe der Stadt gefunden wurde.

Miau! Goldfarbene Stubentiger - zum Gedenken an Russlands beste Rattenjäger.

Einmal quer durch die City führt die breite Straße der Republiken, an der sich die mal mehr, mal weniger anschaulichen Epochen städtischer Architektur auf teils kleinem Raum gegenüberstehen. Hinter einem großen Vorplatz erscheint die elegante Fassade des Dramaticheskiy-Theaters. Zum ersten und einzigen Mal hat Gästeführerin Ljudmila Hromina etwas auszusetzen: „Man sagt, es sei das zweitgrößte Theater Russlands. Es läuft nur Kitsch.“ Gegenüber zeigt sich das andere Gesicht russischer Baukunst: in die Jahre gekommene, graue und rostbraune Plattenbauten.

Neue Hochhaussiedlungen, alte Platten, große Einkaufszentren, stuckverzierte Altbauten, Schindelhäuser und Gebäude aus rotem Backstein wechseln sich ab. Immer wieder lugen kleine Holzhäuschen dazwischen hervor. Zwei besonders schöne Exemplare liegen an der Straße Volodarskogo. In lilafarbenem Anstrich steht dort das alte Herrenhaus des Sergey Chiralov, seinerzeit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für Lederwaren. Heute ist darin ein Restaurant. 

Die Legende besagt, das Haus zu berühren bringe Glück. Hölzerne Ornamente über den Fenstern erinnern an traditionellen Frauen-Kopfschmuck und galten seinerzeit als Zeichen, dass die Töchter des Hausherren dazu bereit waren, wozu junge Frauen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts bereit zu sein hatten: zu heiraten. Die Legende besagt jedoch auch, dass der jüngeren Tochter das Glück auf der Männersuche verwehrt blieb, während ihre Schwester das knapp 100 Meter entfernte, detailreich verzierte und 1912 erstellte Popov-Haus später mit ihrem Gatten bewohnte. Heute ist es das Haus der Russisch-Deutschen Freundschaft.

Tjumen

Der westsibirische Oblast Tjumen (die Verwaltungsregion) ist knapp halb so groß wie Deutschland. Die Stadt Tjumen liegt rund 2000 Kilometer östlich von Moskau und 300 Kilometer nördlich der Grenze zu Kasachstan an der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn. Für kürzere Trips ist die Stadt über ihren internationalen Flughafen an Moskau und andere Metropolen angebunden.

Wenige hundert Meter weiter, in einer Grünanlage vor dem Rathaus, grüßt Lenin höchstselbst aus luftiger Höhe die Parkbesucher. Laut der Tourismusagentur „Visittyumen“ handelt es sich um die größte Bronzestatue Russlands. Während eine Begegnung mit Lenin in Russland kaum überrascht, ist nur ein paar Querstraßen weiter früheren Stadtbewohnern ein Denkmal gewidmet: Auf steinernen Sockeln streunen, schnurren und spielen ein Dutzend vergoldeter Katzen. Die ausgefallene Szene animiert Besucher zum Selfie, erinnert aber zugleich an ein düsteres Kapitel aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Nach der Belagerung St. Petersburgs – damals Leningrad – waren dort offenbar kaum noch Katzen anzutreffen, dafür genossen zahlreiche Ratten umso größere Freiheiten. „Sibirische Katzen gelten als die besten Jäger“, verrät Ljudmila Hromina. Um der Plage Herr zu werden, wurden damals Tausende der erprobten Rattenjäger aus Sibirien nach St. Petersburg gebracht, Tjumen steuerte angeblich 238 Tiere bei. Wohl nicht ohne Stolz auf die Stubentiger der Stadt entstand 2008 dieses würdige Denkmal.

