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John Edwards und seine Tochter Cate vor dem Gerichtsgebäude in Greensboro.
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John Edwards und seine Tochter Cate vor dem Gerichtsgebäude in Greensboro.

Prozess in den USA

Der tiefe Fall des John Edwards

Er will US-Präsident werden, gilt als Hoffnungsträger der Demokraten - doch dann stürzt er rapide ab. Der Grund: eine Affäre, die er möglicherweise mit Wahlkampfmitteln zu vertuschen versuchte. Jetzt muss John Edwards sich vor Gericht verantworten.

Von Damir Fras und Olivia Schoeller

Er will US-Präsident werden, gilt als Hoffnungsträger der Demokraten - doch dann stürzt er rapide ab. Der Grund: eine Affäre, die er möglicherweise mit Wahlkampfmitteln zu vertuschen versuchte. Jetzt muss John Edwards sich vor Gericht verantworten.

Da stand er wieder, die Arme ausgestreckt wie der Messias, die blonden Haare gefönt wie ein Dressman und das Lachen so strahlend wie aus der Zahnpasta-Werbung. Kein Kandidat in den Präsidentschaftswahlkämpfen 2004 und 2008 war so nett anzusehen wie der Schönling John Edwards, keiner instrumentalisierte seine Familie – Ehefrau Elizabeth, die ältere Tochter Catherine und die beiden Nachzügler Emma Claire und Jack – so geschickt wie er, und keiner präsentierte sich so wortgewaltig als Kämpfer der Entrechteten, wie der junge Rechtsanwalt aus North Carolina.

Zwei Amerikas, zwei Edwards

Als Sohn eines Textilarbeiters und einer Postangestellten wisse er, wie sich Armut anfühle, sagte Edwards und versprach Gerechtigkeit, wenn er US-Präsident würde. „Es gibt zwei Amerikas. Das der Privilegierten und das für alle anderen. Es gibt zwei Amerikas, das für die Reichen mit Krankenversicherung und das für alle anderen“, sagte Edwards damals gerne.

Heute wissen die Amerikaner, dass es damals nicht nur zwei Amerikas, sondern auch zwei John Edwards’ gab: Den Familienvater John Edwards, der sich angeblich um seine krebskranke Frau kümmerte, und den John Edwards, der eine Wahlkampfhelferin schwängerte und versuchte, die Affäre – möglicherweise illegal mit Hilfe von Wahlkampfgeldern – zu vertuschen. Ein Gericht in North Carolina muss nun entscheiden, ob Edwards, der einstige Hoffnungsträger der Demokraten, ins Gefängnis muss.

Edwards’ tiefer Fall beginnt im Februar 2006, als ihn Rielle Hunter in einer New Yorker Bar aufgabelt. Sie soll Edwards mit den Worten angesprochen haben: „Du bist so scharf.“ Ob das stimmt oder nicht, ist unerheblich. Edwards jedenfalls erliegt dem Kompliment und beginnt eine Affäre mit Hunter. Ein Kind kommt zur Welt, zu dem sich Edwards erst vier Jahre später bekennt.

Weil sich Beziehungen dieser Art in US-Wahlkämpfen nicht gut machen, muss der Kandidat geschützt werden. Andrew Young, ein Mitarbeiter von Edwards, gibt sich als Vater aus. Rielle Hunter wird ein Luxusleben finanziert, damit sie den Mund hält. Das Geld kommt von Rachel Mellon, einer reichen Erbin. Sie gibt 725.000 Dollar. Fred Baron, ein enger Freund des Politikers, schießt den Rest zu. Die Sache läuft ein paar Jahre.

Edwards kann sich in der Zwischenzeit weiter als der sorgende Familienvater und Kämpfer der Entrechteten geben. Dank seines Charismas gilt er – trotz seiner für amerikanische Verhältnisse zu radikalen Ideen – als einer der hoffnungsvollsten Kandidaten. Vier Jahre zuvor war er bereits als Vize zusammen mit John Kerry gegen George W. Bush angetreten – und hatte verloren. Dennoch rechnet man ihm 2008 zunächst gute Chancen zu. Die Affäre wird also mit aller Kraft verschleiert.

Erst im August 2008 – Edwards ist mittlerweile doch gegen Barack Obama und Hillary Clinton gescheitert – räumt Edwards die Affäre ein. Seine Frau Elizabeth, die seit Ende 2006 von Rielle Hunter wusste, aber im Glauben gehalten wurde, es habe sich um einen One-Night-Stand gehandelt, hält zu Edwards. Sie trennt sich erst 2010 – einige Monate, bevor sie an Krebs stirbt.

Politisch ist Edwards seither am Ende. Das Image vom Saubermann, der für die Demokraten US-Präsident werden wollte, ist nicht länger zu vermitteln. Die US-Öffentlichkeit fällt ein moralisches Urteil: Edwards ist ein Lügner und ein Ehebrecher.

30 Jahre Gefängnis drohen

Das juristische Urteil müssen zwölf Frauen und Männer fällen, die sich am Dienstag zum siebten Mal in einem fensterlosen Raum eines Gerichtsgebäudes von Greensboro im US-Bundesstaat North Carolina versammelten. Die Mahlzeiten wurden den Geschworenen gebracht, dazwischen lagen lange Debatten über Edwards und die Frage, ob er schuldig ist, Wahlkampfspenden zur Vertuschung seiner Affäre zweckentfremdet zu haben.

Nur darum geht es in dem Verfahren gegen Edwards. Es geht nicht um seine Affäre, nicht darum, wie der heute 58 Jahre alte Mann seine Ehefrau behandelt hat. Moralisches Fehlverhalten und Untreue stehen nicht einmal in den USA unter Strafe. Es geht nur um zwei schlichte Fragen: Hat Edwards gewusst, dass Wahlkampfspenden in Höhe von fast einer Million Dollar eingesetzt wurden, damit niemand merkt, wie es um sein Privatleben wirklich bestellt ist? Und hat Edwards damals erkannt, dass damit Gesetze gebrochen werden? Denn damals war maximal eine Wahlkampfspende von 2300 Dollar pro Person erlaubt.

Edwards selbst, dem im Falle eines Schuldspruchs eine Gefängnisstrafe von bis zu 30 Jahren droht, hat in den vergangenen Wochen vor Gericht nichts zur Urteilsfindung beigetragen. Er hat geschwiegen. Er behauptet, das Geld sei ein Geschenk von Freunden gewesen, keine Wahlkampfspende. Ob das stimmt, ist unklar. Fred Baron ist 2008 gestorben. Rachel Mellon ist inzwischen 101 Jahre alt und konnte nicht vor Gericht erscheinen.

So liegt es jetzt an den zwölf Geschworenen in Greensboro. Sie debattieren und debattieren, aber haben sich bislang nicht auf ein Urteil einigen können.

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