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In Babelsberg ist eine neue Kulissenstadt entstanden.

Babels

Das Tanzhaus und der Kommissar

In Babelsberg entsteht eine neue Kulissenstadt. Sie wird mit der Serie „Babylon Berlin“ eingeweiht und soll das Filmstudio auf Jahrzehnte für internationale Produktionen attraktiv machen.

Von Thomas Leinkauf

Uli Hanisch steht in Potsdam-Babelsberg vor einem Glaspalast, der „Moka Efti“ heißt. Das Moka Efti ist ein legendäres Berliner Café- und Tanzhaus aus den Zwanzigerjahren, oder besser: Es war einmal eines. Giovanni Eftimiades, ein griechischstämmiger Kaufmann mit italienischem Pass, gründete das Haus – 2800 Quadratmeter in einem alten Palais in der Leipziger-, Ecke Friedrichstraße. An manchen Tagen verkaufte das Caféhaus 25 000 Tassen Kaffee, der damals 25 Pfennige kostete. Dann ging es in der Weltwirtschaftskrise pleite, zog um in den Tiergarten, wurde Berlins beliebtestes Tanzhaus. Bis es nichts mehr zu tanzen gab.

Uli Hanisch ist auf das „Moka Efti“ gestoßen, als er den Auftrag erhielt, auf dem Filmstudiogelände in Babelsberg ein Stück altes Berlin wiederauferstehen zu lassen. Er hat dann gleich noch vier Straßenzüge dazu entworfen, die sogenannte Neue Berliner Straße.

Hanisch, Jahrgang 1967, ist Szenenbildner beim Film. Sein Job ist es, für eine Geschichte und ihre Helden die dazugehörige räumliche Welt zu erfinden. Das hat er schon oft gemacht, für „Das Parfum“ zum Beispiel oder für „Cloud Atlas“. Er hat viel mit dem Regisseur Tom Tykwer zusammengearbeitet und zahlreiche Auszeichnungen erhalten, er gilt als einer der Besten in der Branche. Diesmal war sein Auftrag, die Kulissen für „Babylon Berlin“, ein ehrgeiziges deutsches Serienprojekt, zu entwerfen. Aber es ging nicht nur um diese eine Serie. Es ging um ein Projekt, von dem sich das Studio Babelsberg viel für die Zukunft verspricht.

Neue Berliner Straße heißt die Kulissenlandschaft, weil es schon einmal eine Berliner Straße gab. Die ursprüngliche Idee, einen ganzen Straßenzug im Originalmaßstab als dauerhafte Kulisse für Außenaufnahmen zu errichten, stammt noch aus DDR-Zeiten, nur fehlten dem chronisch klammen Land die Mittel. Nach der Wende tauchten die Pläne erneut auf. Aber erst als der Regisseur Leander Haußmann „Sonnenallee“ drehen wollte und keine reale Straße zu finden war, die den Anforderungen des Drehbuchs entsprach, wurde 1998 eine 130 Meter lange Kulissenstraße mit 26 Häuserfassaden gebaut: die Berliner Straße. Eigentlich sollte sie nur für diesen einen Film stehen, aber dann wurde sie 15 Jahre lang genutzt – für über 60 Produktionen. Deutsche Filme wie „Herr Lehmann“, die Adaption von Sven Regeners gleichnamigem Roman, und „Russendisko“ entstanden in ihren Kulissen, aber auch Welterfolge wie „Der Pianist“ und „Inglourious Basterds“.

Eigentlich hätte es so weitergehen können, aber das Gelände, auf dem die Berliner Straße stand, gehörte dem Studio Babelsberg nicht, und die Eigentümer hatten andere Pläne. So erwarb das Studio ganz in der Nähe neue Flächen und legte im August 2014 den Grundstein für die neue Straße.

„Wir haben dann lange überlegt, ob wir die Straße wirklich bauen sollten“, sagt Christoph Fisser, „noch im letzten Herbst war keine Entscheidung gefallen.“ Der 59-jährige Vorstand der Studio Babelsberg AG und Koproduzent vieler nationaler und internationaler Filmproduktionen sitzt in Poloshirt, Jeans und Turnschuhen in seinem klassenzimmergroßen Büro auf dem Studiogelände in einem gewaltigen, weißen Ledersessel und erzählt von den Vorteilen solcher Kulissen. Heute seien für historische Stoffe kaum noch geeignete Originalstraßen zu finden. Und wenn doch, dann kostet die Nutzung eines Straßenzuges, der vielleicht noch nicht einmal optimal geeignet ist, 40 000 Euro am Tag – Sperrung inklusive.