Tjumen ist eine Stadt der Gegensätze zwischen sozialistischen Betonsünden und modern-westlichen Schöner-Wohnen-Konzepten. Obwohl es für Besucher vieles zu sehen gibt, spielt die westsibirische Metropole in der Wahrnehmung internationaler Touristen nur eine Nebenrolle hinter beliebten Zielen wie dem malerischen Baikalsee oder Irkutsk. Ein paar Tage in der Stadt belegen: Touristen trifft man nahezu keine. Geht es nach Marija Trofimova, Leiterin von „Visittyumen“, birgt die Unbekanntheit Tjumens in Europa einen Vorteil: „Die Stadt ist touristisch nicht überlaufen.“ Dennoch möchte sie das ändern. Laut Trofimova haben im vergangenen Jahr zwar 2,6 Millionen Touristen – gemessen an Hotelübernachtungen und Tagesgästen – ihren Weg nach Tjumen gefunden, darunter aber nur rund 60.000 internationale Besucher. Dabei seien Stadt und Region „nicht nur für Individualtouristen attraktiv“, die etwa einen Zwischenstopp auf ihrer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn einlegen.

Frau einer kosakischen Familie auf dem Land - noch heute versorgen sie sich größtenteils selbst.

Die Region um die Stadt entspricht dem Klischee, das in Deutschland über Sibirien verbreitet sein dürfte. Tiefe Wälder, endloses, unbesiedeltes, weißes Niemandsland. Hier gibt es ihn noch – den richtigen Winter: gefrorene Böden, hoher Schnee. Direkt am Stadtrand liegt, umgeben von dichten Kiefern, der Erholungsort „Waldteich“. Ein kleiner See – im Sommer für Badegäste, im Winter ein weißes Idyll mit Gaststätte und Betten. Stadt- und naturnah. Olga Fateeva und ihr Mann Michail, einer von vier Besitzern des Areals, haben sich vor zehn Jahren drei Hunde zugelegt, ein Hobby, das bald aus dem Ruder laufen sollte. Heute haben sie fünf Dutzend Hunde, größtenteils sibirische Huskies, mit denen sie überregional an Schlittenhunderennen teilnehmen. „Wir versuchen, diese Sportart hier zu etablieren“, sagt die 39-Jährige. Mit Erfolg: Ihre 13-jährige Tochter hat bereits landesweite Meisterschaften gewonnen. Nebenbei lässt das Paar Touristen von den Huskies im Schlitten das Seeufer entlangziehen.

Wer nicht nur die Natur erleben, sondern auch etwas über Russlands Geschichte lernen möchte, muss etwas weiter rausfahren – in das verschlafene Örtchen Pokrovskoje, Geburtsort des legendären Grigori Jefimowitsch Rasputin. Hellseher, Wunderheiler oder Scharlatan? Vielleicht, aber wohl kaum „Lover of the Russian Queen“, was die Popgruppe Boney M. und Bobby Farrell allerdings weder davon abhielt, genau das zu singen, noch sich in dem kleinen Museum neben Rasputins baufälligem Elternhaus ablichten zu lassen. Nicht nur jene Fotos, auch Einblicke in das Leben Rasputins, Besitztümer der Familie und vieles, was im Laufe der Zeit unter der „Marke“ Rasputin über die Ladentheke ging, ist dort in zwei kleinen, vollgestopften Räumen ausgestellt. Rasputins eigenes Haus steht nicht mehr – an seiner Stelle erinnert ein Denkmal an ihn. Ebenso erinnern Gedenksteine an der Straße an das Attentat auf den Wanderprediger, an jener Stelle, wo er 1914, zwei Jahre vor seinem Tod, niedergestochen wurde. Museumsleiterin Marina Smirnowa, die das Museum 1991 eröffnet und vieles selbst zusammengetragen und recherchiert hat, führt ihre Gäste durch die Sammlung.

