+
Leerer Pool und weiter Himmel: "Es sah so nach Freiheit aus."

Texas

Die Teilzeittexaner

  • schließen

Staub, Sterne, Fledermäuse: Drei Frankfurter haben eine Geisterstadt in der texanischen Wüste gekauft. Seit 15 Jahren erwecken sie und ihre Freunde Lobo immer wieder zum Leben. Ein Ortsbesuch.

Man kann hier stundenlang geradeaus fahren. Muss man sogar. „Dem Straßenverlauf folgen“, nennt der digitale Beifahrer das. Die gelbe Mittellinie der Route 90 verschwimmt flimmernd mit dem Horizont. Rechts und links staubiger Boden, ein paar Büsche, manchmal Weideland, die Gleise der Union-Pacific-Railroad-Gesellschaft, in der Ferne blaue Hügel. Dahinter fließt der Río Grande, die Grenze zu Mexiko. Die Chihuahua-Wüste im Westen von Texas kann ein einsamer Ort sein. Irgendwann aber tauchen bunte Lichter in der Dämmerung auf. Vorausgesetzt natürlich, es dämmert gerade und man kommt zum richtigen Zeitpunkt. Andernfalls würde man hier an ein paar verlassenen Häusern vorbeifahren, an einer Geisterstadt. Wenn die Lichter aber leuchten, werden hier gerade wieder die Geister vertrieben, wenn man so will.

Lichterketten tauchen an diesem Septemberwochenende ein Gebäude mit einem hohen, ausladenden Vordach und großen Fenstern in rot-oranges Licht, das noch an eine Tankstelle erinnert. Es ist das Herzstück von Lobo. Verantwortlich dafür, dass die ehemalige Siedlung nicht immer menschenleer in der Landschaft steht, sind ein paar Freunde aus Frankfurt. Und zwei Kneipen im Stadtteil Sachsenhausen, südlich des Mains, Tausende Kilometer Luftlinie entfernt. 

Geisterstadt. Das hört sich groß an. Tatsächlich sollen hier einmal rund 80 Menschen gewohnt haben, erzählt man sich. Heute ist davon nicht mehr viel zu sehen. Lobo, oder das was davon übrig ist, liegt etwa zwei Autostunden südwestlich der Grenzstadt El Paso. Erhalten ist die frühere Tankstelle samt dem wuchtigen Dach über einem betonierten Vorplatz, ein aus dunklen Steinen gemauertes, einstöckiges Motel mit vier Zimmern, ein nierenförmiger Pool ohne Wasser und ein altrosafarbenes Gebäude, das einmal einen Supermarkt und ein Postamt beherbergte.

Dazu kommen vier bis fünf kleine, einfache Häuser in mehr oder weniger schlechtem Zustand. Ein weiteres ist irgendwann abgebrannt, übriggeblieben ist nur ein verkohlter Haufen. Wieder ein anderes Haus hat ein Farmer abtransportiert und woanders wieder aufgebaut. Ganz hinten auf dem Gelände, nahe eines Brunnens, steht noch ein graues Dusch- und Toilettenhaus. Wer hineingeht, kann auch von innen den Nachthimmel sehen.

Durch Lobo führen staubige Trampelpfade an Lichterketten entlang, zwischen den Häusern wachsen Büsche und hochgeschossene Wüstenpflanzen. Ringsherum verlaufen Zäune, sie grenzen die rund vier Hektar Lobo vom Land der Farmer ab. Man kann in einer Viertelstunde eine Runde durch die Geisterstadt drehen, dann ist man wieder unter dem Dach der Tankstelle angekommen, die gerade wieder zu einem improvisierten Bring-dein-eigenes-Bier-mit-Saloon geworden ist. Wie immer, wenn die Lichter leuchten. 

