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Tag des Baumes: „Die Natur ist der größte Künstler“

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Von: Eckart Roloff

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Es seien zwar Fotos, oft aber nicht mehr als solche zu identifizieren, sagt Fotograf Reusch.
Es seien zwar Fotos, oft aber nicht mehr als solche zu identifizieren, sagt Fotograf Reusch. © Gerhard Reusch

Ihre Werke verwandelt Gerhard Reusch in abstrakte und surreale Bilder. Der Aschaffenburger Künstler fotografiert Borken und Rinden heimischer Bäume.

Bäume stehen überall. Sie sind schön anzusehen, oft sogar sehr schön. Vor allem jetzt, wenn sie wieder grünen. Wenn ihre Blätter wachsen, sich entfalten und Schatten spenden. Selbst Biergärten leben davon. Und doch geht man oft achtlos an ihnen vorbei.

Es gibt besonders alte Bäume, knorrige, ehrwürdige, versammelt in prächtigen Bildbänden. Da sind Rekordhalter dokumentiert, was Höhe, Alter und Kronen angeht. Und dann noch die Rolle der Bäume in Mythen, Märchen und Religionen! Der Baum der Erkenntnis aus dem Garten Eden des Alten Testaments ist nur ein, wenn auch spezieller Fall.

Und schließlich wäre da noch der Tag des Baumes, gar der Internationale. Dahinter steckt ein Politiker und Journalist aus Nebraska: Julius Sterling Morton. Seine Idee geht auf das Jahr 1872 zurück, das Datum ist der heutige 25. April. An diesem Tag geht es darum, über Bäume nachzudenken, deren Bedeutung weltweit und die unermesslichen Schäden, die ihr Verlust mit sich bringt.

Das alles mag Gerhard Reusch wissen, doch er schätzt an Bäumen etwas ganz anderes: ihre Oberfläche mit den Rinden und Borken. Reusch ist Journalist und Fotograf. Fast 40 Jahre lang hat er als Redakteur beim Aschaffenburger „Main-Echo“ gearbeitet. Dort hatte er mit Agentur-Bildern zu tun. Es reizte ihn aber schon immer, selbst zu fotografieren. Sogar ganz Übliches wie Bäume und deren Gesichter. Markant werden sie für ihn vor allem durch ihre Rinden.

Was hat es damit auf sich? Wikipedia schreibt es so: „Als Rinde (lat. cortex) werden bei der Sprossachse und der Wurzel von Gefäßpflanzen (Tracheophyta) alle Gewebe außerhalb des Zentralzylinders bezeichnet. Wenn der Ausdruck Rinde im Alltag verwendet wird, ist meist jedoch nur ein Teil der Rinde von Gehölzen gemeint, nämlich das Abschlussgewebe, das spezifischer Periderm oder Borke genannt wird.“

Mag ein Fotograf dafür auf den Auslöser drücken? Eher nicht. Bei Reusch ist das anders. Er schaut bei Rinden genauer hin. Er erkennt ihre Verletzungen und Schäden, ihre Narben und Sprünge, Ritzen, Rillen und Risse, ihre Furchen und Kerben. Was für ein Leben offenbart sich da fernab des zitierten Fachvokabulars in heimischen Begriffen!

TAg des Baumes In Deutschland wurde der Tag des Baumes vor 70 Jahren erstemals begangen: Am 25. April 1952 pflanzte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss einen Ahorn im Bonner Hofgarten gemeinsam mit der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Wenige Monate zuvor, am 27. November 1951, hatten die Vereinten Nationen den Tag des Baumes beschlossen. Er soll die Bedeutung des Waldes für den Menschen und die Wirtschaft im Bewusstsein halten.

Bei einem Urlaub in Griechenland vor zehn Jahren lag vor Reusch ein sprödes, sehr altes Holzstück. Darin erkannte er Ähnlichkeiten mit einem Paviankopf. Also, nichts wie ein Bild! Damit ging es los – mit ungezählten Folgen bis heute. Hin und wieder verkauft er seine Aufnahmen.

„Ich versuche, vornehmlich aus Rinden und verwittertem Altholz expressive Landschaften, auffällige Formen, Strukturen, auch skurrile Szenen und Figuren herauszufiltern und bei passendem Licht – gern nach einem Regenguss – ins Bild zu bringen.“, sagt Reusch. „Das Ergebnis sind abstrakte, auch surreal anmutende Bilder.“ Verhaltenes Abendlicht sei dabei ein verlässlicher Partner. Viel Gerätschaft braucht er nicht. „Ich benutze nur eine ältere Spiegelreflex- und eine neuere Kompaktkamera.“

Ausflug in die Malerei

Das Besondere liegt für ihn darin, dass „es zunächst zwar Fotos sind, doch sind sie oft nicht mehr als solche zu identifizieren.“ Als was dann? „Sie wirken wie Gemälde. Da glaube ich nicht selten, dass Elemente des Dadaismus aus den Bäumen purzeln.“ Das ist für ihn ein fotografischer Ausflug in die Malerei, um aus einer Aufnahme etwas zu schaffen, das wie ein Gemälde anmutet. Eine Seenlandschaft? Ein Rinden-, ein Brockenkuckucksheim?

Geheimnisvolle Bildwelten tun sich auf und fördern Assoziationen. „Ich denke zum Beispiel an Hans Arp, Emil Nolde, Max Ernst und Jean Michel Atlan, deren Elemente in Borken für mich herauszusehen sind.“ Gefördert werden diese Ansichten und Interpretationen auch durch die Witterung, den Zahn der Zeit, Flechten und Moose. Nadelbäume, vor allem Kiefern und Eiben, schätzt Reusch sehr, ebenso Platanen-, Eukalyptus- und Palmenarten, Birken hingegen weniger.

Später, am Computer, kann sich durch das Drehen der Aufnahmen ein neuer Blick öffnen. „Ausschnitt, Format und Kontrastregulierung – damit arbeite ich vorrangig. Die weitere Bearbeitung erfolgt, wenn überhaupt, eher sparsam: So wenig wie möglich, so viel wie nötig!“ Ganz wichtig ist Reusch, dass sich alles zu einem homogenen Ganzen fügt. Zudem möchte er den Interpretations-Spielraum der Betrachterinnen und Betrachter herausfordern.

Ihm ist klar: „Die Natur ist der größte Künstler. Das wurde mir über die Jahre immer bewusster. Und auch Morbides hat seine Schönheit.“ Und das soll oberflächlich sein?

Die Bearbeitung der Bilder erfolgt unter dem Motto: So wenig wie möglich, so viel wie nötig.
Die Bearbeitung der Bilder erfolgt unter dem Motto: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. © Gerhard Reusch
Die Bearbeitung der Bilder erfolgt unter dem Motto: So wenig wie möglich, so viel wie nötig.
Die Bearbeitung der Bilder erfolgt unter dem Motto: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. © Gerhard Reusch

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