Fall Maria

108 Taten aufgelistet

Mehr als fünf Jahre lang galt das Mädchen Maria aus Freiburg als vermisst, dann tauchte die inzwischen 18-Jährige wieder auf. Nun beginnt der Prozess gegen ihren mutmaßlichen Entführer.

Die Ermittler hatten kaum noch Hoffnung. Sie waren mehr als 1000 Hinweisen nachgegangen, doch eine konkrete Spur fehlte. Auch aus der öffentlichen Wahrnehmung war der ungewöhnliche Vermisstenfall mit der Zeit weitgehend verschwunden. Dann tauchte das Mädchen, das mehr als fünf Jahre lang vermisst worden war, unerwartet wieder auf. Der rund 40 Jahre ältere Begleiter der inzwischen 18 Jahre alten Maria aus Freiburg wurde wenig später festgenommen.

Nun beginnt der Prozess gegen den Mann. Maria und ihre Mutter sind Nebenklägerinnen. Der Angeklagte, ein heute 58 Jahre alter Deutscher aus Nordrhein-Westfalen, steht im Zentrum des Strafprozesses, der am Mittwoch vor dem Landgericht Freiburg beginnt. Ihm werden Kindesentführung und schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes zur Last gelegt. Die Anklage liste 108 Missbrauchstaten auf, sagt ein Sprecher des Gerichts. Ein psychiatrischer Sachverständiger werde den Prozess begleiten, heißt es. Er soll im Auftrag des Gerichts prüfen, ob für den Angeklagten aus medizinisch-psychiatrischer Sicht Sicherungsverwahrung möglich ist.

Die gemeinsame Geschichte von Mann und Mädchen beginnt laut Anklage im April 2011. Damals lernen sich die beiden über ein Chatforum kennen – Maria ist da elf Jahre alt. Der Mann habe sich im Internet anfangs als Teenager ausgegeben, so die Ermittler. Es gibt erste heimliche Treffen, ohne dass Marias Eltern davon wissen oder einverstanden sind.

Am 4. Mai 2013 tauchen die beiden gemeinsam unter. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Mädchen freiwillig mitging. Es ist dennoch eine Straftat, weil der Mann ohne Einwilligung der Eltern mit der Minderjährigen unterwegs ist. Hinzu kommt der vorgeworfene sexuelle Missbrauch.

Wenige Wochen nach seinem Verschwinden wird das ungleiche Paar in der polnischen Kleinstadt Gorlice gesehen. Dort werden kurz zuvor auch das Auto des Mannes sowie sein Schäferhund gefunden. Danach gibt es immer wieder Hinweise, Lebenszeichen von Maria und dem Mann haben Familie und Polizei aber fünf Jahre lang nicht. Im vergangenen August dann die überraschende Wende. Maria, inzwischen 18 Jahre alt, meldet sich bei ihrer Familie. Sie kehrt freiwillig zurück und sagt bei der Polizei aus. Der Mann wird wenig später in Italien festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Er sitzt in Untersuchungshaft. Gegenüber der Polizei geäußert hat er sich den Angaben zufolge nach seiner Festnahme nicht.

Mit dem Zelt durch Europa

Marias Angaben zufolge sind die beiden von Mai 2013 an mit dem Zelt durch Osteuropa und dann nach Italien gereist. Die vergangenen beiden Jahre lebten sie demnach gemeinsam in einer Wohnung in Licata auf Sizilien. Sie hätten sich als Vater und Tochter ausgegeben, erzählen Einheimische. Gelebt habe er, ebenso wie Maria, von Gelegenheitsjobs. Wieso Maria nach mehr als fünf Jahren zur Familie zurückkehrte, ist öffentlich nicht bekannt.

Für den Prozess sind laut Gericht sieben Verhandlungstage geplant. Ein Urteil könnte es demnach Ende Juni geben. Bei Kindesentzug drohen laut Strafgesetzbuch den Angaben zufolge bis zu fünf Jahre – in schweren Fällen bis zu zehn Jahre – Haft. Hinzu kommt die mögliche Sicherungsverwahrung. Jürgen Ruf, dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion