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Wie kein anderer seiner Zeit nimmt Fontane die Perspektive der Frau ein.

Theodor Fontane

Frauenrechtler wider Willen

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Das Fontane-Jahr rückt einen Literaten in den Mittelpunkt, der etliche weibliche Romanfiguren geschaffen hat. Mit Theodor Fontane schrieb aber kein lupenreiner Vorkämpfer für die Sache der Frau.

Am Ende schüttelt sogar Hund Rollo den Kopf. Und der Leser muss es dem einzig treuen Gefährten von Theodor Fontanes wohl berühmtester Frauengestalt Effi Briest nach der Lektüre des gleichnamigen Romans gleichtun. Ja, wenn er nicht sogar laut aufschreien mag. Denn Effi ist tot. Zerbrochen an der Schmach, die sie über Eltern und Ehemann gebracht hat. Ihr einziges Vergehen: Ehebruch, für den sie sogar von ihrer Tochter verschmäht wird, nachdem sie der betrogene Gatte auf seine fragwürdige Seite gezogen hat.

Es triumphiert der Ehemann, der seine Ehre mit dem Mord des Geliebten seiner 20 Jahre jüngeren Frau rehabilitieren wollte. Ganz so, wie es das von ihm genannte „uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas“ verlangt.

„Ehre, Ehre, Ehre“, bricht es ein letztes Mal aus Effi heraus, „den armen Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal liebte und den ich vergessen hatte, weil ich ihn nicht liebte“. Und doch musste auch sie darüber sterben. Nicht einmal die Tatsache, dass Effis alter Mädchenname auf ihrem Grabstein steht, spricht für ihre posthume Selbstbehauptung. Denn sie habe nun einmal „dem andern keine Ehre gemacht“. Dem Namen nämlich von Geert von Innstetten, den ihr Ehebruch befleckte.

Effi Briest ist nicht die einzige Ehebrecherin, die Theodor Fontane entwirft

125 Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Effi Briest“ empören die Hintergründe ihres Untergangs mehr denn je. Und mit jedem Jahr, in dem die Rechte von Frauen ein Stückchen weiter gegen gesellschaftliche Konventionen erkämpft werden, dürfte die Empörung steigen. Das allein schon zeigt die Brisanz von Fontanes Werk, 200 Jahre nach der Geburt des preußischen Romanciers. Und Effi ist nicht die einzige Ehebrecherin, die Fontane entwirft. Auch Franziska Petöfy bricht in „Graf Petöfy“ die Ehe, so wie auch Melanie van der Straaten in „L’Adultera“. Während die eine bereut, wird die andere mit ihrer Herzenswahl sogar glücklich. Melanie van der Straaten solidarisiert sich gar noch vor ihrem eigenen Ausscheren aus den Gepflogenheiten ihrer Zeit mit einem Porträt der biblischen Ehebrecherin: „Geweint hat sie … Gewiss. Aber warum? Weil man ihr immer wieder und wieder gesagt hat, wie schlecht sie sei. Und nun glaubt sie’s auch, oder will es wenigstens glauben. Aber ihr Herz wehrt sich dagegen und kann es nicht finden … Es ist so viel Unschuld in ihrer Schuld.“

Theodor Fontane nimmt die Perspektive der Frau ein

Wie kein anderer seiner Zeit nimmt Fontane die Perspektive der Frau ein, durchleuchtet sie in ihrer kritikwürdigen Rolle, die der Ehemann von Melanie van der Straaten auf den Punkt bringt: Sie war „mehr sein Stolz als sein Glück“. Doch sind es längst nicht nur Ehebrecherinnen, die Fontane erschafft. In „Unwiederbringlich“ tritt die Femme fatale Ebba van Rosenberg auf, die den verheirateten Grafen Helmuth Holk erst verführt und dann eiskalt abblitzen lässt. An einer Stelle lässt er sie gar sagen: „Ich sehe nicht ein, warum wir uns immer um die Männer oder gar um ihre Seeschlachten kümmern sollen; die Geschichte der Frauen ist meist viel interessanter.“

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Es ist fast so, als spräche Fontane selbst ein bisschen aus dieser Femme fatale. In einem Brief schreibt der alternde Fontane 1895 über seine Frauengestalten, das „Natürliche“ an ihnen habe es ihm „angetan, ich lege nur darauf Gewicht, fühle mich nur dadurch angezogen, und dies ist wohl der Grund, warum meine Frauengestalten alle einen Knacks weghaben“. So sehr man dabei zu Recht eine Portion Chauvinismus heraushören mag: In „Mathilde Möhring“ lässt Fontane seine kleinbürgerliche Titelheldin gar eben dies sein: eine Heldin mit Cleverness und Raffinesse, die erst ihren Verlobten zur Karriere anspornt, um sich nach der Heirat selbst gesellschaftlich nach oben zu bringen. Am Ende macht sie sogar ein besseres Examen als ihr Gatte.

