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Lou Ottens und sein Meisterstück: Der Niederländer wurde 94 Jahre alt. Jerry Lampen/ANP/EPA/dpa
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Lou Ottens und sein Meisterstück: Der Niederländer wurde 94 Jahre alt.

Musikkassetten

Tausendmal gehört

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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Und sich kein einziges Mal gefragt, wer die heiß geliebte Musikkassette eigentlich erfunden hat. Zum Tod von Lou Ottens eine späte Verneigung.

Kürzlich hat eine Freundin erzählt, sie habe ihre Kassetten weggeworfen. „Alle in eine Kiste und dann ab in den Müll.“ Sie habe zwar kurz überlegt, ob sie nicht ein paar Kassetten aufheben sollte, die sie besonders gern gehört hatte – aber dann hat sie die Kiste verklappt, ohne sie noch mal durchzusehen; hat die Bänder, die einst die Welt bedeuteten, einfach verklappt. Puh! Das hat mich ziemlich aufgewühlt.

Ich bewundere sie dafür. Einerseits. Das habe ich ihr auch so gesagt. Andererseits denke ich: Na, wenn du das mal nicht bereust, eines Tages. Auch das habe ich ihr gesagt. Sie schaute mich an, lächelnd: „Warum sollte ich?“

Tja, warum sollte sie? In einer Zeit, in der wir dank smarter Technologie im Grunde immer und überall nahezu alles hören können, worauf wir Lust haben, brauchen wir keine Kisten voll kleiner Plastikkästchen in Plastikhüllen in unseren Kellern aufzubewahren. Mag sein, dass der Kassettenrekorder noch in dem ein oder anderen Kinderzimmer zu finden ist – aber abgesehen von den Musikschränken der das Ewiggestrige Pflegenden gibt es in dieser Welt keinen Platz mehr für den Kassettenrekorder. Somit ist auch die Kassette raus. Also, wozu aufheben? Fürs Gefühl?

Etwa 100 Milliarden Kassetten sollen seit ihrer Erfindung Anfang der Sechziger Jahre produziert worden sein. Lou Ottens und sein Kollege Johannes Schoenmakers präsentierten 1963 die Musikkassette samt passendem Abspielgerät auf der Berliner Funkausstellung. Ein Meilenstein der Unterhaltungstechnik. Ein klobiger und knarzender zwar, aber: ein Meilenstein. Der Niederländer Ottens, schon als Jugendlicher ein passionierter Elektrobastler, war zu dieser Zeit bereits zehn Jahre in der Entwicklungsabteilung von Philips, jener niederländischen Firma, für die er bis zu seiner Pensionierung arbeiten sollte. Ende der Siebziger Jahre war Ottens dann auch an der Entwicklung der Compact Disc, der CD, beteiligt, die 1982 auf den Markt kam – und schon wenige Jahre später Ottens eigentliches Meisterstück, die Kassette, aus den Regalen der Elektronikmärkte und der Plattenläden verdrängen sollte.

Im Grunde, sagte Ottens mal in einem Interview, habe er die Kompaktkassette erfunden, weil er sich über das Tonbandgerät geärgert habe. Zu groß, zu statisch, zu viel Bandsalat. Und teuer obendrein. Also sägte Ottens ein Stück Holz zurecht, das in seine Jackentasche passte, um das ideale Maß für ein leicht zu transportierendes Speichermedium zu finden. Dieses Stück Holz war gewissermaßen die Ur-Kassette. Und das Prinzip, dem Ottens und sein Team Anfang der Sechziger Jahre bei der Arbeit an der Kassette folgten, war gewissermaßen der Ur-Grund, aus dem sich in den folgenden Jahrzehnten (natürlich verbal ein bisschen aufgejazzt) die bis heute gültige Maxime der Unterhaltungsindustrie entwickeln sollte: Kleiner, länger, lauter!

Die Kassette machte die Musik kompakt und tragbar, kompakter und tragbarer jedenfalls als die Schallplatte. Die eigene Musik im Auto hören können, das war Freiheit und Selbstbestimmung. Willi Winkler schrieb dazu jetzt in der „Süddeutschen Zeitung“: „Ottens demokratisierte den Musikgenuss, mit einem Pressen auf die Schalttaste war sie überall zu Hause.“ Und damit eben auch zwischen den Orten, nicht mehr nur in Diskotheken.

Dass Lou Ottens nicht selbst auf den Walkman kam, sondern zusehen musste, wie Konkurrent Sony damit einen Welthit landete, soll ihn von Zeit zu Zeit gewurmt haben. Aber da der 1926 geborene Ottens sowieso kein „Stolz-Messgerät“ hatte, wie er betonte, dürfte auch ein mögliches Gram-Manometer nicht allzu stark ausgeschlagen haben. Bleibt also die Frage, wie es ihm wohl damit ging, dass von den 100 Milliarden Kassetten, die seit ihrer Erfindung produziert worden sein sollen, vermutlich der größte Teil längst verklappt worden ist. Und dass von den Kassetten, die noch existieren, vermutlich der größte Teil in Kellern, Lagerboxen oder auf Dachböden lagert. In Kisten zum Schweigen gebracht. Obwohl sie so viel zu erzählen hätten.