Ende der 1990er Jahre hingen an dieser Tankstelle keine bunten Glühbirnen, sondern eine Art Immobilienanzeige: „Lobo town for sale, ask John“ – und eine Telefonnummer. So erinnern sich die heutigen Teilzeittexaner. Entdeckt wurde das Angebot bei einer Motorradreise, heißt es. Eine Idee war geboren, aber erst einmal eben nur eine Idee. Eine, die am Tresen erzählt vermutlich ziemlich witzig klingt, charmant, verrückt vielleicht, aber auch etwas abwegig. In der Frankfurter Bar Dreikönigskeller ist Lobo jedenfalls immer wieder Gesprächsthema zu jener Zeit.

Ein paar Jahre später, irgendwann im Herbst 2001, sitzen die Künstlerin und Galeristin Annette Gloser, Programmierer Claus-Peter Mörchen und Alexander Bardorff, damals Dreikönigskeller-Wirt, zusammen. Es geht mal wieder um Lobo, diesmal in einer anderen Kneipe, „Zur Glocke“ rund hundert Meter entfernt. Die Freunde schauen sich Fotos an, einer der frühen bezahlbaren Digitalkameras sei Dank. „Alexander und ich hatten Bedenken“, erinnert sich Mörchen heute. Er trägt eine olivgrüne Bomberjacke über einem Star-Wars-T-Shirt und Shorts. „Die Idee ist gut. Aber brauchen wir das? Könnte teuer werden.“

Die Entscheidung fällt dann an jenem Abend vor mehr als 15 Jahren. „Mit viel Alkohol“, sagt Mörchen. Wer sein Geld in verfallende Häuser in der Wüste steckt, entscheidet das wohl nicht ganz nüchtern. „Sechs Wochen später gehörte uns die Stadt“, sagt er nicht ohne Stolz und schaut auf eine Band, die gerade Soundcheck mitten in der Einöde macht, Synthie-Klänge wabern über die Steppe.

Lobo-Kaufpreis ist Betriebsgeheimnis

Der Kaufpreis ist ein Betriebsgeheimnis. Mit der Summe hätte man stattdessen auch einen gebrauchten Kleinwagen kaufen können, lautet die Sprachregelung. Schnell waren rund 15 weitere Freundinnen und Freunde, einige Dreikönigskeller-Stammgäste, überzeugt. Manche kauften ein Haus, andere ein Zimmer im Motel, mitunter ohne es je zuvor gesehen zu haben. Es folgten aufwendige, aufreibende und nicht ganz billige Renovierungsarbeiten. Heute gibt es Strom und eine Wasserpumpe, der Zustand der Gebäude changiert irgendwo zwischen Bau wagenplatzromantik und Illegale-Party-Charme. 

Annette Gloser hat kurze, pechschwarze Haare und ein hellblaues Tuch mit Blumenmuster um den Hals geknotet. Sie sitzt auf einem wackeligen Plastikstuhl auf der Veranda eines der Häuschen und versucht zu erklären, warum sie damals sofort Feuer und Flamme war. „Bei meinen Kunstprojekten liegt das Augenmerk immer auf einem besonderen Ort“, sagt Gloser, die für ihre Arbeit mit und in Off-Spaces bekannt ist. Aber die sind letztlich immer begrenzt, „ich habe die Zeit gegen mich.“ Aber auf einmal habe es da die Möglichkeit gegeben, etwas Bleibendes zu schaffen. Gloser hat sogar anfangs mit dem Gedanken gespielt, nach Lobo auszuwandern.

„Es sah so nach Freiheit aus“, sagt sie. „Es hat Jahre gedauert, bis ich die Idee verworfen habe.“ Als sie diesmal zurückgekehrt ist und ihr Häuschen nach langer Abwesenheit aufgeschlossen, die vernagelten Fenster geöffnet hat, hatten Termiten den Türrahmen zerfressen. „Es ist auch ein Kampf gegen die Natur. Die Natur holt sich viel zurück.“ Den Tisch in ihrem Wüstenzuhause hat sie von der Decke abgehängt, er hat keine Beine, damit keine Tiere daran hochklettern können. „Vielleicht werden wir den Kampf verlieren, aber dann hat man es versucht“, sagt Gloser. 

