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Bischöfe beim Eröffnungsgottesdienst der Frühjahrsversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. „Pauschale Vorwürfe sind natürlich nicht angemessen“, sagt Julia Knop.

Kirche

„Eine unhaltbare Kriminalisierung homosexueller Menschen“

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Die katholischen Bischöfe haben versprochen, die kirchliche Sexualmoral und den Zölibat überdenken zu wollen. Im FR-Gespräch erklärt die Theologin Julia Knop, was sie von den Beschlüssen erwartet.

Kardinal Marx hat es den Medienvertretern extra noch mit auf den Weg gegeben, als sie in der vergangenen Woche wieder von der Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe im niedersächsischen Lingen abgereist sind: dranbleiben, kritisch beobachten und berichten. Tatsächlich hat die kritische Öffentlichkeit entscheidend dazu beigetragen, dass die katholische Kirche in Deutschland den zigtausendfachen sexuellen Missbrauch durch Geistliche zumindest als Problem erkannt hat. Und dann war es in der vergangenen Woche ausgerechnet eine Frau, von der sich die Bischöfe die Meinung sagen lassen mussten: die Erfurter Theologin Julia Knop. Sie rief den Bischöfen entgegen: „Sie repräsentieren eine Kirche, deren systemische Defekte offenkundig geworden sind.“ Dabei geht es um Macht, den Zölibat und die realitätsferne Sexualmoral der katholischen Kirche. Die Bischöfe haben angekündigt, die Themen nun angehen zu wollen – und auch die Medien sollen dranbleiben. In der Frankfurter Rundschau sagt Julia Knop ebenso deutlich wie in Lingen, was von den Versprechungen der Bischöfe zu erwarten ist – und wo sie noch immer Nachholbedarf sieht.

Frau Knop, beim Studientag zu den Themen Macht, Zölibat und Sexualmoral der deutschen Bischöfe haben Sie als einzige Frau das Wort gehabt. Sieht so die beschlossene Frauenquote der katholischen Kirche in Deutschland aus?
Dass sich die Bischöfe von einer Frau moderieren ließen, war vielleicht ungewohnt, aber es wurde gut akzeptiert. Ich war aber gar nicht die einzige Frau. Wir waren rund 70 Männer und drei Frauen. Die Beteiligung der Moderatorin und der drei männlichen Referenten des Studientags diente dazu, den wissenschaftlich-theologischen State of the Art in die bischöfliche Debatte einzuspeisen. Mit der Frauenquote für kirchliche Leitungspositionen, auf die sich die Bischöfe verpflichtet haben, hatte die Zusammensetzung des Studientags aber nichts zu tun. Dabei geht es ja nicht um kirchliche Konferenzen mit wissenschaftlicher Beteiligung, sondern um permanente Leitungsfunktionen in der Kirche.

Wie bewerten Sie, dass sich die Kirche auf eine 30-Prozent-Frauenquote verpflichtet?
Dass man sich als Kirche auf eine Frauenquote verpflichtet hat, ist gut, zeigt aber auch, wie viel in diesem Punkt noch zu tun ist – strukturell und mentalitätsmäßig. Eine Quote kann immer nur eine B-Lösung sein. Es braucht auf allen einschlägigen leitenden und gestaltenden Posten in der Kirche qualifizierte und kompetente Frauen und Männer in einem ausgewogenen Verhältnis. Da kann eine Quote mittelfristig durchaus etwas bewirken. Nachhaltig wird Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche aber nur werden, wenn die gängigen katholischen Kopplungen von geistlichem Amt und Leitungsvollmacht einerseits, geistlichem Amt und Geschlecht andererseits, aufgebrochen werden.

Sie haben einigen Bischöfen unterstellt, sie hätten die kirchliche „Tradition der Tabuisierung gern fortgeschrieben“. Wie gespalten sind die Bischöfe, was ein offenes Angehen der strittigen Themen betrifft?
Das kann ich nicht im Einzelnen beurteilen, aber dass es Spannungen gibt, ist ja sichtbar. Ich bin froh, dass sie nicht bagatellisiert werden. Das ist ja auch eine Frage kirchlicher Glaubwürdigkeit: nicht nur einen kleinsten gemeinsamen Nenner nach außen zu tragen, der letztlich für alle unbefriedigend ist, sondern sichtbar zu machen, dass die Mehrheit der Bischöfe wirklich etwas bewegen will.

Kann man wirklich von einer Mehrheit sprechen?
Es sind meiner Einschätzung nach nur wenige, die keinen substanziellen Erneuerungsbedarf sehen und keinen Zusammenhang zwischen den Missbrauchsverbrechen einerseits und der jahrzehntelangen Krise der kirchlichen Lehre und Amtstheologie andererseits erkennen.

Und der Rest?
Die klare Mehrheit ist sich der gesamtkirchlichen Dramatik der Situation bewusst und votiert für eine offene theologische Auseinandersetzung und eine strukturelle Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland. Das zeigt das Abstimmungsergebnis zugunsten eines synodalen Weges ganz klar.