Denn die Kassette ist ja nicht nur ein Trägermedium für Klang und Wort: in ihr ist der Abend hinter der Grillhütte neben der Umgehungsstraße konserviert; die rauchige Luft um das Feuer am See; der Morgen, an dem sich Freiheit und Verlorenheit wie eins anfühlten. Die cremeweiße Smash-Hits-Kassette des Grundschulfreundes Tobi symbolisierte damals das reine Glück: auf dem Boden liegend „Monopoly“ spielen, dazu Flips, weiße Limonade und „Raining May“ von wem auch immer; und nicht zuletzt steht die Kassette für die Erkenntnis, dass an einem Freitagabend frische Batterien für den „Kasi“ mindestens genauso wichtig sind wie ausreichend Getränke und ein trockener Schlafsack.

Dieser Text hier ist in diesen Tagen ganz sicher nicht der einzige über die Kompaktkassette, der doch ziemlich sentimental vor sich hin schnurrt. Wir sind, wer wir sind. Und Kassetten sind Kindheit, die Kindheit meiner Kinder, sie waren Kunst und Kommunikationsweg; sie stifteten in manchen Runden Chaos, aber häufiger eben noch: Identität.

Wie gesagt: Kassetten sind Speichermedien, die viel mehr speichern als nur die Informationen auf dem 3,81 Millimeter breiten Magnetband, das – wenn wir Wikipedia glauben dürfen – mit einer Geschwindigkeit von 47,625 Millimeter pro Sekunde über den Tonkopf des Abspielgerätes geführt wird. Dass mir all diese Erinnerungen allein schon beim Gedanken an Kassetten kommen, zeigt ja, dass ich sie eigentlich gar nicht aufheben müsste. Dass alle Erinnerungen Teil von uns sind. Und es manchmal eben gar keinen Klang oder Geruch braucht, um sie aufflackern zu lassen. Dass es kein Ding braucht, um noch mal zu spüren, was einmal war. Dass viel haben nicht immer gleichbedeutend ist mit viel erleben.

Wenn früher jemand sagte, „ich hab 200 Kassetten“, dann war das eine Ansage. Wenn heute jemand sagt, ich habe 200 Kassetten, deuten das manche als Eingeständnis des Scheiterns. Die Jogginghose der Sentimentalen; das Schnuffeltuch derjenigen, die ihre Jugend nicht loslassen wollen ... Aber: Kann man wirklich sagen, 200 eingestaubte Kassetten im Keller sind ein Zeichen dafür, dass man seine biografische Balance noch nicht gefunden hat ..? Ist wahrscheinlich was dran.

Bernd Bölsdorf Panthermedia

Trotzdem bin ich froh, dass ich zu meinem 44. Geburtstag im Dezember einen Kassettenrekorder geschenkt bekommen habe. Mit Batterien. Ich habe noch längst nicht alle Kassetten sortiert, aber ich habe gleich zwei Hände voll rausgesucht. Die höre ich jetzt immer, wenn ich Lust habe, Musik zu hören. Kürzlich war ein alter Freund zu Besuch und wir haben Kassetten gehört. Er hat auch alte Kassetten, im Keller, wohlgeordnet und regelmäßig durchgesehen. Genau wie seine Schallplatten und CDs. Er ist ein zufriedener Mensch. Immer ein Lied und ein Lächeln auf den Lippen. Ich glaube, ich will versuchen, es so wie er zu machen – die Dinge in Ordnung bringen. Heißt auch: Kassetten hören, nicht wegwerfen! Es wird sowieso schon viel zu vieles weggeworfen. Aber das ist ein anderes Thema.

Beim Kassette hören werde ich künftig häufiger an Lou Ottens denken, jenen Mann, dem ich – grob überschlagen – mindestens 8000 schöne Stunden zu verdanken habe. Und dessen Name ich am Donnerstag zum ersten Mal hörte. Da las ich die Nachricht, dass Lou Ottens, der Erfinder der Musikkassette, am vorigen Wochenende im Alter von 94 Jahren in seiner Heimatstadt Duizel gestorben ist.

Ich werde wohl auch bei jedem Umdrehen der Kassette an Lou Ottens denken. Und daran erinnert werden, dass vieles im Leben – nicht nur die Kompaktkassette – zwei Seiten hat. Mit dem feinen Unterschied, dass eine Kassette durchaus zwei gute Seiten haben kann. Schon aus diesem Grund sollten alle, die mit dem Gedanken spielen, ihre Bänder in die Vergangenheit zu kappen, wenigstens die paar aufheben, die ihnen wirklich was bedeuten. Man kann nie wissen.

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