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„Ich habe mich lange nicht getraut, meinen Zweifeln nachzugehen.“
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„Ich habe mich lange nicht getraut, meinen Zweifeln nachzugehen.“

Interview

Ausstieg bei den Zeugen Jehovas: „Plötzlich war ich in der normalen Welt“

  • Steffen Herrmann
    vonSteffen Herrmann
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Als Kind kannte Sophie Jones nichts anderes als ihr Leben bei den Zeugen Jehovas. Und doch gelang ihr der Ausstieg. Ein Gespräch über den Weg aus dem Schatten.

Frau Jones, mit 18 Jahren haben Sie die Zeugen Jehovas verlassen. War das der Beginn eines neuen Lebens?

Definitiv, seit meinem Ausstieg bin ich ein anderer Mensch. Mein Leben hat sich grundlegend verändert.

Und es ist tatsächlich viel passiert: In der Zwischenzeit sind Sie „Miss Sachsen“ geworden und haben ein autobiografisches Buch geschrieben. Was würden Sie der jungen Sophie heute raten?

Dinge viel früher infrage zu stellen. Ich hatte schon früh Zweifel an der Religion und meinem Glauben, aber ich habe mich nicht getraut, diesen Zweifeln nachzugehen. Ich war eine Zeugin Jehovas, ich kannte es nicht anders, ich war indoktriniert.

Auch Ihre Eltern waren Zeugen Jehovas. Wie sind Sie aufgewachsen?

Ohne Weihnachten, ohne Ostern, ohne Geburtstage oder andere Feste, die als heidnisch gelten. Dafür waren wir oft predigen und haben uns innerhalb der Gemeinschaft getroffen. Dort herrschte Schwarz-Weiß-Denken: Die Zeugen Jehovas haben die Wahrheit, und der Rest der Welt ist in der Hand Satans. Diese Weltmenschen sind also schlechter Einfluss, und man muss sie meiden, wenn man Gott näherkommen will. Ich bin also ziemlich isoliert aufgewachsen.

Ich war eine Zeugin Jehovas, ich kannte es nicht anders, ich war indoktriniert.

Sophie Jones

Wie haben Sie diese Isolation damals empfunden?

Als Kind fand ich diese enge Gemeinschaft sehr schön, es war wie eine große Familie. Und so spricht man dort auch: Glaubensbrüder, Glaubensschwestern, Gottes auserwähltes Volk – ich hatte das Gefühl, ein Teil von etwas ganz Großem zu sein. Das war völlig normal, ich kannte es nicht anders. Aber als ich älter geworden bin, habe ich gemerkt, dass ich einer Minderheit angehöre.

Sicherlich nicht einfach für ein junges Mädchen.

Ja, es gab viele Probleme. Wenn Mitschüler Geburtstag hatten, hat die ganze Klasse gratuliert, nur ich nicht. Ich habe Weihnachtslieder nicht mitgesungen, keine Ostereier bemalt – alles Sachen, die für die anderen normal waren, habe ich nicht mitgemacht. Stattdessen habe ich in der Bibel gelesen oder bin mit anderen Zeugen Jehovas von Tür zu Tür gegangen, um zu predigen. Wäre ich nach einem Unfall bei einem Schulausflug im Krankenhaus gelandet, hätte ich den Ärzten gesagt: Ich will lieber sterben als eine Bluttransfusion zu bekommen. Also ich wusste schon vor der Teenagerzeit: Ich bin anders.

Ihr Alltag, Ihre Gedanken, alles war bestimmt durch die Regeln der Gemeinschaft?

Genau, der Glauben war der Lebensinhalt, er hat das ganze Leben beeinflusst.

Gab es einen Satz, der Ihre Kindheit besonders geprägt hat?

Dass Gott an erster Stelle steht. Man wird dazu erzogen, ein perfekter Christ zu sein, und man lebt, um Gottes Willen auf der Erde zu erfüllen.

Die Zeugen Jehovas erwarten das baldige Weltende, den Weltuntergang. Was macht dieses bedrohliche Szenario mit einem Kind?