Meist nagen Wind und Wetter an den Gebäuden oder eben Termiten, manchmal wird der Kampf auch persönlicher. Gloser erinnert sich an einen Abend an dem sie im Dunkeln in ihr Haus zurückkehrte und mit ihrer Taschenlampe einer Klapperschlange ins aufgerissene Maul leuchtete. Ist noch mal gutgegangen. Trotz aller Beschwerlichkeit liebt sie den Ort, die Ruhe, die Abgeschiedenheit, die Weite des Himmels. „Man verwildert hier ein bisschen.“

Lobo, das heißt eigentlich Wolf auf Spanisch, hier interpretiert man es aber auch als Abkürzung für „low life bohemians“, im Gegensatz zu den Bobos, den „bourgeois bohemians“, die man etwa im rund eine Autostunde entfernten Künstlerstädtchen Marfa treffen kann. Oder auch in Frankfurt-Sachsenhausen.

Über die Geschichte der Geisterstadt schreibt die Texas State Historical Association, im späten 19. Jahrhundert sei in der Gegend ein Depot der Eisenbahn entstanden, hinzu kamen einige Viehgatter. In der Nähe gab es einen nicht ganz unwichtigen Brunnen, früher eine Haltestelle der Postkutsche zwischen San Antonio und San Diego. 1907 soll eine Postfiliale eröffnet worden sein, benannt nach den Wölfen, die in der Gegend gesichtet wurden. Später entstand nach etlichen Irrungen und Wirrungen ein Hotel, es zogen einige Leute in den Ort. Das Hotel wurde jedoch während eines Erdbebens zerstört. Ende der 1940er Jahre brachten ein Bewässerungssystem und Baumwolle wieder Menschen nach Lobo.

Farmer Mike Brewster hat diese Zeit miterlebt. Er trägt hellbraune Lederstiefel unter seiner Jeans und dürfte das Rentenalter längst erreicht haben. Er sitzt unter dem Tankstellenvordach, will sich selbst anschauen, was diese Deutschen aus Lobo gemacht haben. Brewster ist so etwas wie ein Nachbar, oder zumindest das, was man hier Nachbar nennt: Ihm gehört die nächste Farm. 

Baumwolle? Das war einmal. Inzwischen baut er Schneckenklee an, auch Luzerne oder Alfalfa genannt. Damit füttern die Rinderfarmer ihr Vieh. Seine Mutter hat im Lebensmittelladen in Lobo gearbeitet, erzählt er mit texanischem Akzent. Er erinnert sich, dass die „wohlhabenden Leute“ aus einem Städtchen in der Nähe sonntags in das Café in der Tankstelle zum Essen kamen, nach der Kirche natürlich. Für die achtköpfige Farmerfamilie damals ein unerschwingliches Vergnügen. Früher, in den 60er und 70er Jahren, habe es hier im Tal 32 Farmen gegeben, sagt er.Damals wurde noch Baumwolle angebaut, auch sein Vater setzte darauf. Übrig sind heute knapp vier Farmer, sagt Brewster. Die Kosten waren gestiegen, die Baumwollpreise und der Wasserstand gefallen. „Im Tal sind in den 80ern alle pleite gegangen.“ Ende der 80er, so kann man nachlesen, war Lobo dann schließlich eine Geisterstadt – und auf dem Immobilienmarkt.