Solch ein Kulissenprojekt wie die Neue Berliner Straße, das es nirgendwo sonst in Europa gibt, sei für Filmproduktionen verlockend und ein ziemlich exklusives Angebot. Aber zugleich seien die Investitionen für Babelsberg immens. 16 Millionen Euro schießt das Studio vor. Eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass Babelsberg noch 2013 und 2014 Millionenverluste machte und erst 2015 einen Gewinn von 5,5 Millionen erwirtschaftete. „Gewinn machen wir eben nur, wenn auch wirklich innerhalb unseres Ateliers gedreht wird und wir große Kulissen bauen können“, erläutert Fisser.

Filme kann man heutzutage überall produzieren. Babelsberg konkurriert weltweit mit 80 Standorten, wenn es um den Zuschlag für eine Filmproduktion geht. Wer einmal in den Studios dreht, schwärmt von der Professionalität der Crews, die hier arbeiten, und dem tollen Umfeld, zu dem natürlich auch Berlin als Stadt gehört. Fisser zeigt einen Trailer, in dem Hollywoodgrößen wie Steven Spielberg, Quentin Tarantino, George Clooney, Roman Polanski, Tom Hanks und Cate Blanchett von Babelsberg schwärmen.

Aber das seien eben nur die „weichen Faktoren“. Je teurer eine Produktion wird, desto eher entscheiden Finanzvorstände und nicht die Kreativen, wo sie drehen. „Es sind enorme Summen im Spiel“, sagt Fisser. Und dass Babelsberg im Wettbewerb mit Standorten in England, Kanada oder Ungarn benachteiligt sei. Wenn ein Harry-Potter-Film mit beispielsweise 200 Millionen Euro Budget in England produziert werde, erhalte der Produzent vom Staat 50 Millionen Euro Zuschuss. England habe reagiert, seit erstmals ein James-Bond-Streifen, „Casino Royal“, großteils in Tschechien und nicht im Mutterland von 007 gedreht wurde. „Es gab einen Aufschrei“, erzählt Fisser, „und der Schatzkanzler reagierte schnell mit deutlich besserer Förderung.“

Die britischen Pinewood-Studios in der Nähe von London etwa sind über Jahre ausgelastet. Das gibt Planungssicherheit, so können 200 Millionen in neue Hallen investiert werden. In Kanada gibt es für die Herstellung sogenannter Visual Effects sogar 45 Prozent Förderung: Selbst deutsche Produktionsfirmen wie Constantin gehen dorthin.

Davon kann Babelsberg nur träumen. In Deutschland kann man pro Film lediglich bis zu vier Millionen Euro beantragen, im Ausnahmefall zehn Millionen Euro. „Wir könnten hier auch für Hunderte Millionen den neuen ‚Star Wars‘ produzieren“ sagt Fisser. „Technisch und personell für das Studio kein Problem. Aber wegen der fehlenden Förderung ist das momentan illusorisch. Da können wir noch so nett sein und Berlin noch so hip und Babelsberg das älteste Studio der Welt mit Fritz Lang und Marlene-Dietrich-Halle, es sieht dennoch schlecht aus für uns. Am Ende wird woanders gedreht.“

Er legt eine Broschüre auf den Tisch, in der die Unternehmensberatung Roland Berger belegt, dass von einer besseren Förderung eigentlich alle profitieren würden, auch der Finanzminister. Über direkte Ausgaben und Steuern fließt ein Vielfaches der Subventionssumme zurück.

Dazu kommen die Sozialabgaben von Jobs, die sonst nicht entstanden wären. Bundeskanzlerin Angela Merkel war überrascht, als sie die Dreharbeiten zu Steven Spielbergs Agentenfilm „Bridge of Spies“ an der Glienicker Brücke besuchte und feststellte, dass die Crew deutsch mit ihr sprach. Beim „Homeland“-Dreh, einer US-amerikanischen Serie, waren bis zu 700 deutsche Mitarbeiter beschäftigt, Englisch sprechend und gut ausgebildet, und nur 15 US-Amerikaner. 45 Millionen Euro wurden in der Region ausgegeben und ein unbezahlbares Marketing für die Stadt Berlin generiert. Als George Clooney hier „The Monuments Men“ gedreht hat, machten 70 000 Medienberichte Babelsberg weltweit bekannt.