Als Kind fand ich das überhaupt nicht schlimm, ich habe mich auf den Weltuntergang gefreut. Mir wurde immer gesagt: „Wir leben in der Zeit des Endes, und es könnte jeden Moment so weit sein.“ Ich habe das alles wörtlich genommen. Meine kindliche Vorstellung war: Erst kommt das Harmagedon, also die Schlacht Gottes, bei der die Welt vom Bösen gesäubert wird, dann kommt das Paradies.

Und Sie wollten ins Paradies?

Ja, das war immer mein Ziel. Sie müssen wissen, dass die Welt, in der wir leben, von den Zeugen Jehovas wahnsinnig schlechtgeredet wird: Alles ist böse, überall muss man sich vor Satan hüten. Das irdische Leben ist völlig belanglos, es geht nur darum, Gott zu beweisen, dass man sein treuer Diener ist. Selbst wenn man in diesem Leben stirbt, ist das völlig egal, Hauptsache, man kommt ins Paradies. Das Ziel war immer das ewige Leben im Paradies.

Damit waren Sie in der Schule eine Außenseiterin.

Total, für meine Mitschüler und Lehrer war das Schwachsinn. Einerseits habe ich mich persönlich angegriffen gefühlt, andererseits war es mir peinlich. Ich habe deshalb auch nicht immer zu meinem Glauben gestanden, sondern versucht, mich zu verstecken, um mich vor der Kritik zu schützen.

Ich habe mich geschämt und hatte das Gefühl, dass Gott mich und meine Fehler sieht. 

Sophie Jones

Zu der Kritik von außen kamen Zweifel von innen.

Ich hatte große Zweifel an der Religion und meiner Lebensweise. Aber es hieß dann immer: Dein Glaube ist zu schwach, du hast nicht genug studiert, dein Verhältnis zu Jehova ist zu schlecht – also: Du bist selbst schuld. Ich habe mich geschämt und hatte das Gefühl, dass Gott mich und meine Fehler sieht. Deshalb habe ich mich in das Bibelstudium gestürzt, um meine Zweifel zu kompensieren. Aber über die Jahre sind sie immer größer geworden.

Trotz aller Zweifel sind Sie in der Gemeinde geblieben – und haben sich im Alter von 17 Jahren sogar noch taufen lassen.

Das war schon verhältnismäßig spät. Man wird natürlich auch beäugt, wenn man sich so viel Zeit damit lässt – nach dem Motto: Was stimmt denn nicht mit dir? Und ich wollte natürlich nicht noch weiter im Fokus stehen, also habe ich mich taufen lassen. Direkt nach der Taufe musste ich den Kontakt zu meinem Vater abbrechen.

Warum?

Mein Vater hatte die Zeugen Jehovas verlassen, als ich acht Jahre alt war, nach der Trennung meiner Eltern. Alle Gemeindemitglieder haben deshalb den Kontakt zu ihm abgebrochen, ich habe ihn aber noch regelmäßig treffen können. Mit meiner Taufe war das dann aber vorbei.

Also mit 17 Jahren der Abschied vom eigenen Vater?

Das war schlimm, ich habe wahnsinnig darunter gelitten. Aber es hat mich auch zum Nachdenken gebracht: Warum leide ich so sehr, wenn ich angeblich doch alles richtig mache? Wie soll ich meinen Vater ehren, wenn ich ihn auf der Straße nicht mehr grüßen darf, weil er die Gemeinde verlassen hat? Als ich dann auch den Kontakt zu meiner besten Freundin abbrechen sollte, weil sie ausgeschlossen worden war, habe ich gesagt: Okay, ich will nicht mehr leiden, und ich will auch nicht in ein Paradies, das die Menschen ausschließt, die mir am meisten bedeuten.

Die Entscheidung war gefallen. Wie lief der Ausstieg ab?

Ich bin ein letztes Mal zu einer Zusammenkunft gegangen und habe einigen Menschen, die mir am Herz lagen, gesagt, dass sie mich zum letzten Mal sehen und was die Gründe für meinen Ausstieg sind. Und dann bin ich gegangen und nie wiedergekommen.

Gab es Versuche, Sie zurückzugewinnen?

Ja, einige Male standen Gemeindemitglieder vor meiner Tür. Ich habe aber alles abgeblockt, auch weil ich Angst hatte einzuknicken. Nach einer Weile hatte ich dann meine Ruhe.