Der „synodale Prozess“ soll die strittigen Themen neu angehen. Das haben Theologen wie Sie schon seit Jahrzehnten getan, die Alternativen liegen auf dem Tisch. Ist das nicht wieder eine Hinhaltetaktik?
Nein, das glaube ich nicht. Es wurde in Lingen zwar deutlich, dass es echten Nachholbedarf im Gespräch zwischen Kirche und Theologie gibt. Aber insgesamt bin ich davon überzeugt, dass wir die Ankündigung von Kardinal Marx ernst und die Bischofskonferenz beim Wort nehmen sollten. Natürlich muss sich in der Realität erst bewähren, ob ein solcher synodaler Prozess leisten kann, worauf sich die Bischöfe verpflichtet haben: verbindliche Formate für offene Fragen zu etablieren. Entscheidend wird sein, welche Gruppen – kirchlich engagierte sogenannte „Laien“, die wissenschaftliche Theologie, die Orden – bei der „Synode auf dem Weg“ auf Augenhöhe mit kirchlichen Amtsträgern agieren können. Wenn sie nur beratende Funktion haben sollen, kann man es gleich lassen. Aber wenn man es ernst meint, kann es eine Chance sein, den schleichenden Kollaps der Kirche in Deutschland noch einmal zu verhindern.

Macht, Zölibat und Sexualmoral, sagen Sie, könnten nach dem Missbrauchsskandal nicht mehr „als Lieblingsthemen der katholischen Linken“ abgetan werden. An wen geht der Vorwurf?
Pauschale Vorwürfe sind natürlich nicht angemessen. Aber man darf auch nicht verkennen, dass diese Themen unter den Gläubigen und in der Theologie seit einem halben Jahrhundert zwar immer wieder aufgerufen, ihre öffentliche kirchliche Debatte, zumal mit offenen Perspektiven, bisher aber immer verweigert wurde. Die institutionelle Tabuisierung der Themen hat die kirchliche Kommunikation der vergangenen Jahrzehnte ganz erheblich gelähmt und, das muss man deutlich wahrnehmen, unzählige Menschen aus der Kirche heraus getrieben. Sie hat Berufsbiografien von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ernsthaft beschädigt. Es sind aber keine Themen einzelner Querulanten, die ihre antiklerikalen Reflexe pflegen. Sondern es sind drei der entscheidenden Fragen unserer Zeit und unserer Kirche. Ich bin froh, dass die Bischöfe das nun ausdrücklich thematisiert haben und unterstützen.

Wie glaubwürdig können die Bischöfe hierzulande überhaupt zu neuen Ufern aufbrechen, wenn die polnischen Bischöfe zeitgleich Rechte für Homosexuelle als „ideologische Ideen“ abqualifizieren?
Sexualethische Fragen werden ja in hohem Maße kulturspezifisch gestellt. Im weltweiten Vergleich gelangt man mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten zu unterschiedlichen Antworten. Solche Ungleichzeitigkeiten und Spannungen spiegeln sich natürlich in der Kirche wider, denn sie ist Kind ihrer Zeit und Teil ihrer Gesellschaft. Aber es wäre absurd, die Identität des Katholischen auf ein bestimmtes kirchliches Stadium in der Sexualmoral und in der Wahrnehmung sexueller Identitäten einzufrieren und neue Erkenntnisse als Ideologien zu diffamieren. Glaubwürdig agieren die deutschen Bischöfe, wenn sie den Kenntnisstand und die Erfahrungen unserer Tage mit dem Evangelium korrelieren und ebenso zeitgemäße wie evangeliumsgemäße Positionen finden, die die Christen in Deutschland argumentativ überzeugen.

„Sexueller Missbrauch hat nichts damit zu tun, dass homosexuelle Männer im katholischen Klerus weit überdurchschnittlich vertreten sind“, sagen Sie. Auch das vertreten Kirchenfunktionäre. Müssten die deutschen Bischöfe nicht häufiger innerkirchlich widersprechen, um bei ihrer Neujustierung glaubwürdig zu sein?
Ja, und eine ganze Reihe von ihnen tut das ja auch. Es ist unerträglich, wie manche Kräfte in der Kirche ihre Homophobie zur Erklärung des Missbrauchs benutzen und behaupten, es gäbe keine sexuellen Übergriffe von Priestern mehr, schlösse man Homosexuelle konsequent aus dem Klerus aus. Das ist eine unhaltbare Kriminalisierung homosexueller Menschen, die in modernen Gesellschaften seit mehreren Jahrzehnten eigentlich als überwunden gelten darf. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass nicht Homosexualität als solche, sondern ihre kirchliche Tabuisierung und Pathologisierung ein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch durch narzisstische oder auch sexuell unreife Kleriker ist. Das ist ein spezifisch katholisches Problem. Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft wird die katholische Kirche in dieser Frage erst dann gewinnen, wenn man die überkommene kirchliche Diffamierung von Homosexualität korrigiert und entsprechende human- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse sowie gesellschaftliche Lernprozesse in Lehre und Liturgie der Kirche integriert.

Wann ist bei dieser Gemengelage mit ersten Früchten zu rechnen?
Ich hoffe, bald, denn wir haben keine Zeit mehr für ergebnislose Debatten. Ich hoffe und will mich gern dafür engagieren, dass es belastbare, überzeugende und nachhaltige Früchte sind, die in Lehre, Struktur und Liturgie unserer Kirche erkennbar greifen und vielleicht sogar in die Weltkirche hineinzuwirken vermögen.

Zur Person

Julia Knop, Jg. 1977, ist Professorin für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Sie war eine von drei Frauen unter mehr als 70 Geistlichen auf der Frühjahrskonferenz der Deutschen Bischöfe. Ihren Worten zufolge hat die Kirche in Deutschland „jeglichen Kredit verloren“. 

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