Für die Renaissance von Lobo ist vor allem das Jahr 2003 prägend. Wegen der „Town Warming Party“, dem Einweihungsfest, auch „Lobo Motion“ genannt, an einem Wochenende im Mai – mit Ausstellungen, Bands aus Texas und Deutschland, und einem vollen Pool. Die Lobos hatten sich von den Strapazen der Bauarbeiten einigermaßen erholt und luden ihre Freunde ein. Aber auch ehemalige Bewohner kamen vorbei. Eine alte Frau erzählte von ihrer Kindheit in der Stadt, ein Reumütiger brachte das Ortsschild zurück, das er mitgehen lassen hatte (inzwischen wurde es wieder geklaut). „Absurdes Theater vor grandioser Kulisse“, hieß es in der Frankfurter Rundschau.

Es ist ein Wochenende, das hier keiner vergessen hat. Auch fünfzehn Jahre später wird wieder gefeiert, vielleicht auch deswegen. Diesmal ein paar Nummern kleiner: Für das Desert-Dust-Cinema-Festival hat Miteigentümer Axel Rössler experimentelle Kurzfilme ausgewählt, die an die Tankstellenwand projiziert werden. Viele der Gäste sind weit angereist, aus Frankfurt natürlich, aber auch aus Arizona oder aus New Jersey.

Rössler, grauer, buschiger Schnauzer, breite Koteletten bis zu den Unterkieferknochen, hat einen braunen Cowboyhut mit breiter Krempe auf dem Kopf, auf seiner Stirn zeichnen sich kleine Schweißperlen ab, wenn er durch die Stadt führt. Die Hitze ist er gewohnt, der Frankfurter lebt seit einiger Zeit in Arizona, von wo aus er vor allem an 3D-Animationen und Motion Design für Filme arbeitet. Er hat sich diesmal im früheren Motel eingerichtet. Sein Haus besetzen derweil Bienen, „Killerbienen“ wird diese Art hier respektvoll genannt.

Eine Eulenfamilie war auch schon einmal eingezogen, samt „niedlichen weißen Babys“. Nachteil: Verscheuchen kam nicht infrage, durchschlafen bei der Lautstärke des Nachwuchses aber auch nicht. Hinter der himmelblauen Holztür mit der Nummer vier liegt das temporäre Zimmer, eine Matratze als Bett, ein Tisch aus Spanplatten gezimmert, darauf ein silberner Macbook mit den Filmen fürs Festival. Zum Zimmer gehört ein kleines Bad, in weiß-fleischkäsefarbenem Karomuster gefliest. Es funktioniert nicht, was hier keinen stört. Um Komfort geht es nicht. 

Der Pool, in dem einst Motelgäste planschten, ist nur ein paar Meter entfernt. Anfangs war das leere Becken voll ausgetrockneter Büsche, erinnert sich Rössler. Die Tumbleweeds, bekannt als Statisten in jedem ernstzunehmenden Western, die der Wind vor sich her treibt, hatten sich dort im Laufe der Jahre verfangen. Man kann sich immer noch mühelos vorstellen, wie früher hier Besucher die Beine ins glitzernde Wasser baumeln ließen. Früher. Die Bordüre mintgrüner Fliesen erinnert inzwischen ein bisschen an das Gebiss eines alten Landarbeiters ohne Krankenversicherung. 

Längst reicht das Wasser, das der Brunnen aus der Tiefe pumpt, nicht mehr, um den Pool aufzufüllen. In Lobo macht man das Beste daraus: Quer über den Schwimmerbereich spannen sich Kabel, eine Diskokugel wirft Sonnenlichtquadrate auf das Betonbecken, das vermutlich einmal grünblau gestrichen war: Tanzen statt Schwimmen, der Pool wird zur Bühne für die angereisten Bands. Am Rand lehnen kleine müllabfuhrorangene Schilder an einem verrosteten Rohr. „Vor dem Tauchen bitte duschen“, steht auf einem auf Deutsch. Sie ermahnten einst Badegäste im Stadtbad Mitte in Frankfurt. Auch diesen Ort gibt es so nicht mehr, heute heißt die Schwimmhalle „Wave“ und gehört zu einem Hotel. „Wir wollten ein bisschen deutsche Spießigkeit mitbringen“, sagt Rössler – und lacht. 

