Gandalf der Graue ist bestimmt auch in der Küche ein Zauberer.
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Gandalf der Graue ist bestimmt auch in der Küche ein Zauberer.

„Food Fiction“

Zu Tisch bei Gandalf

  • Jennifer Hein
    vonJennifer Hein
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Zwei Franzosen haben sich Rezepte ausgedacht, wie sie in „Star Wars“, „Harry Potter“ oder „Doctor Who“ vorkommen könnten. Ein Genuss, der die Grenze zwischen Film und Realität überschreitet.

Was hatten Harry Potter und seine Freunde Ron und Hermine im großen Speisesaal von Hogwarts wohl zum Nachtisch? Crème brulée nach Art von Helga Hufflepuff? Gut möglich. Wir wissen es nicht. Auch Thibaud Villanova und Maxime Léonard wissen es nicht. Aber sie haben sich darüber Gedanken gemacht. Recherchiert, was die regionalen Speisen in der Zauberwelt sind. Ausprobiert, wie sie sich kombinieren lassen. Und schließlich ein Rezept entworfen. Genauer gesagt 42 Rezepte. Allesamt könnten sie so oder so ähnlich in einem der großen Fantasy-Klassiker wie „Harry Potter“ oder „Star Wars“ verspeist worden sein. Jedenfalls sind sie von den populären Filmen inspiriert. Wer sie probiert, überschreitet die Grenze zwischen Traum und Realität.

Vor zwei Jahren haben die beiden Franzosen Villanova und Léonard ihre Menüs in ihrem Rezeptbuch „Food Fiction“ zusammengestellt. Jetzt erscheinen die „42 fantastischen Rezepte für Filmfreaks“ erstmals auch auf Deutsch. In dem aufwendig gestalteten Hardcover finden sich die Vorlagen für 15 Drei-Gänge-Menüs zu Filmen aus den Kategorien Science-Fiction, Fantasy, Fantasy-Horror, Manga und Comic. Die Auswahl bedient sich aus der Popkultur und ist willkürlich. Ihr liegt der persönliche Filmgeschmack der beiden Autoren zugrunde – die sich auch mit persönlichen Anmerkungen nicht zurückhalten. So finden sich zwischen den Kochanweisungen immer wieder Andeutungen und Anekdoten zu den jeweiligen Filmszenen oder Charakteren. Die beiden kennen sich offenbar bestens aus.

Die Reise der Jedi-Fans etwa führt nicht nur über drei Stationen, sondern sogar über drei Planeten zum kulinarischen Genuss. Als Vorspeise gibt es „Salat vom Waldmond Endor“, wo die flauschigen Ewoks leben, die angeblich ganz vernarrt in Pesto sein sollen. Als Hauptgang wird „Space-Schweinefleisch nach Art von Mos Eisley mit Weltall-Polenta“ serviert – angeblich eine Spezialität auf Tatooine, der Planet, auf dem Luke Skywalker aufwuchs. Und der Nachtisch, eine „Dessert-Kuppel à la Hoth“ stammt von Hoth, wo sich die Rebellen zwischen Eisgletschern vor der dunklen Bedrohung verstecken. Die Autoren weisen darauf hin, dass „die Macht Ihnen dabei nicht zu Hilfe eilen“ wird, den Eischnee für das Baiser zu schlagen. Und geben einen wertvollen Tipp: „Sobald die Gäste bereit sind, die Folie öffnen und den Rauch über die Polenta und die Teller wie den Millenium-Falken aus seinem Hangar auftauchen lassen.“

In eine ganz andere Galaxis und zurück ins Jahr 1955 geht es mit den Rezepten zu „Zurück in die Zukunft“, dem Science-Fiction-Epos, mit dem Regisseur Robert Zemeckis Mitte der 80er Jahre eine ganze Generation prägte. Schon der erste Gang erinnert an den alles entscheidenden Abend, an dem beinahe die Zukunft von Marty McFly alias Michael J. Fox ausgelöscht worden wäre: „Verzauberung unterm See“. Hierbei geht es aber nicht um den Tanz in der Highschool-Turnhalle, sondern um Knuspergarnelen im Brik-Teig.

Gut möglich, dass so etwas auch in Lou’s Café in Hill Valley auf der Speisekarte stand. Deftig wird es mit dem „Beef Tannen Burger“ und Pommes aus Kartoffeln „vom alten Peabody“. Wer dann noch Platz im Bauch hat, gönnt sich „McFlys Cheesecake“.

Thibaud Villanova bezeichnet sich selbst als Geek und Feinschmecker, der im Alter von acht Jahren zum ersten Mal auf dem Gameboy seines Onkels in die Welt des Fantasy-Genres abtauchte, als er „Legend of Zelda“ spielte. Für „Food Fiction“ wollte er seine beiden Leidenschaften, die Kultur der Küche und die des Imaginären, verbinden. Gemeinsam mit dem Gastronomen Maxime Léonard hat er sich Rezepte ausgedacht, die zu den Regionen passen, in denen die Szenen spielen und kulinarischen Techniken der Epochen (auch der imaginierten) übernommen, schreibt er im Vorwort zu „Food Fiction“. Alle Rezepte seien eine „demütige Hommage an diese Welten der Literatur, des Films und Fernsehens, in die wir uns geflüchtet haben und die uns seit so vielen Jahren Orte der Träume waren“.

Diese Orte der Träume sind zugleich eine Erinnerung an die Kindheit der beiden, was sich auch an dem spielerischen Umgang mit den Filmen an den Enden einiger Rezepte verdeutlicht. So reichen die Autoren zum „Doctor Who“-Menü eine Schablone, mit der sich die Kräuter besser dekorieren lassen, zum Manga „One Piece“ gibt es eine reich verzierte Schatzkarte, und wer nach dem barbarischen Rindertartar aus „Conan“ noch nicht genug von roher Männlichkeit hat, kann sich im anschließenden Rollenspiel versuchen.

„Food Fiction“ ist eine gelungene Komposition aus Popkino und ungewöhnlichen Rezepten, die der Redewendung „einen Film verschlingen“ neuen Geschmack verleiht.

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