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Der Handlungsspielraum für ungewollt Schwangere ist in Polen weitaus kleiner als in Deutschland. Doch auch hierzulande sehen Frauen Anlass zum Protest gegen Gesetze zur Abtreibung, etwa den Paragrafen 219a, das so genannte "Werbeverbot": Im Februar 2018 beziehen sie vorm Bundestag Position gegen die Regelung, die Ärztinnen und Ärzte kriminalisiere, wenn diese über die Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen informieren.

Hilfe für Schwangere

Tante Barbara hilft ungewollt Schwangeren

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Tante Barbara, ein Berliner Netzwerk, vermittelt Abtreibungen für ungewollt Schwangere. Das Hilfsangebot beanspruchen vor allem polnische Frauen, da Schwangerschaftsabbrüche in Polen illegal sind.

Eine Frau fährt von Polen nach Berlin. Wie sie heißt und wo sie herkommt, ist nicht wichtig. Sie ist mit dem Auto unterwegs und hat ihren Partner dabei. Zuhause warten ihre beiden Kinder. Sie ist schwanger – doch nicht mehr lange. Denn die Frau fährt nach Berlin, um dort abzutreiben.

Bis vor kurzem wusste sie nicht, dass man in Deutschland unter gewissen Voraussetzungen eine Schwangerschaft straffrei beenden kann. Sie wusste auch nicht, dass man dafür den Schein einer Beratungsstelle braucht. Aber sie hatte die E-Mailadresse von Tante Barbara. Tante Barbara hat ihr einen Termin bei einer Beratungsstelle besorgt und einen für die Abtreibung in einer Klinik. Weil die Frau kein Deutsch spricht, hat Tante Barbara dort auch übersetzt. Nach dem Eingriff ist die Frau ins Auto gestiegen und zurück nach Polen gefahren. Innerhalb weniger Tage war die Schwangerschaft Geschichte. 

Schwangerschaftsabbrüche sind in Polen illegal

Tante Barbara ist keine Verwandte der Frau, sondern ein Berliner Netzwerk von Freiwilligen. Die Gruppe ermöglicht ungewollt schwangeren Frauen eine sichere Abtreibung in Deutschland. Hilfe suchen meistens Frauen aus Polen – denn das Abtreibungsgesetz dort ist eines der strengsten in Europa. 

Schwangerschaftsabbrüche sind in Polen illegal. Nur wenn die Gesundheit oder das Leben der Frau in Gefahr ist, die Schwangerschaft das Ergebnis einer Straftat oder der Fötus schwer behindert ist, ist eine Abtreibung straffrei – aber auch dann längst nicht immer möglich. Denn es gibt eine Gewissensklausel, auf die sich  Ärzte beziehen können, wenn eine Abtreibung nicht mit ihrer Weltanschauung vereinbar ist.

Mit Tante Barbara können die Frauen über die Facebook-Seite der Gruppe, per E-Mail oder per Handy Kontakt aufnehmen. Die Nummer steht im Internet, das Telefon ist rund um die Uhr besetzt. Die rund 15 Mitglieder von Tante Barbara teilen in Schichten ein, wer wann welchen der drei Dienste übernimmt. Länger als einen Tag muss keine Schwangere auf eine Antwort warten.

Die Frauen, die sich bei Tante Barbara melden, sind oft verzweifelt, manche regelrecht panisch. „Wir klären die ungewollt Schwangeren zuallererst mal über die rechtlichen Bedingungen in Deutschland auf“, sagt Meggi. Gemeinsam mit Aleks, die ebenfalls in der Gruppe aktiv ist, sitzt sie an einem sonnigen Nachmittag in einem Café in Berlin-Kreuzberg und erzählt von Tante Barbara. Die beiden jungen Frauen heißen eigentlich anders, wollen aus Sicherheitsgründen aber anonym bleiben – denn das, was sie tun, gefällt nicht jedem. 

Tante Barbara gibt es seit 2015

„Wir besprechen mit jeder Schwangeren individuell die Möglichkeiten, die sie hat“, sagt Aleks. Neben einem chirurgischen Abbruch in einer Klinik können die Frauen auch mit einem Medikament abtreiben. Manchmal ist die Schwangerschaft aber schon zu weit fortgeschritten, als dass man sie in Deutschland straffrei beenden könnte – etwa, weil die Frau zu lange gezögert hat. „Diese Schwangeren vermitteln wir dann weiter nach Holland“, sagt Aleks. Dort ist ein Abbruch bis zur 22. Schwangerschaftswoche möglich. 

Tante Barbara gibt es seit 2015. Damals schafften es Abtreibungspillen, von der Frauenrechtsorganisation „Women help Women“ verschickt, plötzlich nicht mehr über die Grenze nach Polen. „Die Post“, sagt Aleks, „wusste, wie die Päckchen aussehen und hat sie abgefangen.“ 

In den vergangenen Jahren zählte die polnische Regierung jeweils rund 1000 Schwangerschaftsabbrüche. Inoffiziell dürften es weit mehr gewesen sein. Die Föderation für Frauenfragen und Familienplanung, eine feministische Organisation in Polen, schätzt die Zahl für 2016 auf insgesamt 80.000 bis 150.000 Abbrüche. Wer ungewollt schwanger ist, lässt illegal abtreiben oder fährt in ein anderes Land, wenn das finanziell machbar ist – zum Beispiel nach Deutschland.

Ohne eine deutsche Krankenversicherung müssen die Frauen den Eingriff privat zahlen. In Deutschland kostet eine Abtreibung rund 400 Euro – für manche Frauen in Polen ein ganzes Monatsgehalt. Können sie das nicht bezahlen, springt Tante Barbara ein. Sie zahlt dann auch die Anreise und organisiert „Hosts“, die die Frauen bei sich aufnehmen. 

Die laufenden Kosten hat Tante Barbara bislang durch Spenden und Einnahmen von Soli-Partys gedeckt. Weil sich aber immer mehr Frauen melden und das Geld nicht mehr reicht, hat die Gruppe eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Bislang sind knapp 15.000 Euro zusammengekommen, 20.000 Euro sollen es insgesamt werden. Damit könnte etwa 50 Frauen eine Abtreibung bezahlt werden.

Der Kontakt mit den Frauen und das Organisieren der Termine kostet Zeit, die Mitglieder des Netzwerks bringen pro Woche etwa fünf bis zehn Stunden dafür auf. Es fühle sich aber nach mehr an, sagt Meggi, denn das Engagement für Tante Barbara sei sehr präsent. Meldeten sich in einem Monat sehr viele ungewollt Schwangere, würden alle betreut. „Wir können ja schließlich nicht sagen: ‚Meldet euch in sechs Wochen wieder, wir haben gerade keine Zeit.‘ Wir machen eine Arbeit, die sich nicht aufschieben lässt.“

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