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Und das im wilhelminischen Kaiserreich, wo Frauen doch lediglich schmückendes Beiwerk im Schatten ihrer Männer waren. Kein Wunder, dass „Mathilde Möhring“ auch nicht mehr zu Lebzeiten veröffentlicht wurde, zumal Fontane darin auch sein waches Auge für das Elend seiner Zeit beweist, lässt er darin doch auch eine Hausangestellte mit Augenklappe auftreten, die sich ihres abgedeckten, blinden Auges wegen möglichst im Hintergrund halten muss, um bei den hohen Besuchern des Hauses nicht für Unmut zu sorgen. Eine Zumutung auch für die Leserschaft seiner Zeit? Ja, glaubt Gabriele Radecke, Leiterin der Theodor-Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen und Herausgeberin der Großen Brandenburger Ausgabe der Werke und Briefe Fontanes. „Ich vermute, dass Fontane aufgrund der Themen ‚Frauenemanzipation‘ und der Darstellung von Hässlichkeit und Körperbehinderung kein Publikationsorgan gefunden hat und deshalb die Arbeit am Text eingestellt hat.“

Fontane, der erste schreibende Kämpfer für die Emanzipation der Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert also? Einer, der sie aus dem Korsett der patriarchalisch bestimmten Rollenvorstellungen seiner Zeit befreien will? Seine Romane jedenfalls legen es nahe, und auch der Zuspruch, der etwa „Effi Briest“ noch zu Fontanes Zeiten zuteil wurde – obwohl oder gerade weil Effi an ihrem Ausscheren und der darauf folgenden sozialen Ächtung am Ende zerbricht.

Theodor Fontane zettelt keinen gesellschaftlichen Umsturz an

„Ja, Effi! Alle Leute sympathisieren mit ihr“, schreibt Fontane in einem seiner Briefe. „Einige gehen so weit, im Gegensatze dazu den Mann als einen ‚alten Ekel‘ zu bezeichnen.“ In dem Echo, das sein größter Romanerfolg erfährt, sieht Fontane bestätigt, „wie wenig den Menschen an der sogenannten ‚Moral‘ liegt und wie die liebenswürdigen Naturen dem Menschenherzen sympathischer sind“.

Den gesellschaftlichen Umsturz zettelte Fontane mit seinen Frauenromanen deshalb freilich bei weitem nicht an. Ja, man wird sogar sagen müssen, dass es dem alternden Literaten in der außerliterarischen Welt auch gar nicht darauf ankam. „Unsere Zustände sind ein historisch Gewordenes, die wir als solche zu respektieren haben. Man modle sie, wo sie der Modlung bedürfen, aber man stülpe sie nicht um“, schreibt er in einer Replik auf Ibsens „Gespenster“ und verteidigt damit eine Vernunftehe à la Innstetten gegenüber einer Liebesheirat à la van der Straaten.

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Und so wenig sich seine Frau etwa bei einem Besuch in England mit der sich dort Bahn brechenden Frauenbewegung anfreunden konnte – „I had such a good position as the wife to you, that I don’t want a other“, schreibt sie ihrem Mann nach Hause –, so wenig konnte Fontane den Anliegen der britischen Suffragetten etwas abgewinnen. Er zeigt sich vielmehr „amüsiert“ über die Zeilen seiner Frau und schreibt zurück: „Man kann all diesen Dingen gegenüber sagen: ‚warum nicht?‘ aber doch mit größrem Recht: ‚wozu?‘“ Für die Effis, Melanies und Mathildes dieser Welt, mag man einwenden, und das umso mehr, da das Schicksal nicht weniger seiner Frauenfiguren an ein historisches Vorbild angelehnt ist.

Doch auch heutzutage, 200 Jahre nach Fontanes Geburt, sucht man lange nach einem weißen, alternden Mann, der in zweifelsfreier Lauterkeit gegen patriarchale Strukturen anschreibt. Dass aber Fontane die Sache der Frau in all ihren Schattierungen so überzeugend und einfühlsam porträtiert, dass seine eigene, kritikwürdige Sicht der Dinge völlig außen vor bleibt und seine Leserschaft am Ende eben zu Effi statt einem tyrannischen Gesellschafts-Etwas halten, zeigt recht eigentlich erst das literarische Können dieses, wenn man so will, Frauenrechtlers wider Willen.

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