Christoph Fisser ist optimistisch, dass die Politik ihre Fördermittel dem Wettbewerb stärker anpassen wird. Aber noch ist es nicht so weit. Nach der Grundsteinlegung für die Neue Straße, zu der auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel einen Spaten in die Hand nahm, verlor das Studio zwei Produktionen, weil der Bund die Filmförderung sogar noch um zehn Millionen Euro zusammengestrichen hatte und sich die Produzenten bessere Standorte mit mehr Rabatt suchten. Damit waren eingeplante Investitionsmittel für das Kulissenprojekt erst mal weg, ihr Aufbau wurde verschoben, und es sah so aus, als müssten sich die Filmemacher an der geduldigen DDR-Losung orientieren, die weiß auf eines der Backsteingebäude auf dem Studiogelände gepinselt ist: „Kollege! Immer denk daran. Deine Arbeit dem Fünfjahresplan.“

Doch die Zeit drängte. Eine Entscheidung musste her. „Um solch eine teure Kulissenstraße anzuschieben“, erläutert Fisser, „bedarf es, ähnlich wie seinerzeit mit ‚Sonnenallee‘, der Unterstützung durch ein großes Filmprojekt.“ Das kam dann gerade noch rechtzeitig in die Gänge: „Babylon Berlin“ – unter der Regie von Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten werden die Romane des Kölner Schriftstellers Volker Kutscher um den Kommissar Gereon Rath verfilmt, der Ende der Zwanzigerjahre in der Hauptstadt ermittelt.

Es ist ein Projekt von ARD, Sky, X-Filme und Beta Film, das sich an erfolgreichen US-Serien orientiert, die inzwischen den Weltmarkt erobern. Zwei achtteilige Staffeln soll es zunächst geben, die 2017 erst von Sky, ein Jahr später von der ARD gezeigt werden. Produktionskosten: 40 Millionen Euro. Ein so aufwendiges Projekt gab es in Deutschland noch nicht. Weitere Staffeln sind möglich. Als die Finanzierung für die erste gesichert war, wurde endlich mit dem Bau der Straße begonnen.

Vier Zeichner haben über drei Monate die Fassaden für das kleine Stadtviertel entworfen, das der Szenenbildner Uli Hanisch sich für „Babylon Berlin“ und die Zukunft des Studios ausgedacht hat. „Wir haben eine Menge Details aus dem Stadtbild zusammengeschnorrt und die Gebäude dann nach diesen Referenzen alle selber entworfen“, erzählt der Szenenbildner Hanisch, während er durch das nachgebaute Berlin der Zwanzigerjahre führt: durch die Friedrichstraße mit dem „Moka Efti“, das einen zentralen Platz in „Babylon Berlin“ haben wird; durch Charlottenburg mit großen Skulpturen an den Häuserwänden. Von Kreuzberg geht es über original gepflasterte Straßen mit echten Bordsteinen und Gullys in den armen Wedding, wo gerade die Patinierer eine Fassade, von der der Putz bröckeln soll, auf alt trimmen.

Dreimal so groß wie ihre Vorgängerin ist die Neue Berliner Straße, 40 Einzelfassaden von bis zu 15 Metern Höhe stehen hier, mit 1000 verschiedenen Styroporprofilen, die mit einem Heißdrahtschneider computergesteuert hergestellt werden und an gewaltige Eisenträger montiert werden, die sieben Meter tief in die Erde gerammt sind. „Gips und Pappmaché gibt es hier nicht“, erklärt Hanisch, „wir setzen auf Langlebigkeit.“

Nach drei Seiten ist das Straßenkarree offen: Das gibt die Möglichkeit, die Filmsets mit sogenannten Greens wie moderne Potemkinsche Dörfer digital zu erweitern. Aber die Babelsberger haben die Erfahrung gemacht, dass Regisseure und Schauspieler immer noch am liebsten in „echten Kulissen“ drehen.

Ab Ende Juni geht Kommissar Gereon Rath in Babelsberg ins „Moka Efti“ ermitteln. Oder zum Tanz.

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