Etwas weiter, in der Kleinstadt Jalutorowsk, lässt das dortige „Ostrog“, eine gut 350 Jahre alte hölzerne Festung als eine Art volkskundliches Freilichtmuseum alte regionale Traditionen aufleben. In den Werkstätten werden heute im Stile traditioneller Handarbeit alte Spielzeuge, Puppen, Matruschkas und vieles mehr produziert. Bekannt ist die Stadt auch für die beliebten Gulliver-Riegel sowie Pfannkuchen. So wird jährlich im März ein Fest gefeiert, bei dem ein Pfannkuchen mit drei Metern Durchmesser zubereitet wird. Das Ritual scheitert jedoch regelmäßig an dem Versuch, ihn in der Pfanne zu wenden.

Ebenfalls in Jalutorowsk erinnert ein kleines Museum an Teile des russischen Adels - die sogenannten Dekabristen. Nach deren Dezember-Aufstand 1825 wurden einige Dekabristen (auch Dezemberisten genannt) in den Kaukasus geschickt, fünf wurden erhängt, mehr als 120 nach Sibirien verbannt. Sibirien und Verbannung sind bekanntlich eng verknüpft – das Schicksal der Dekabristen weicht jedoch etwas von der üblichen Tragödie ab. Neun von ihnen verbrachten 30 Jahre in Jalutorowsk, ehe sie amnestiert wurden. Sie lebten im Ort und verhalfen ihm zum Fortschritt, weswegen sie bis heute ein hohes Ansehen in der Bevölkerung genießen.

Im früheren Haus des Dekabristen Matwei Iwanowitsch Murawjow-Apostol führt heute Museumsleiterin Irina Petelina in der Rolle als dessen Frau Maria durch das Gebäude. „Er ist gerade auf der Jagd“, entschuldigt sie den Hausherren. Das Leben der Familie, die Geschichte der Dezemberisten – Petelina berichtet wie eine Zeitzeugin vom Schicksal der Verbannten. Wie in einer Zeitkapsel wird dort russische Geschichte und das Schicksal der Dekabristen erfahrbar. Deren Hauptforderungen (und Hintergrund des Aufstandes), eine Verfassung und das Ende der Leibeigenschaft, erlebten die meisten von ihnen jedoch nicht mehr. Zu sehen ist auch ein Brief von Murawjow-Apostol an seine Nachkommen, den er 1849 verfasst hatte. Gefunden wurde das Schriftstück erst bei Renovierungsarbeiten 1935, acht Jahre nach der Eröffnung des Museums, unter einer Bodendiele.

In der Region Tjumen leben heute zudem noch zahlreiche Ethnien zwar nicht ausschließlich, aber weitgehend in der Tradition ihrer Vorfahren. Die kulturelle Vielfalt der Region wird etwa in dem Dorf mit der etwas umständlichen Bezeichnung „Geolog-2, 22 km. Velizhanskiy Trakt“ greifbar. Dort leben zwei große kosakische Familien. Gäste erleben – wie vielerorts – sibirische Gastfreundschaft, die sich neben Herzlichkeit auch über traditionelles Essen und Schnaps definiert. Nicht ohne Stolz erzählen Andrej Rostovshchikov und Ataman Igor Vyuhov von den ersten Kosaken, die im 16. Jahrhundert in der Region siedelten, von ihrer Kultur und wie sie auf dem Land ihre Bräuche pflegen. Sie halten Tiere und versorgen sich größtenteils selbst. Sie reiten, jagen, üben Schwertkampf und singen. Sie singen viel: „Wir können nicht singen, aber wir lieben es“, sagt Rostovshchikov. Melodiöse Lieder, voller Pathos. Beim Gesang ballen sie ihre Fäuste, bis die Adern an der Stirn zum Vorschein kommen – die Lieder erzählen vom Leben, von der Liebe, vom Krieg – und von Pferden. „Das hier ist keine Show für Touristen“, erklärt Vyuhov – davon kämen ohnehin kaum welche vorbei – „wir wohnen hier zusammen“. Zumindest so oft es geht – denn Tradition allein ernährt auch hier keine Familien. Mehrere Tage in der Woche, in ihrem anderen Leben, gehen sie Jobs in der Stadt nach.

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