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Nach Sylt-Video: Immer mehr beschämende, neue Fälle kommen ans Licht

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Schnösel mit weißen Hemden und Pullover um den Hals gekrempelt machen Hitlergrüße und Hitlerbärtchen.
Hitlergruß und Nazi-Parolen: Die Pony-Bar auf Sylt diente an Pfingsten als Party-Location für Rechtes Gesindel. © Screenshot X

Ein Video aus Sylt von grölenden Partygästen mit rassistischen Parolen schockiert Deutschland. Es ist kein Einzelfall: Ähnliche Vorfälle gibt es im ganzen Land – und selbst beim Nachbarn Österreich.

Sylt – Die Sylter dürften die Punks, die 2022 für Schlagzeilen wegen ihrer Protestcamps auf der Insel sorgten, fast vermissen. Heute ist die Insel nicht mehr wegen anhaltender Kapitalismuskritik, sondern wegen eines Rassismus-Eklats in einem Nobelschuppen im Gespräch. Doch der Rechtsextremismus junger Menschen ist nicht auf die Nordsee-Insel beschränkt, sondern an zahlreichen Orten Deutschlands anscheinend salonfähig geworden.

Rechtsextremismus neue Normalität? Sylt war kein Einzelfall

Das Sylt-Video erschreckte, weil es doch zeigt, wie selbstverständlich Rechtsextremismus für manche Menschen in Deutschland mittlerweile scheinbar ist. „Ausländer raus“, singen die Beteiligten im Video gut gelaunt zum Hit „L‘amour toujours“ von Gigi D‘Agostino. Einer der Partygäste deutet mit einer Hand ein Hitlerbärtchen, mit der anderen den Hitlergruß an. Die Flensburger Staatsanwaltschaft ermittelt im Sylter Fall mittlerweile wegen des Verdachts der Volksverhetzung und in einem Fall außerdem wegen des Verdachts, Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation verwendet zu haben. 

Indes werden auch aus anderen Landesteilen ähnliche Vorfälle bekannt. In der thüringischen Stadt Suhl sollen zwei Mitarbeiter des Wachschutzes einer Erstaufnahmeunterkunft auf dem Handy das Lied abgespielt haben und sich dazu rassistisch geäußert haben, bestätigte eine Sprecherin der Polizei der Deutschen Presse-Agentur. Die beiden Männer wurden mittlerweile entlassen. Auf der Ostseeinsel Fehmarn sollen etwa 15 Personen ebenfalls „ausländerfeindliche Parolen“ gesungen haben, wie die dortige Polizei mitteilte. Es werde wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt.

Rassistische Parolen zu „L‘amour toujours“ - Ein besorgniserregender Trend im ganzen Land

In Sachsen-Anhalt ist Mitgrölen rassistischer Parolen zu „L‘amour toujours“ offenbar kein neues Phänomen: „In einem Club in Magdeburg haben sie schon Mitte letzten Jahres Nazi-Parolen gegrölt“, sagte der Betreiber des queerfreundlichen Clubs im Mai dem MDR. Das bestätigt Janusz Zimmermann, Mitarbeiter einer Beratungsstelle gegen Hasskommentare im Netz: „Die ganze Vereinnahmung durch Rechtsextreme ist mir seit September letzten Jahres aufgefallen“. Es gebe zahlreiche solcher Beiträge auf der Plattform TikTok, auch schon in einer Zeit vor Sylt, so Zimmermann zu MDR.

In Baden-Württemberg, Sachsen und Hessen sind ebenfalls Fälle bekannt. Ebenso in Bayern: Auf dem Volksfest „Erlanger Bergkirchweih“ hatten zwei junge Männer im Alter von 21 und 26 Jahren zum Song von Gigi D‘Agostino rassistische Parolen gerufen. Im Nachbarland Österreich wurden in Kärnten und Niederösterreich ebenfalls Videos bekannt, in denen Menschen mit „Ausländer-raus“-Parolen zur Melodie von Gigi D‘Agostino singen. Auffällig ist, dass es überwiegend junge Menschen sind, die in diesen Fällen durch Ausländerfeindlichkeit auffallen.

Kriege und Klima belasten: Etwa jeder Fünfte unter 30-Jährige will AfD wählen

Viele junge Menschen wollen die rechtspopulistische bis rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) wählen. Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024“ zufolge steht die AfD mit 22 Prozent aktuell an der Spitze der Wählergunst bei den unter 30-Jährigen. Die Nachwirkungen der Corona-Pandemie, die unsichere Weltlage, Kriege, das Klima – all das würde die jungen Menschen sehr belasten, heißt es in der Studie. „Jugendstudien zufolge sind nationalkonservative Positionen wieder mehr en vogue bei der jungen Bevölkerung“, gibt auch der Trierer Wissenschaftler Uwe Jun mit Blick auf die bevorstehende Europawahl zu bedenken. Grund dafür sei die Stärke der AfD in sozialen Netzwerken, insbesondere Tiktok, meint Jun.

Genau wie die AfD heute erhielten früher die Nationalsozialisten besonders von jungen Menschen Zuspruch. Wehret den Anfängen, mahnte schon Ovid. Stattdessen deutete ein Politiker der Jungen Union kürzlich an, eine Zusammenarbeit mit der CDU auf einzelnen Politikfeldern sei „denkbar“. Auch CDU-Politikerin Ursula von der Leyen will auf Europaebene eine Zusammenarbeit mit Rechten nicht ausschließen. „So beginnt es“, schreibt der Historiker und Experte für das Dritte Reich, Jonas Stephan, auf der Plattform X. „Das kommt mir leider sehr bekannt vor. Deutschnationale, konservative DVPler und autoritäre Zentrumsleute fanden auch Schnittmengen mit der NSDAP. Wenige Monate später waren sie politisch entmachtet.“

Und dann ist auf die Punks auf Sylt doch noch Verlass: Sie planen am kommenden Wochenende mehrere Kundgebungen auf der Insel unter dem Motto „Laut sein gegen rechts!“. Auch anderswo, etwa in München, wollen andere Organisationen Demonstrationen gegen Rechts veranstalten. Mit Blick auf die bevorstehende Europawahl hilft vor allem: wählen gehen.

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