Der Ausstieg bedeutete aber auch: Mit einem Schlag hatten Sie Ihr gesamtes Umfeld verloren.

Komplett, ja, auch meinen Lebensinhalt. Es ist wahnsinnig zeitaufwendig, Zeuge Jehovas zu sein: Es gibt mindestens zwei Zusammenkünfte pro Woche, auf die man sich intensiv vorbereiten muss, es gibt Predigtdienste, Bibelstudium. Das fiel alles weg, ich hatte plötzlich superviel Zeit.

Vorher gab es klare Antworten auf diese Fragen, jetzt war alles offen. Ich konnte machen, was ich wollte.

Sophie Jones

Wie sind Sie damit umgegangen?

Schon vor dem Ausstieg habe ich versucht, mir außerhalb der Gemeinde Freunde zu suchen, damit ich nicht völlig alleinstehe. Erzählt habe ich von meinen Ausstiegsplänen oder meinem Leben als Zeugin Jehovas aber kaum jemandem, das habe ich mit mir selbst ausgemacht. Für die meisten wäre es sowieso völlig unverständlich gewesen, was in mir vorging. Ich habe mir Fragen gestellt wie: Sind die Grundsätze, die ich mein ganzes Leben eingetrichtert bekommen habe und an die ich fest geglaubt habe, wirklich die, nach denen ich mein künftiges Leben ausrichten möchte? Feiere ich Geburtstage oder Weihnachten? Wenn ich einen Mann kennenlerne, habe ich dann Sex vor der Ehe oder nicht? Trage ich künftig kurze Röcke? Will ich mein Abitur nachholen, werde ich studieren? Vorher gab es klare Antworten auf diese Fragen, jetzt war alles offen. Ich konnte machen, was ich wollte.

Wie lange haben Sie gebraucht, um die Regeln und Wertvorstellungen der Zeugen Jehovas von sich abzustreifen?

Das hat gedauert. Ich habe zum Beispiel lange nach dem Schema gelebt: Ganz oben steht Gott, dann kommt der Mann, und dann irgendwann die Frau. Ich habe mich nie mit Gleichberechtigung beschäftigt. Plötzlich war ich in der normalen Welt, und nach einer Weile habe ich begriffen, dass ich Männern in nichts nachstehe. Dass ich mir nichts von jemandem sagen lassen muss, nur weil er ein Mann ist.

Sie haben sich dann entschlossen, auf Youtube über Ihr Leben als Zeugin Jehovas und den Ausstieg zu sprechen. Warum?

Sophie Jones kannte ihr Leben lang nur die Zeugen Jehovas. Jetzt ist sie ausgestiegen.

An meinem 23. Geburtstag habe ich das erste Video hochgeladen, das war mein Outing sozusagen. Vorher habe ich mich an Geburtstagen immer komisch gefühlt, weil ich nicht wusste, wie ich mit dem Datum umgehen soll. Ich hatte nur mit meinen engsten Freunden über die Zeugen Jehovas gesprochen, weil die Scham so groß war. Mit dem Video wollte ich endlich zu meiner Vergangenheit stehen, ich habe das für mich gemacht. Die riesige Resonanz hat mich überrascht und mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin. Und dann habe ich beschlossen, aufzuklären, mehr Videos aufgenommen und mich einem Verein angeschlossen, der Aussteigern hilft.

Melden sich Betroffene bei Ihnen?

Ich bekomme täglich mehrere Nachrichten. Viele sind selbst Aussteiger, die ihre Erfahrungen teilen wollen, oder aktive Zeugen, die Hilfe brauchen und einen Ausstieg planen. Andere sind in einer heimlichen Beziehung mit einem Zeugen Jehovas oder haben Verwandte, die Zeugen sind. Daran merke ich, wie wichtig es ist, über das Thema zu sprechen.

Haben Sie inzwischen wieder Kontakt zu Ihrem Vater?

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, ja. Auch zu meiner besten Freundin, die damals ausgeschlossen wurde, habe ich wieder Kontakt. Bei meiner Mutter ist das anders, sie ist weiterhin Zeugin Jehovas. (Interview: Steffen Herrmann)

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