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Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen, ist für viele Eltern immer noch nicht leicht.
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Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen, ist für viele Eltern immer noch nicht leicht.

Teilzeit-Arbeit in Deutschland

Teilzeit-Bekenntnisse

  • VonMira Gajevic
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Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen, ist für viele Eltern immer noch eine Höchstleistung. Viele Familien in Deutschland wünschen sich mehr Zeit für ihre Kinder. Auch unsere Autorin hat schon so ihre Erfahrungen gemacht.

Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen, ist für viele Eltern immer noch eine Höchstleistung. Viele Familien in Deutschland wünschen sich mehr Zeit für ihre Kinder. Auch unsere Autorin hat schon so ihre Erfahrungen gemacht.

Ich bin Avantgarde. Oder wenigstens darf ich mich neuerdings so fühlen. Denn wie ich jetzt weiß, gehören mein Mann und ich zu den 1,6 Prozent der Paare mit Kindern in Deutschland, bei denen beide Eltern Teilzeit arbeiten. Ich arbeite 80 Prozent, mein Mann 90. Gut, die Speerspitze der Avantgarde sind wir damit wahrscheinlich nicht. Zumindest, wenn es nach der neuen Familienministerin Manuela Schwesig geht. Die erklärte kürzlich die Vier-Tage-Woche für Eltern zum Ziel ihrer Politik.

Da liegen wir also einen halben Tag drüber. Solche Feinheiten ausgenommen, leben wir aber mehr oder weniger das, was sich die SPD-Politikerin als zukunftsweisend für Familien mit kleinen Kindern wünscht. Nur, dass wir unseren Lohnausfall leider nicht durch niedrigere Steuern ausgleichen können. Und was die langjährige Teilzeitarbeit mal für unsere Renten bedeutet, damit beschäftigen wir uns lieber nicht. Es ist zu deprimierend.

Wenn man Familien in Deutschland fragt, was sie brauchen, dann ist es mehr Zeit. Vor allem für den Nachwuchs, den man nicht nur abends zwei Stunden vor dem zu Bett bringen oder am Wochenende sehen möchte. Wenn ich meine beiden Töchter nach ihren Wünschen frage, dann wollen sie, dass ich ihnen ein Pferd kaufe und ständig zuhause bin. Oder zumindest nur so viel arbeite, dass sie nicht in die Ganztagsschule müssen und stattdessen mittags von mir mit Selbstgekochtem begrüßt werden.

Dass ich dann schwerlich als Redakteurin arbeiten könnte, halten sie für verschmerzbar. Allenfalls das Argument, dass wir auch in eine kleinere Wohnung umziehen müssten, stimmt sie nachdenklich. Noch nicht herausgefunden habe ich, ob sie bereit wären auf ihre Mutter sechs Tage die Woche zu verzichten, wenn sie dafür das Pferd bekämen. Ausschließen möchte ich es nicht.

Zum Glück wohnen wir in Berlin, das heißt, meine Töchter kennen kein einziges Kind, dessen Mutter Hausfrau und damit immer zuhause ist. Sie wissen nicht, dass das in fast einem Drittel aller Familien in Deutschland noch der Fall ist. Trotzdem müsste ich lügen, wenn ich behauptete, dass sie es toll finden, jeden Tag erst um 16:30 Uhr heim zu kommen.

Für Mütter ist Teilzeit-Arbeit eine Falle

Dabei haben wir großes Glück mit der Ganztagsschule. Die Klassen sind klein, der Zusammenhalt groß. Lehrer und Erzieher sind engagiert. Man kann es kaum besser treffen, finden wir und leise Zweifel beschleichen uns höchstens dann, wenn die Kinder sich wie Bolle freuen, weil sie ausnahmsweise einmal früher Schule aus haben und unter der Woche stundenlang selbstvergessen zu Hause spielen können.

Konkret bedeutet unser Teilzeitmodell, dass wir nur an drei statt fünf Tagen die Woche jemanden brauchen, der die Kinder betreut, bis wir von der Arbeit kommen. Das heißt auch, ohne die inzwischen nach Berlin gezogene Oma und die Babysitterin bekämen wir den Alltag trotz der reduzierten Stunden nicht hin. Und von gemeinsamen Mahlzeiten mit der ganzen Familie um 18 Uhr kann ich leider nur träumen.

Der halbe freie Tag meines Mannes rotiert entsprechend der Dienstreisen und den Bedürfnissen der Kunden der Werbeagentur, für die er arbeitet. Seine Firmenkunden wissen nicht einmal, dass er eine versteckte Teilzeit-Kraft ist. Das kommt nicht gut an, fürchtet sein Chef. Für Mütter mag der Teilzeit-Job eine Falle sein, aus der sie schwer wieder herauskommen.

Für Väter ist er harte Pionierarbeit. Männer, die freiwillig im Beruf zurückstecken, weil sie mehr von ihren Kindern haben wollen? Da können sie ja gleich Hausmann werden! Als mein Mann nach der Geburt unserer zweiten Tochter zwei Monate in Elternzeit ging, verlor er in der Agentur, in der er damals gearbeitet hat, seinen Hauptkunden. Das war der Anfang vom Ende seiner Zeit dort. Früher dachten wir beide, wir treten im Beruf ein bisschen kürzer, solange die Kinder klein sind. Jetzt sind die Mädchen sechs und elf.

Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite: Teilzeit ist ein sehr partnerschaftliches Modell

Wer geht ins Büro, wenn das Kind krank ist

Vieles ist leichter geworden. Die Panikattacken morgens um sieben, wenn die Tagesmutter anrief und für die nächsten drei Tage absagte, weil ihr eigenes Kind krank war? Längst vergessen. Noch mal schnell weg, was erledigen? Kein Problem, die Kinder können auch mal für eine Stunde alleine bleiben, ohne dass sie das Haus in Brand setzen oder ein Verlassenheitstrauma erleiden. Vorbei auch der Wettstreit, wer die größten Augenringe hat und noch etwas länger liegen bleiben darf.

Geblieben ist das Ringen darum, wer ins Büro darf, wenn ein Kind morgens mit Fieber aufwacht. Wer hat den wichtigeren Job? Wer kann es sich eher leisten, zuhause zu bleiben? Zum Glück sind unsere Kinder selten krank.

Klar ist, wenn beide gleich viel arbeiten, ist das ein sehr partnerschaftliches Modell. Das heißt, auch der Haushalt und die Frage, wer fährt mit den Kindern zum Zahnarzt oder geht neue Winterstiefel einkaufen, kann nicht immer beim selben Elternteil abgeladen werden. Doch der Glaube, dass zumindest einer von uns Vollzeit arbeiten kann, wenn die Kinder älter sind, hat sich als Illusion erwiesen.

Nicht, weil die Teilzeit zur Falle geworden ist. Sondern, weil wir nicht weniger Zeit für unsere Töchter brauchen, nur weil sie jetzt ein paar Jahre älter sind. Wenn Klassenarbeiten anstehen, dürfen wir unsere Abende und freien Nachmittage nun mit Lernen verbringen. Mit Wehmut erinnere ich mich an die Stunden, in denen ich nur Lego spielen musste oder vorlesen durfte, statt mit einem vorpubertären Kind komplizierte Brüche zu üben.

Unvorstellbar, wie wir das hinkriegen könnten, wenn wir nicht wenigstens diese Zeit hätten. Natürlich, wenn man Geld hat, kann man sich auch Nachhilfe leisten. Aber soll ich eine Studentin anheuern, damit sie mein Kind Vokabeln abfragt oder beim Klavierüben beaufsichtigt? Und so fügen wir uns und büffeln mit der Großen und sind erleichtert, dass die Kleine erst in der ersten Klasse ist.

Als eine Freundin mit der Klassenlehrerin ihres Sohnes darüber sprach, ob der auf eine Sekundarschule oder aufs Gymnasium gehen soll, sagte ihr die Lehrerin, bei zwei berufstätigen Eltern sei die Sekundarschule besser geeignet. Offenbar ist die elterliche Nachhilfe eine feste Größe im Schulalltag geworden. Ich zumindest erinnere mich nicht daran, dass ich oder meine Freundinnen mit unseren Eltern gelernt hätten. Aber das mag Vergangenheitsverklärung sein.

Und verglichen mit den Horrorgeschichten, die Freundinnen aus Süddeutschland erzählen, deren Familienleben sich nur noch um Schule dreht, geht es uns ja gut. Ein Hoch auf die Berliner Schulpolitik. Wir dürfen nur nie weg ziehen.

Der Staat sollte Teilzeit-Arbeit unterstützen

Wäre den Familien geholfen, wenn der Staat Teilzeitarbeit finanziell unterstützen würde? Unbedingt! Es würde vor allem den Druck auf Arbeitgeber erhöhen, Vätern reduzierte Arbeitszeiten zu ermöglichen. Frauen in Jobs mit viel Verantwortung hätten es ebenfalls leichter, weniger zu arbeiten. Mein Mann und ich haben so ziemlich alle Varianten der Berufstätigkeit ausprobiert, nicht jede davon ganz freiwillig.

Dass wir jenes Modell, bei dem wir beide voll arbeiteten – damals mit nur einem Kind – unbeschadet und ohne Burnout überstanden haben, ist ein Wunder. Und bei der Variante, bei der ich nur drei Tage die Woche arbeitete, fühlte ich mich wie ein Gast, der ab und zu mal im Büro vorbei schaut. Auch das klassische Modell, einer kümmert sich ums Kind, der andere verdient das Geld, war schwierig, nicht nur finanziell. Toll fand es nur derjenige, der arbeiten ging und sich abends auf ein aufgeräumtes Haus und einen gedeckten Tisch freuen konnte.

Jetzt also die gemeinsame kleine Vollzeit – so zumindest fühlt sich unsere Teilzeit an. Diese Lösung erweist sich bisher, trotz aller Widrigkeiten des Alltags, als die beste, wenn man Beruf und Familie wirklich vereinbaren möchte.

Meine Töchter wollen übrigens später beide arbeiten und Kinder werden sie selbstverständlich auch haben, sagen sie. Nur wollen sie einen Job, in dem sie früher nachhause gehen können. Sie brauchen die Zeit. Schließlich warten dann daheim die Pferde.

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