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Die echte Tipp-Kick-Lady - und Alternativ-Vorschläge der FR-Redaktion (v.l.: Cindy Crawford, Angela Merkel, Tipp-Kick-Frau).

Die erste Tipp-Kick-Frau

Tippse mit Knöpfchen

Kurvendiskussion im deutschen Fußball: Ist die erste Tipp-Kick-Frau ein Volltreffer oder ein Eigentor? Von Ute Diefenbach

Von Ute Diefenbach

Sie ist sozusagen die Frau des Anstoßes, obwohl sie sich bisher nichts zuschulden kommen ließ. Schon gar keinen Anstoß, denn auf dem Fußballfeld darf sie noch gar nicht auflaufen. Mit schwarzen Shorts, Stutzen und langärmeligem weißen Trikot ist sie für ihren Einsatz allerdings gerüstet. Die schulterlangen braunen Haare sind aus dem Gesicht gekämmt, der Blick aufs Tor wäre frei. Ihre schmalen Lippen weisen einen Hauch von Farbe auf - rot, aber dezent. Vermutlich trägt sie einen Sport-BH, der etwas zu stramm sitzt und den Oberkörper daher ungünstig verflacht. Vielleicht hat sie aber auch einfach nicht so viel Holz vor der Hütte.

Nein, unbeschreiblich weiblich ist sie nicht. Mehrfach vergrößert bekommt ihr Gesicht sogar fratzenhafte Züge, genau wie das ihrer männlichen Kollegen. Dennoch ist sie ein Star, denn sie soll nach 85 Jahren die erste Frau im traditionell männlichen Tipp-Kick-Spiel sein. Sie verhält sich also wie Ken zu Barbie - nur umgekehrt. Sie ist die Birgit für den Toni, die Steffi für Philipp.

Und wie immer, wenn Frauen sich irgendwo in der Öffentlichkeit als neue Amts- und Hoffnungsträger präsentieren, geht die alte Leier los: Kann die das? Darf die das? Und - wie sieht die überhaupt aus? Fußball-Deutschland ist uneins. Dabei ist die neue Teamkollegin den Männern eindeutig ebenbürtig. Durch einen kleinen Tipp auf den Knopf-Kopf macht das rechte Schussbein Kick. Der Ball ist eckig, und ein Bundesliga-Spiel auf dem 126 mal 86 Zentimeter großen Filzrollteppich dauert (wohl auch bei den Frauen) zweimal fünf Minuten.

Wenn, ja, wenn der Verband die Frauen antreten lässt. Das Tipp-Kick-Mädel entspricht nämlich voraussichtlich nicht den strengen Regularien der Ligen. "Sie ist im Brustbereich wohl doch etwas breiter und nimmt im Abwehrbereich mehr Fläche ein", orakelt Sebastian Krapoth, Präsident des Deutschen Tipp-Kick-Verbandes. Diese Aussage könnte Alice Schwarzer und ihre Genossinnen auf den Plan rufen. Schwingt da in der präsidialen Stilkritik eine frauenfeindliche Grundhaltung mit?

20 Frauen dürfen Knöpfchen drücken

Der Verdacht ließe sich leicht unterfüttern: Unter den 800 Verbandsspielern gibt es grob geschätzt etwa 20 Frauen, die die Knöpfchen drücken dürfen - und keine von ihnen drückt in der Bundesliga. Nun gut, vielleicht haben Frauen andere, sinnfälligere Hobbys. Und vielleicht mag der Präsident einfach keine dicken Frauenschenkel? Die strammen Beine sind nämlich vom männlichen Original übernommen, da diesem "seit jeher ein recht weibliches Erscheinungsbild nachgesagt wird", wie Tipp-Kick-Geschäftsführer Jochen Mieg selbstkritisch anmerkt. Er kann auch begründen, warum die gusseiserne Lady eher sportlich als kurvig daherkommt. Im Familienbetrieb in Villingen-Schwenningen ist man sich einig: "Tipp-Kick darf nicht sexistisch sein."

Mitinhaber Mieg hat die Evolutionsschritte der Fußballerin begleitet, vom ersten Busenwunder-Entwurf bis zur aktuellen abgespeckten Variante: Die Pamela Anderson vom Schwarzwald war vielleicht geiler, obwohl Jochen Mieg das so nie formulieren würde, aber eben nicht authentisch.

Den Designern sei es darauf angekommen, "dumme sexistische Witze von vorneherein zu vermeiden". Und dann ist da noch die praktische Seite: Blond habe einfach nicht gut ausgesehen. Eine große Oberweite hätte zu Problemen in der Handhabung geführt: Stimmt, da könnten feuchte Fingern schnell mal abrutschen - und eine Steilvorlage für schaurige Schenkelklopfer-Gags liefern.

Namenlos

So freut sich Mieg über sein "attraktives, aber sportliches" Mädchen, das übrigens genau wie seine Kollegen keinen Namen hat. Über das große Interesse rund um die Spielerin freut er sich erst recht. Die weibliche Produktion läuft auf Hochtouren. "Die Nachfrage ist groß."

Seit Jahren hatten Händler und Kunden immer wieder zwei Wünsche geäußert, erzählt Mieg. Erstens: "Wann gibt es endlich einen Linksfuß?" Dieses Ansinnen habe man schnell verworfen. "Zu speziell und daher nicht marktfähig." Zweitens: "Wann gibt es endlich ein Mädchen?"

Durchstarten zur WM der Fußball-Frauen 2011

Damit habe man wohl recht lange gewartet, bereut Mieg. Aber nicht zu lang: Pünktlich zur WM der Fußball-Frauen in Deutschland 2011 soll das Mädchen aber durchstarten. Ab September kommen die Kickerinnen mit einer Auflage von 10000 Stück in den Handel, wahlweise im nationalen Schwarz-Weiß-Dress, brasilianisch bunt oder als zierliche Torfrau.

Nicht alle Profi-Tipp-Kicker sind übrigens so skeptisch wie ihr Boss. Birgit Kirschner, die für den ATK Abartika Aitrach in der Regionalliga allein unter Männern schießen lässt, könnte sich durchaus vorstellen, "mal die weibliche Figur einzusetzen". Natürlich nur dann, wenn es die Regeln erlauben und das Schussbein profimäßig mit der Feile präpariert worden sei. Ihr Kick-Kollege Normann Koch aus Lübeck scheint den Ernst der Lage nicht erkannt zu haben. Er hält die Tipp-Kick-Frau für "eine neckische Idee". Vermutlich findet er auch die WM- und EM-Titel der echten deutschen Fußball-Frauen irgendwie putzig.

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