Da hatte er noch was zu lachen: Dsjuba bei einem Spiel in Leipzig.
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Da hatte er noch was zu lachen: Dsjuba bei einem Spiel in Leipzig.

Russischer Fußballer

Täter ohne Tat

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Artjom Dsjuba steht im Zentrum eines Sex-Skandals. Dabei hat der Fußballspieler niemanden belästigt oder genötigt, sondern sich lediglich selbst befriedigt. In Russland ist das noch immer ein Tabu.

Artjom Dsjuba, Kapitän der russischen Fußballauswahl, muss um seine Karriere bangen. Wegen einer sexuellen Alltäglichkeit, die in Russland noch immer als Ungeheuerlichkeit gilt. Sportlich war der Skandal eigentlich schon ausgestanden. Am Sonntag schoss Artjom Dsjuba den Siegtreffer gegen Krasnodar, wurde danach zum Spieler des Tages ernannt und gab diesen Ehrentitel an einen Mitspieler weiter, dessen Vater gerade gestorben war. Feine Geste.

Am Vortag aber war im russischen Internet ein für Dsjuba peinliches Video aufgetaucht, es zeigte den Petersburger Profifußballer nackt, er befriedigte sich selbst. „Smartphonesex“ nennt man so etwas wohl. Aber für den 32-Jährigen geriet es zum öffentlichen Schandfleck, der nicht mit einem Tor und einer feinen Geste abzuwaschen war. Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow gab bekannt, er werde seinen Mannschaftskapitän und Mittelstürmer nicht zu den bevorstehenden Länderspielen einladen.

Das Team müsse sich mit maximaler Konzentration vorbereiten, „um die Mannschaft wie auch den Spieler selbst vor überflüssigen Negativreaktionen zu bewahren“, verzichte man auf Dsjuba. Dieser brauche Zeit, um in sich zu gehen, bei seiner Familie zu sein. Andrej Sosin, Ethikfunktionär des russischen Fußballverbandes, erklärte, die „Sbornaja“ könne ja nicht so tun, als sei nichts passiert.

„Das mag auch für Artjom besser sein, viele sagen, er sei müde, nicht besonders fit“, sagt Sosin. Es bleibe die große Frage, ob Dsjuba sich vom Imageschaden erholen werde. Ganz offensichtlich ist, dass Dsjuba nach Ansicht der russischen Fußballverantwortlichen etwas sehr Schlimmes getan hat. Etwas über das sich jetzt halb Russland ereifert.

„Dsjuba hat Hand gespielt“, witzelt das Massenblatt „Moskowski Komsomoljez“. Der Goalgetter selbst bat um Verzeihung. „Ich bin schuldig, kann niemand anderem Vorwürfe machen“, ließ er mitteilen. Dabei wurde das Skandalvideo offenbar von Hackerinnen oder Hackern aus seinem Smartphone gestohlen. Fürsprecher des Fußballstars verweisen darauf, er sei in dieser Affäre Opfer, nicht Täter.

Vor allem liberale Kreise machen Front für Dsjuba. „Soll doch jeder wichsen, wie er will“, verkündete It-Girl Xenia Sobtschak. Der Popstar Sergei Lasarew fotografierte sich ebenso nackt und in lasziver Pose wie der Star-Moderator Andrei Malachow. Unter dem Hashtag #IchWirDsjuba. Auch diese Solidaritätskampagne allerdings wirkt irgendwie schräg. Dsjuba wird wie jemand beschuldigt und verteidigt, der etwas Ungeheuerliches getan hat.

Dabei hat er niemanden sexuell genötigt oder belästigt, hat niemandem Gewalt angetan. Er hat Hand an sich selbst gelegt. In Russland ist Selbstbefriedigung noch immer eine abgrundtiefe Peinlichkeit. Nur absolute Loserinnen und Loser, schreibt der Bestsellerautor Sergei Minajew in seinem Kultroman „Duchless“, säßen verängstigt im Gebüsch und masturbierten.

Die Bloggerin Kristina Potuptschik verweist jetzt auf die Sitten im Gefängnis, wo Banditenbosse eher Mithäftlinge vergewaltigten, als zu onanieren. „Klar, dass alle um dich herum kopulieren, masturbieren, oralen Sex machen. Aber wehe, man ertappt dich dabei, dann wirst du praktisch zum Paria.“ Das Land lebt im Spagat zwischen sexueller Ausschweifung und Verklemmtheit.

„In der Sowjetunion war Sex verboten, aber im Pionierlager haben wir uns als Kinder alles gegenseitig beigebracht“, sagt Roman Popow, Chefredakteur der Boulevardzeitschrift „Tainy Swjosd“. Diese Heuchelei habe Russland geerbt. Jetzt erinnert sich seine Öffentlichkeit auch an alte Sünden Dsjubas. Der Familienvater wurde einmal ertappt, als er mit einer TV-Moderatorin knutschte. Ein andermal filmte jemand mit, als er bei einer Kabinenfeier mit einem Mannschaftskameraden Sex simulierte. Aber all das verzieh man dem WM-Helden von 2018. Im Gegensatz zum Griff ans eigene Gemächt.

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