Lobo ist Teamwork

Auch der dritte Neugründer von Lobo ist dieses Jahr wieder in die Wüste gefahren. Alexander Bardorff, der frühere Dreikönigskeller-Betreiber. Der drahtige Mittsechziger hat ein schwarzes T-Shirt an, auf dem „King of unfinished projects“ steht. Ein Understatement. Bardorff fragen sie hier, wenn es ein Problem gibt – ob nun ein Klo verstopft oder das Dach undicht ist. Lobo ist Teamwork, sagt er dazu. Das ist ihm wichtig. 

Bardorff füllt die alte, silberne Bunn-Kaffeemaschine mit Wasser auf, die hier so oder so ähnlich in jedem traditionellen Diner steht und entsprechend gut in die alte Tankstelle passt, die auch sonst liebevoll mit Fundstücken dekoriert ist. „Uns geht es darum, hier eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen“, sagt er. Mit viel Liebe zum Detail und ohne Kompromisse. Es gibt keine Eintrittspreise, keinen Getränkeverkauf. „Entweder umsonst oder gar nicht.“ An das erste Mal, als er sein Haus betreten hat, kann er sich noch gut erinnern: „Sternenblick durchs Dach und zehn Zentimeter Fledermauskacke.“

Inzwischen sind in dem ehemaligen Lebensmittelladen eine Küche und ein Wohnzimmer entstanden, mehrere Zimmer für Übernachtungsgäste, ein Bad samt Badewanne und ein Material- und Werkzeuglager. Eine Sammlung von Wolfsdarstellungen und kleine Blechcowboys mit Lasso vor dem Fenster schmücken das Hauptzimmer, sogar ein Bücherregal und eine Plattensammlung gibt es. Es ist mit Abstand die wohnlichste aller Behausungen in Lobo. Trotzdem sagt Bardorff: „Der Ort verfällt schneller, als er wieder hergerichtet wird.“ Eigentlich, erinnert er sich, sei das Motto ja mal gewesen: „Beim Nichtstun nicht gestört werden.“ Alle hatten schließlich stressige Jobs, da war die Ruhe in der Wüste eine willkommene Abwechslung. Es war aber auch ziemlich viel harte Arbeit, bis man hier Zeit zum Nichtstun fand. 

Nachts rüttelt in Lobo der Wind an den Holztüren. Um die wenigen Lichtquellen versammeln sich dicke, schwarze Käfer und schlaksige Heuschrecken, als hätten sie nur darauf gewartet, dass sie mal wieder jemand anschaltet. Auf den Pfaden kann man grünen Fröschen mit Glubschaugen begegnen oder schwarzen Skorpionen, mit dicken Zangen bewaffnet, die wegen des Essigsäuresekrets, das sie versprühen können, Vinegaroons genannt werden. Manchmal brettert ein Truck auf dem Highway vorbei oder ein Güterzug schiebt sich über die Gleise, einer von ihnen transportiert Panzer in Olivgrün und Beige durch die Wüste. Ansonsten ist es still. Sehr still. Der Nachthimmel ist mit Sternen übersät, die Milchstraße zeichnet sich klar auf dem Dunkelblau ab. Keine Skyline, nirgends.

