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Abgelegener Bauernhof im Norden Rumäniens. Deutschland finanziert das Sozialprogramm.

Interview

„Systematischen Missbrauch gab essicher nicht“

Sozialpädagoge Freigang über Maramures und den Sinn von Auslandsprojekten.

Herr Freigang, warum werden auffällige Jugendliche zu Resozialisierungszwecken im Ausland untergebracht?
Auslandsmaßnahmen haben sich als Alternativen zu geschlossener Unterbringung entwickelt. Wenn man Kinder in einem geschlossenen Heim unterbringt, können sie nur begrenzt etwas lernen, was sie für das Leben außerhalb der Einrichtung benötigen. In den meisten Auslandsprojekten gibt die Natur Begrenzungen vor. Das ist etwas freier.

Was leistet ein Auslandsprojekt, was die Heimunterbringung nicht schafft?
Die fremde Sprache und die kulturelle Andersartigkeit führen dazu, dass die Teenager nicht so einfach auf ihre alten Verhaltensmuster zurückgreifen können. Sie haben zum Beispiel Angst vorm Abhauen. Eine Chance, Kontakt zur alten Szene aufzunehmen, gibt es nicht. Die Bruchstelle im Konzept ist die Rückkehr. Kinder, die sich in Rumänien gut eingefunden haben, funktionieren in Deutschland nicht automatisch ebenso gut. Sie brauchen noch einmal intensive Begleitung. Das klappt mal besser, mal schlechter.

Sie evaluieren das Projekt Maramures seit 2017. Was sind Ihre Erkenntnisse?
In Maramures landen Kinder, die in Deutschland als besonders schwierig gelten. Das Projekt Maramures hat einen guten Ruf. Jugendämter haben immer wieder Jugendliche dort untergebracht, weil sie gute Erfahrungen gemacht haben.

Wie oft waren Sie dort?
Achtmal, jeweils zwischen drei Tagen und einer Woche.

Was halten Sie vom Vorwurf der Sklavenarbeit?
Kann ich nicht bestätigen. Ich konnte mit den Jugendlichen dort jederzeit an jedem Ort reden. Niemand hat sich über systematische Misshandlung beschwert. Ich will nicht ausschließen, dass mal etwas passiert ist. Aber systematischen, regelhaften Missbrauch gab es dort sicher nicht.

Wie erklären Sie sich, dass Vorwürfe wie Prügel oder Ausbeutung dennoch von Jugendlichen erhoben werden?
Ich weiß es nicht. Charakteristisch für Maramures ist ja das Gegenteil, dass man Kindern, die Schwierigkeiten machen, mit intensiver Nähe begegnet. Man nimmt sie in eine Eins-zu-eins- oder Zwei-zu-eins-Betreuung. Manche Kinder nervt das. Sie verhalten sich aber gerade deshalb später in der Gruppe kooperativer. Andere werden dadurch ruhiger. Dass es manchmal hart ist, ist Konzept, aber das ist die deutsche Jugendhilfe auch. Manches von dem, was die Jugendlichen geschildert haben, klang für mich zudem ein bisschen unglaubwürdig. Die Schafe zum Beispiel sind im Winter im Stall, sie werden nicht draußen im Schnee in Eiseskälte gehütet.

Das Interview führte Jutta Rinas

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