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Alexander Martschenko vor der Haft mit Frau Jekaterina.
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Alexander Martschenko vor der Haft mit Frau Jekaterina.

Russland

Folter und Haft: Ukrainischer Geschäftsmann kämpft um seine Freiheit

  • VonDmitri Durnjew
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  • Stefan Scholl
    Stefan Scholl
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Der ukrainische Geschäftsmann Alexander Martschenko wurde von Rebellen im Donbass gefoltert und in Russland für zehn Jahre ins Gefängnis geworfen – wegen eines alten italienischen Sportwagens.

Weh täten vor allem die Wochenenden, sagt Jekaterina. An Werktagen habe sie als Angestellte bei der Steuerpolizei viel Arbeit und Menschen um sich. Aber am Wochenende seien alle anderen bei ihren Familien oder Partnern. „Dann spüre ich, wie mir Alexander fehlt.“

Alexander schreibt in einem Brief aus russischer Haft über andere Schmerzen: „Sie ketteten mich mit der linken Hand ans Oberteil eines Gitters. In dieser Position hing ich einen Tag und eine Nacht. Ohne Essen und Wasser.“

Russland: Krieg und seine etwas anderen Opfer - Ukrainischer Mittelständler in Folterhaft

Krieg tötet, trennt Menschen, martert sie. Selbst, wenn er halb vertuscht wird, wie jener Krieg, den Russland 2014 im Donbass angezettelt hat. Er wütet auch gegen Leute, die sich eigentlich raushalten wollen.

Wie Alexander Martschenko. Der ukrainische Geschäftsmann wurde gefangen und gefoltert, kam dann in Russland für zehn Jahre im Gefängnis – wegen eines alten italienischen Sportwagens.

Alexander, Jahrgang 1971, ein mittelständiger Grubenmaschinenhändler, träumte einen unkriegerischen Traum namens Lamborghini. Martschenko war kein Millionär, er und Jekaterina lebten in Kiew in einer Mietwohnung. Aber er hatte sich schon als Kind verliebt, als er den ersten „Lambo“ auf einem Sammelbildchen in der Verpackung eines Importkaugummis sah.

Traum wird zum Alptraum: Prorussische Separatisten kapern Autosalons

2009 kaufte er einen echten Lamborghini Diablo, Jahrgang 1991, seinerzeit das schnellstes Serienfahrzeug der Welt. Allerdings ein Unfallwagen mit geflickter Frontkarosserie, voller fremder Ersatzteile.

Alexander wollte den Wagen in den Originalzustand zurückversetzen, schaffte ihn nach Donezk, in die nächste Werkstatt, die solche Fahrzeuge restaurierte. Einzelteile waren rar und teuer, die Arbeit zog sich Jahre hin.

2014 aber brachten prorussische Separatisten Donezk unter ihre Kontrolle. Bewaffnete kaperten Autosalons, den Lamborghini fuhren sie weg. Alexander und sein Traum waren auf verschiedene Seiten der Front geraten.

Ukrainer entdeckt Sportwagen bei Rennen von Separatisten in Donezk

2017 sah er seinen inzwischen schwarz lackierten „Lambo“ wieder, auf einem Video über ein Dragster-Rennen der Separatisten in Donezk. Er erkannte den Wagen unter anderem am Sitzleder, das er selbst mit bezogen hatte. Und von Bekannten erfuhr er, Alexander Timofejew, Feldkommandeur Steuerminister der Separatisten, habe sich das Fahrzeug angeeignet.

2018 aber wurde Timofejew bei einem Bombenanschlag verletzt, dann entmachtet und als Dieb beschuldigt, floh nach Russland. Und im Dezember hörte Martschenko aus Donezk, die Separatisten wollten allen von Timofejew Beraubten ihren Besitz zurückgeben. Wenn Alexander bis zum Jahresende den Diebstahl anzeige und die Papiere in Ordnung seien, bekäme er den „Lambo“ bald wieder.

Russland: Ukrainischer Geschäftsmann am Grenzübergang entführt

Martschenko beeilte sich, flog mit ukrainischen Nummernschildern über Moskau nach Rostow am Don, fuhr weiter nach Donezk, beantragte dort die Freigabe seines Lamborghinis. Am nächsten Tag wollte er über Rostow heimreisen, ein Bekannter sollte den Wagen später in die Ukraine fahren. Aber am Grenzübergang nach Russland erwarteten Alexander Maskierte. „Sie stülpten mir einen Sack über den Kopf und luden mich in einen Kleinbus“, schreibt er später.

Er landete wieder in Donezk, in der „Isolation“, einer früheren Kulturfabrik, die Separatisten hatten ein Gefängnis daraus gemacht. „Arbeitest du für ausländische Geheimdienste?“ Er verneinte, wurde zusammengeschlagen.