Kirstin von der Heyd hat ihr Herz gleich beim ersten Besuch an die Geisterstadt verloren, sich sogar eine Jeans-Jacke mit Lobo-Motiv besticken lassen, die hier aber nur selten dem Wetter angemessen ist. Beim Einweihungsfest 2003 wurde ihr klar: Nur Besucherin reicht nicht. Die Frankfurterin, die in der Filmbranche arbeitet, hat ein Motelzimmer erstanden. Sie hat es in Gelbtönen gestrichen, ansonsten ist es ähnlich spartanisch wie die anderen Unterkünfte. Ihr Traum: Noch einmal ein großes Kunstfestival nach Lobo bringen, wie damals. Gabi Schaffner hat sich aus der Ferne verliebt. Ihr heutiges Haus hat sie vor 15 Jahren nur auf einem Foto gesehen und trotzdem zugeschlagen, gemeinsam mit Freundinnen und Freunden. Gewarnt worden war sie, „wenn du Geld in den Sand setzen willst, ist Lobo der richtige Ort.“

Bereut hat sie es nicht, auch wenn manches anders kam als gedacht. „Ich hatte noch nie etwas besessen“, erinnert sich Schaffner, die sich zum „klassischen Prekariat“ zählt. Die Idee hatte für sie auch die sympathische „Ironie der Habenichtse“: Etwas zu besitzen, das so weit weg ist, ist, als ob man es nicht besitzt, sagt sie. Aber es gehört einem ja doch. „Jetzt kann ich sagen, ich habe ein Haus in Texas.“

Diesmal hat sie dort beim Aufräumen ein Tierskelett zwischen verwehten Blättern gefunden, etwa in der Größe eines stattlichen Brathähnchens, so richtig identifizieren konnte es niemand. Reingeregnet hat es auch. Schaffner würde gerne mehr Kunst nach Lobo bringen. Vielleicht ein Wüstenradio. Als „Datscharadio“ experimentiert sie mit dem Medium derzeit in einem Berliner Schrebergarten. Ihr Aufnahmegerät mit puscheligem Windschutz fürs Mikro hat sie griffbereit.

Ein Verkauf steht nicht zur Debatte

Für größere Kunstprojekte in der Wüste fehlt es oftmals an Geld, sagt Annette Gloser, vielleicht auch an der Infrastruktur vor Ort. Immer mal wieder hat sie Ideen verfolgt, Leute eingeladen. Die Euphorie war besonders anfangs groß. „Ein ‚weltweit einzigartiger‘ Veranstaltungsort für Festivals, Kunstausstellungen, Musik- und Filmevents“ solle in Lobo entstehen, wurde Gloser 2002 in der FAZ zitiert. Das ein oder andere Projekt mag sich im Sand verlaufen haben – ziemlich einzigartig ist Lobo aber so oder so. Und wer weiß: Gerade gebe es wieder Interessierte, sagt Gloser. Vielleicht gibt es ja noch mehr Leute, die sich für den Ort begeistern und vom Kampf gegen die Natur nicht abschrecken lassen? 

Bevor es dann dunkel genug ist für die Filme des Desert-Dust-Festivals, spielt in der Tankstelle ein Musiker aus Arizona, der sich Topless Hank nennt, sein Hemd aber an- und seinen Cowboyhut auflässt. An der Wand hängt die mobile Ausstellung „Tales from the Trash“ mit Gemälden die vom Sperrmüll oder aus Second-Hand-Läden stammen und mit neuen Titeln versehen wurden. Ab 15 Dollar kann man hier Kunstsammler werden. Später zerteilen Blitze den Himmel, es regnet in der Wüste, eines der Poolkonzerte muss abgebrochen werden. 1:0 für die Natur.

Lobos Zukunft ist einigermaßen ungewiss, die Geisterstadt selbst dürfte nach den vielen Auf und Abs der Jahrzehnte irgendwie daran gewöhnt sein. Einige hier träumen von Kunstprojekten, andere setzen eher auf das alte Motto mit dem Nichtstun und dabei nicht gestört werden. Konsens ist in der Eigentümerversammlung der etwas anderen Art so oder so: Ein Verkauf steht nicht zur Debatte. 

Tage später sind die Fenster der Häuser wieder mit Brettern vernagelt, die Tore mit Vorhängeschlössern gesichert. Für die nächsten Monate, vielleicht Jahre, gehört Lobo wieder den Geistern – und der Natur. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion