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„Es war sehr nett da oben“: Vernon Kruger in 25 Metern Höhe. 

Südafrika

79 Tage über der Erde

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Warum er das wollte, weiß er nicht – trotzdem hat Vernon Kruger jetzt seinen eigenen Rekord im Säulensitzen gebrochen.

Gleich wird ein Hubschrauber neben Vernon Krugers Fass auftauchen, das in 25 Meter Höhe auf zwei aufeinandergestellten Baumstämmen montiert ist, und den Weltmeister im Säulensitzen aus seiner fast 80 Tage währenden Ruhe reißen. „Vor diesem Moment hatte ich schon etwas Angst“, wird der 52-jährige Südafrikaner später sagen: „Es war sehr nett da oben, so weit weg von allen anderen.“

Samstagmorgen kurz nach halb elf Uhr ist es schließlich so weit: Der Hubschrauber „parkt“ in der Luft neben Vernon Krugers Fass, und der Welt ausdauerndster Säulensitzer steigt aus seinem Bottich, der zweieinhalb Monate lang sein zu Hause war. „Ich fühle mich schon etwas wacklig auf den Beinen“, sagt Kruger. Doch der anschließende Rundflug auf der Helikopter-Kufe über das malerische südafrikanische Städtchen Dullstroom mit Hunderten von winkenden Menschen gibt ihm schnell wieder Kraft. „Großartig“, sagt Kruger und lässt sich nach der Landung zuerst einmal in einem bereitstehenden Krankenwagen den Blutdruck nehmen – viel hat er sich in den vergangenen 79 Tagen nicht bewegt.

Warum er sich so etwas antut, wurde Vernon Kruger immer wieder gefragt. „Um ehrlich zu sein: Ich weiß es auch nicht“, räumt er ein: „Ich muss mir wohl ernsthafte Fragen stellen.“ Wegen des Champion-Titels war es jedenfalls nicht, denn im Guiness-Buch der Rekorde wird Kruger schon seit 1997 als Weltmeister im Stammsitzen geführt. Damals saß der 29-Jährige ebenfalls in Dullstroom 67 Tage in seinem 500-Liter-Fass. Kein anderer vermochte Krugers Rekord in der Zwischenzeit zu schlagen: Und trotzdem kletterte er im November erneut in seine Tonne. „Ich muss es meinem Nachfolger schwerer machen“, sagt Kruger: „Obwohl das dann wohl doch wieder ich bin.“

Fast vom Blitz getroffen

Im wirklichen Leben ist er Tiefseetaucher, ist also physische Beengung gewohnt. In seinem Fass geht es spartanisch zu: Zum Schlafen muss sich der keineswegs kleingewachsene Mann wie ein Embryo einrollen. Des nachts wacht Kruger oft mit Krämpfen auf: Morgens macht er ein wenig „Frühsport“, zu dem sich aus Solidarität ein paar Fans am Boden gesellen. Das Essen wird dem Champion mit einem Lastenzug gereicht, als Toilette dient ein neben den Stämmen installiertes Rohr, das in einen separaten Tank führt. „Der längste Donnerbalken der Welt“, sagt Kruger lachend.

Ganz ungefährlich war seine Rekordsitzung nicht. Weil es im Winter nachts zu kalt wird, saß Kruger auch dieses Mal wieder im Sommer – wenn es in der südafrikanischen Mpumalanga-Provinz immer wieder zu heftigen Gewittern kommt. Mehrere Male fetzten Blitze über die Säule hinweg, einer schlug sogar in den am Fass befestigten Seilzug ein. Kruger kam mit dem Schrecken davon.

Vieles ist anders geworden, seit der Taucher zum ersten Mal dermaßen erhöht saß: Vor 23 Jahren musste er noch eigenhändig die Stämme hochklettern und hatte sich eine Landleitung mit Telefon ins Fass gelegt. Dieses Mal setzte ihn am 14. November ein Helikopter ab: Anschließend war er vor allem mit seinem Smartphone beschäftigt, nahm jede Menge Selfies auf, gab Interviews und hörte Podcasts. „Ich habe mich niemals einsam gefühlt“, sagte Kruger. Was gewiss auch daran lag, dass seine in der Bodenstation ausharrende Mutter sicherstellte, dass es dem Sohn außer am Auslauf an nichts mangelte. In einer stillen Stunde erzählt Vernon, er befinde sich derzeit in einem schmerzlichen Trennungsprozess von seiner Frau: Gut möglich, dass er in seinem Fass mit der 25 Meter langen Nabelschnur die embryonale Verbindung zur Mutter genoss.

Während vor 23 Jahren eines nachts zwei Betrunkene davon abgehalten werden mussten, Kruger mit einer Kettensäge um seine erhabene Position zu bringen, sei das Verhältnis zur Dullstroomer Bevölkerung dieses Mal ganz ausgezeichnet gewesen, sagt er. Als er am Samstag zu Boden schwebt, wird er von Hunderten von Fans erwartet: Schwarze und Weiße, Junge und Alte, Dullstroomer und Herbeigereiste feiern ein Fest. Mittendrin steht, noch etwas wacklig auf den Beinen, der Marathonsitzer und antwortet auf die Frage, was er als Nächstes tun wird: „Ein heißes Bad nehmen und in einem riesigen Bett schlafen.“

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