Ukrainer wird Spionage vorgeworfen: Zehn Jahre Haft in Russland

Die Verhöre konzentrierten sich bald auf Waffenschmuggel, man zeigte ihm Videos eines fremden Russen, der ihn schwer belastete. Noch widersprach er, wurde entkleidet, die Schergen wickelten ihm Drähte um Zehen und Genitalien, gossen Wasser darauf und jagten Strom hindurch.

Am Ende musste er vor laufender Kamera Geständnisse in verschiedenen Versionen aufsagen, sie versprachen ihm höhnisch einen Oscar. Die Foltern hörten auf. Aber die Lärmisolierung im Gebäude war miserabel, er hörte die täglichen Schreie junger Frauen, die vergewaltigt wurden.

Nach zwei Monaten übergab man ihn an der Grenze dem russischen Staatssicherheitsdienstes FSB. Mit einem Sack über den Kopf landete er im südrussischen Krasnodar, die Beamten dort ignorierten seine Beschwerden über Verschleppung und Folter, vernahmen ihn wieder wegen Waffenschmuggels. „In dem FSB-Büro, wo ich verhört wurde, tauchte einer der Männer auf, die mich in Donezk gefoltert hatten. Er sagte, ich solle alle Aussagen unterschreiben, die sie haben wollen, sonst bringe er mich wieder in die „Isolation“. Ende April 2019 eröffnete der FSB ein Strafverfahren gegen Martschenko wegen versuchten Waffenschmuggels, am 26. November aber verurteilte man ihn als Spion zu zehn Jahren verschärfter Lagerhaft.

Ukrainer droht zehn Jahre Gefängnis: Rebellen liefern Russland eifrig geständige „ukrainische Spione“

Laut Anklage hatte Martschenko im Sommer 2018 versucht, in Russland zwei Elektronenröhren zur Verstärkung von Hochfrequenzsignalen für sowjetische S-300-Luftabwehrraketen zu kaufen und in die Ukraine zu schaffen. Der Deal sei gescheitert, weil der russische Verkäufer einen Rückzieher gemacht habe.

Martschenkos Verteidiger Jewgeni Smirnow von der Petersburger Anwaltsgruppe Komanda 29 sagt, das Urteil stütze sich auf Zeugen, mit denen Martschenko nie gesprochen habe. Und auf ein Gutachten, das alte, auch in der ukrainischen Armee vorhandene Elektronenröhren zum Staatsgeheimnis erklärte, das angebliche Vorhaben, es zu kaufen, aber zur Spionage.

„Die Staatsanwälte und Richter wollen einen Menschen für einen Gedanken, dem sie ihm unterstellen, zehn Jahre ins Gefängnis bringen“. Smirnow sagt, seit 2014 würden in Russland sehr viele Menschen wegen Spionage für die Ukraine verurteilt. „In Justizkreisen besitzt Spionage viel mehr Prestige als der Schmuggel irgendwelcher Waffenersatzteile“, erklärt Smirnow. „Dafür winken hohe Prämien und schnelle Beförderungen.“ Wohl auch deshalb liefern die Rebellen im Donbass der russischen Obrigkeit eifrig geständige „ukrainische Spione“.

Russische Menschenrechtler sehen politische Motive: Ukrainer leidet im Gefängnis

Die Moskauer Menschenrechtsgruppe Memorial hat Martschenko zum politischen Gefangenen erklärt. Und Anwalt Smirnow hofft, Russlands letzte Berufungsinstanz, das Oberste Gericht, wo Komanda 29 schon wiederholt Recht bekommen hat, werde das Urteil kassieren oder entscheidend mildern. Vielleicht kommt Alexander auch bei einem Gefangenenaustausch mit der Ukraine frei.

Jekaterina sagt, ihr Mann leide nach den Foltern an Herzrhythmusstörungen. Vor allem aber mangele es ihm im Gefängnis an Tabletten, die nach einer Kehlkopfkrebsoperation für ihn lebenswichtig seien. „Er wird mit Karzer bestraft, weil er sich aufs Bett gelegt hat, vor Schwäche.“

Aber Jekaterina glaubt an ihren Mann, der sie vergangenes Jahr aus Russland ein paar Mal anrufen konnte. „Seine Wille ist ungebrochen. Er hat mich am Telefon sogar getröstet.“ Jekaterina kämpft, schreibt Eingaben, demonstriert wie die Frauen anderer Opfer vor Kiewer Ministerien, um Alexander auf die maßgeblichen Listen der auszutauschenden Gefangenen zu bringen. Aber nicht alle Behörden wollten ihrem Mann helfen. „Wer so ein Auto fährt, könne auch seinen Anwaltskosten selbst bezahlen, hat ein Beamter gesagt.“ Alexanders Lamborghini steht weiter im Donbass und bleibt verteufelt. (Dimitri Durnjew/Stefan Scholl)

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