Kühe erschrecken

Die „Kulikitaka-Challenge“ auf TikTok bringt Menschen und Tiere in Lebensgefahr

  • Thomas Kaspar
    vonThomas Kaspar
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Tiere zu Merengue-Musik in Panik versetzen: TikTok-Nutzer posten solche Videos derzeit als „Kulikitaka-Challenge“. Landwirte in Deutschland warnen und halten den Trend sogar für lebensgefährlich.

  • Bei der Challenge versuchen TikTok-Nutzer Kühe zu erschrecken
  • Die „Kulikitaka-Challenge“ kann sowohl für Menschen als auch für die Kühe tödlich enden
  • Die Betreiber von TikTok versuchen jetzt dagegen vorzugehen und löschen Videos

Der Hosenanzug der jungen Frau ist samtig-rot wie das Tuch eines Toreros. Sie spreizt Arme und Beine. Dann setzen die Beats ein und ruckartig springt die Frau im Takt der „Takata“-Merengue-Musik fuchtelnd zur Kuh auf der Weide, bis diese erschreckt davonläuft.

Hampeln, Musik, panische Kuh – der Rinder-Wahnsinn läuft als Video in Dauerschleife. Hundertfach finden sich diese Sekundenfilme derzeit bei TikTok, dem chinesischen sozialen Netzwerk*, das gerade bei sehr jungen Nutzerinnen und Nutzern beliebt ist.

Challenge auf TikTok: Zu Merengue-Musik tanzend sollen Kühe erschreckt werden

Unter „Scare a Cow“ oder „Kulikitaka-Challenge“ versammeln sich all jene, die in die Berge oder auf die Alm fahren, um für ein bisschen Videoglück Kühe zu erschrecken. Namensgeber ist der Merengue-Titel „Kulikitaka“ des karibischen Sängers Tono Rosario.

In dessen Takt bewegen sich die jungen Frauen und Männer. Bauer Georg Doppler kann damit nichts anfangen. „Gehirnamputierte Vollpfosten auf TikTok“, kommentiert er mit breitem Dialekt die Aktion in einem eigenen Video unter dem gleichen Hashtag. Die Tiere könnten gar nicht anders als ihr Revier und ihre Kälber zu verteidigen.

Menschen begeben sich für die Challenge auf TikTiok in Lebensgefahr

Für Menschen besteht deswegen akute Lebensgefahr, wenn eine 700 Kilogramm schwere Kuh gereizt wird. Einen Trend zum absichtlichen Küheerschrecken sehen die Landwirtinnen und Landwirte in Deutschland zwar noch nicht. Doch auch bei Spaziergängern, Radfahrerinnen und Wanderern ist im Umgang mit den Tieren Rücksichtnahme gefragt.

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu Angriffen der Tiere, zuletzt wurden im Juni auf einer Weide am Vilsalpsee in Tirol drei Menschen verletzt. Im Jahr 2014 wurde eine Frau im Stubaital in Österreich von einer Rinderherde totgetrampelt, die wohl ihre Kälber schützen wollte.

Auch für die Kühe kann die Challenge auf TikTok tödlich ausgehen

Doch auch eine panische Flucht der Tiere kann tödliche Folgen haben: Vergangene Woche stürzten nach Angaben der Behörden am Immenstädter Horn im Allgäu 18 Kühe einer Alpe bis zu 300 Meter in die Tiefe. Zwei Kühe überlebten den Sturz nicht, mehrere Tiere wurden verletzt.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass nächtliche Besucherinnen oder Besucher die Herde versehentlich aufgeschreckt haben. „Wir haben keine Hinweise darauf, dass das absichtlich geschehen ist“, berichtete die Stadtverwaltung von Immenstadt, die selbst zehn Alpen verpachtet.

Nach Polizeiangaben vom Donnerstag ist bislang kein Verursacher konkret ermittelt worden. Zudem gehen die Ermittlerinnen und Ermittler im Fall der abgestürzten Tiere von Fahrlässigkeit aus, so dass es vermutlich kein Strafverfahren geben wird, selbst wenn die Verursacher noch gefunden werden. Einen Zusammenhang mit der aktuellen „Kulikitaka“-Challenge auf TikTok sehen die Ermittlerinnen und Ermittler jedenfalls nicht.

Die Betreiber von TikTok beginnen, Videos der Challenge zu löschen

Es gehört zur Absurdität von sozialen Plattformen, dass indes das Wut-Video von Bauer Doppler – „Eich hams ins Hirn gschissen“ – selbst mindestens so erfolgreich ist wie die vielen Erschreck-Schnipsel unter dem Hashtag „Kulikitaka“ selbst.

TikTok kam in der Vergangenheit immer wieder in Verruf*, weil es filternd und diskriminierend eingreift. Betreiber ByteDance steht im Verdacht, nach eigenem Ermessen alles auszufiltern, was das selbst definierte Schönheitsideal und das positive Klima stören könnte, was es etwa Homosexuellen und Menschen mit Behinderungen schwermacht, ein größeres Publikum zu erreichen.

Mittlerweile fängt das soziale Netzwerk auch allmählich an, einige Videos der umstrittenen „Kulikitaka-Challenge“ zu löschen. „Wie unsere Community Richtlinien deutlich machen, dulden wir keine Inhalte, die unnötig schockierend und grausam sind, sowohl gegenüber Menschen als auch Tieren“, sagte eine Unternehmenssprecherin am Montag. „Die Videos unter den genannten Hashtags haben wir entfernt.“ Unklar, ob auch Bauer Dopplers Video davon betroffen ist. (mit dpa) *fr. de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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