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Schön: Mit Sehenswürdigkeiten kann Australiens größte Stadt noch locken – wegen des Nachtlebens kommt niemand mehr.

Australien

Sydney: Kein Alkohol ab 3 Uhr - strenge Regeln gegen Partyexzesse

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Ab 1.30 Uhr kein Einlass, ab 3 gibt’s keine Drinks mehr: Mit strengen Regeln will Sydney Partyexzessen vorbeugen. Das zeigt Wirkung – auch für den Tourismus.

Der phänomenale Naturhafen, das segelförmige Dach des spektakulären Opernhauses, die Hafenbrücke, die kreuzenden Boote, die Lichterfestivals, der weißsandige Strand von Bondi, die unzähligen Galerien, internationalen Restaurants, die Weinberge und Blue Mountains vor der Haustür: All das und noch viel mehr macht Sydney zu einer der attraktivsten Städte der Welt. Deshalb besuchten im vergangenen Jahr 10,67 Millionen nationale und 4,05 Millionen internationale Touristen die größte Stadt Australiens. Wer jedoch Justin Hemmes zuhört, könnte zu dem Schluss kommen, die Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole sei ein dunkles Loch, das sich nur mit viel Alkohol ertragen lässt.

„Nach 20 Uhr verwandelt sich Sydney in eine Geisterstadt“, sagte der Gastronomie- und Nachtclub-König kürzlich vor einem Ausschuss des Parlaments des Bundesstaats New South Wales, dessen Hauptstadt Sydney ist. Der Besuchermagnet habe einen erschreckenden Abwärtstrend durchgemacht, Hunderttausende junge Leute mieden Sydney, der Tourismus, das kulturelle Leben und der internationale Ruf litten darunter. Deshalb, so der Unternehmer, müsse der 2014 eingeführte Zapfenstreich mit den sogenannten „Lockout Laws“, die er damals befürwortete, abgeschafft werden.

Bars und Diskotheken in Sydney: Kein Einlass ab 1.30 Uhr, kein Alkohol ab 3 Uhr

Dieses umstrittene Gesetz besagt, dass Bars, Diskotheken und Kneipen im Zentrum und den angrenzenden Stadtteilen nach 1.30 Uhr nachts keine Gäste mehr einlassen dürfen. Die Partygänger in den einzelnen Etablissements dürfen weiterfeiern, aber nach 3 Uhr darf kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden. Grund für die Einführung der Restriktionen war die durch Alkoholkonsum steigende Brutalität und Gewaltbereitschaft.

Schnell: Vor dem Zapfenstreich sollte unbedingt noch bestellt werden.

Seither sind Schlägereien und daraus resultierende Verletzungen – es hatte zuvor sogar Todesfälle gegeben – tatsächlich deutlich zurückgegangen. Studien besagen, dass die Zahl der Zwischenfälle – wie übrigens auch in der mit „Lockout Laws“ operierenden Nachbarstadt Newcastle – um 40 Prozent gesunken sei. Aber parallel dazu ist laut Hemmes auch die Partylaune und das Nachtleben in der Metropole gestorben.

Als „internationale Peinlichkeit“ führte er das Beispiel von Popdiva Madonna an, der 2016 nach ihrem Konzert in Sydney der Zugang zu ihrer eigenen After-Show-Party in einem seiner Clubs verwehrt wurde, weil sie und ihre Entourage erst um 1.45 Uhr eintrafen. Dem kanadischen Popsänger Justin Bieber sei es ähnlich ergangen, und die Fußballstars des FC Chelsea hätten sein Lokal verlassen, weil ihr Trainer nach 1.30 Uhr zum Telefonieren kurz nach draußen gegangen und nicht mehr hineingelassen worden sei.

Sydney: Kneipen und Clubs verlieren Kundschaft wegen der Alkoholregeln

Viele Kneipen und Clubs, so Justin Hemmes, hätten aufgrund der Alkoholregelung so viel Kundschaft verloren, dass sie letztlich dichtmachen mussten. Deshalb forderte der Herr über 46 Lokale in der City: „Es muss eine breitere Konversation darüber geben, was man tun muss, damit das Leben in der Stadt 24 Stunden am Tag pulsiert.“

Der Blick nach Melbourne ist neiderfüllt: Die Hauptstadt des Bundesstaats Victoria rangiert in der Gunst von Partygängern deutlich vor Sydney. Aber Melbourne, das zwar in puncto Schönheit mit Sydney nicht mithalten kann, war schon immer cooler, nicht bloß weil dort die ganze Nacht lang ungehemmt getrunken werden darf. Im Nachbarland Neuseeland gibt es ähnliche Diskussionen. In Christchurch, der zweitgrößten Stadt der Nation, gab es von 2012 bis 2017 sogar eine ähnliche Regelung wie in Sydney, die „One-way Door Policy“ hieß.

Der Einbahnstraßenverkehr in Kneipen – nur noch hinaus, aber nicht mehr hinein – begann um 1 Uhr, um 3 Uhr gingen die Lichter aus. Doch im vergangenen Jahr beschloss der Stadtrat, das Experiment nicht weiterzuführen. Und auch in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington müssen die Kneipen um 3 Uhr schließen und dürfen um 7 Uhr früh wieder öffnen. In Auckland, der größten Stadt des Landes, bleiben die Türen indes von 4 bis 8 Uhr früh zu.

Positive Auswirkungen früherer Schlusszeiten wie in Sydney sind belegt

Dabei sind die positiven Auswirkungen früherer Schlusszeiten dies- und jenseits der Tasmansee mit Zahlen belegt. Die neuseeländische Organisation zur Bekämpfung des Drogenkonsums, die NZ Drug Foundation, sagt, der allgemeine Schlüssel liege bei einer Reduzierung der Gewalt um 12 bis 17 Prozent für jede mit Restriktionen belegte Stunde nach 1 Uhr. Die Exzesse stiegen nach 2 Uhr sprunghaft an. Und jeder hat im neuseeländischen Fernsehen schon die Bilder eines typischen Wochenendes gesehen.

Sturzbetrunkene Menschen liegen auf Gehwegen und erbrechen sich, halb bewusstlose junge Frauen werden sexuell belästigt, die Polizei rückt in Mannschaftsstärke aus, um Partygänger vor gewalttätigen Übergriffen und sich selbst zu schützen. Die Notaufnahmen von Krankenhäusern sind mit der Versorgung von Alkoholleichen und Gewaltopfern überfordert, und oft muss auch hier die Polizei gerufen werden, weil die Betrunkenen und ihre Begleiter gegenüber Pflegepersonal und Ärzten aggressiv reagieren.

Die NZ Drug Foundation nennt jedoch auch den Grund, warum die Alkoholgesetze, die das Parlament 2012 an die Kommunalverwaltungen übertragen hat, nicht verschärft, sondern gelockert werden: „Jedes Mal, wenn ein Stadtrat nach Konsultierung der Bevölkerung einen lokalen Gesetzentwurf vorlegt, schickt die Alkoholindustrie ihre Anwälte an die Front, um den Plan mit teuren Einsprüchen zum Stillstand zu bringen.“

Mehr als die Hälfte der Einsprüche gegen die sogenannten Local Alcohol Policies kommen von den beiden Supermarktriesen Progressive Enterprises und Foodstuffs sowie dem Alkoholimporteur Super Liquor Holdings. Und die Kneipiers jammern, dass ihre Geschäfte, Lebensgrundlage und Profite den Bach runtergingen. Die Behörden resignieren angesichts des Aufwands und der Kosten irgendwann, die Polizei sammelt die Alkoholleichen ein, die Ärzte in den Krankenhäusern flicken die Opfer der Rund-um-die-Uhr-Party, und der Staat trägt die finanziellen und sozialen Kosten.

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