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Vier Tote

Surfside: Hochhaus stürzt ein, Rettungskräfte suchen Überlebende

  • VonMirko Schmid
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In Surfside unweit von Miami stürzt ein Wohnhochhaus in sich zusammen. Mehr als einhundert Menschen werden noch vermisst, vier sind bereits als tot gemeldet.

Surfside - Es klingt wie ein Bericht aus einem Kriegsgebiet: „Erst hörten wir seltsame Geräusche, die wie Donner klangen. Dann begann das Zimmer zu wackeln. Wir haben nur noch versucht, irgendwie selbstständig aus dem vierten Stock herauszukommen. Überall war Schutt. Wir haben zwei ältere Nachbarn mitgenommen. Am Ende wurden wir von der Feuerwehr über den Balkon gerettet.“

Tatsächlich aber stammen diese Worte nicht aus einer von Bürgerkriegen gebeutelten Region. Sie stammen aus Surfside, einem beliebten Fleckchen unweit von Miami Beach. Auch auf den ersten Blick wirkt die Szenerie gespenstisch. Ein Hochhaus, das langsam in sich zusammensackt. Die Luft ist voll von aufgewirbeltem Staub. Der südliche Teil der Champlain Towers sieht aus wie nach einem Luftangriff. Und aus den Fernsehgeräten ringsherum dringt die Stimme von Ron Santis.

Die Trümmer des südlichen Champlain Towers: Suche nach Überlebenden in Surfside geht weiter.

Der Gouverneur des „Sunshine State“ Florida stellt die Bevölkerung der zweitgrößten Stadt seines Bundeslandes „Angesichts der Zerstörung“ auf schlechte Nachrichten ein. Für den Republikaner, der sich Aussichten auf ein Rennen als Vizepräsidentschaftskandidat neben Donald Trump im Jahr 2024 macht, kommt das Unglück zur Unzeit. 2019 konnte er den Staat nur knapp gegen den Demokraten Andrew Gillum gewinnen, schon in zwei Jahren steht er zur Wiederwahl. Sollten DeSantis‘ Verwaltung Fehler nachgewiesen werden können, würde sein Amt wackeln – und gleichzeitig sein Traum vom Einzug ins Weiße Haus.

Rettungskräfte in Surfside suchen in den Champlain Towers nach Überlebenden

Ähnlich geht es Charles Burkett. Der regierte in Miami bereits von 2006 bis 2010, 2020 eroberte er sich das Rathaus von Amtsinhaber Daniel Dietsch zurück. Mit seiner Management- und Investmentgesellschaft trug er dazu bei, in South Side Miami den Art Deco District wiederzubeleben. Burkett redet ruhig, fast monoton. Ungewöhnlich direkt sagt er: „Dies ist eine schreckliche Tragödie. Ich denke, in den Vereinigten Staaten fallen Gebäude einfach nicht ein.“

DeSantis und Burkett mühen sich darum, sich als Krisenmanager zu profilieren. Immer wieder vermeldet das Büro des Bürgermeisters neue Zahlen. Vier Tote bisher. Die Zahl der Vermissten schwankt. Mal sind es 99, mal 145. So genau weiß das hier bisher niemand. Die Sucharbeiten sind in vollem Gange. Mit Spürhunden, Sonaren und Wärmebildkameras durchstreifen die Einsatzkräfte die Trümmer. Einige Stellen sind nicht erreichbar, weil weiterhin Einsturzgefahr besteht.

Aus der Tiefgarage des Hochhauses schickt die Feuerwehr Statusmeldungen per Twitter. Sie stehen dabei bis zu den Knien im Wasser. Ein halbes Dutzend arbeitet an Bohrungen, die Decke über ihnen wirkt morsch. Aufgeben wollen sie nicht. „Es sind noch so viele Vermisste, wir geben nicht auf“, bekräftigt Alan Cominsky, Chef der Feuerwehr des Landkreises Miami-Dade. Am Vortag hatten sie eine Frau geborgen, der vor Ort ein Bein amputiert werden musste, um sie lebend aus den Trümmern zu retten.

Champlain Towers: Suche nach Vermissten kommt in Surfside nur schleppend voran, Angehörige verzweifelt

Etliche Menschen haben es laut Angaben der Behörden vor Ort dank der Einsatzkräfte bereits in Sicherheit geschafft. Zusätzlich steigt die Zahl derjenigen, die als Einwohner:innen identifiziert und andernorts erreicht wurden. Und doch, so erklärt es Cominsky, sinkt mit jeder Stunde die Chance darauf, alle nun noch Vermissten lebendig zu bergen. NBC6-Reporterin Julia Bagg twittert ein kurzes Interview mit einem Wohnungsbesitzer, der verzweifelt versucht, seine Mieterin zu erreichen.

Auch ihr Kollege Johnny Archer sammelt Stimmen von Betroffenen. Ein zeigt einen Familienangehörigen, der seinen Frust über den Fortschritt der Such- und Bergungsmissionen ausdrückt. Allmählich klingen auch einige der Retter ernüchtert. Bagg zitiert einen mit den Worten: „Wir suchen jetzt nach Lebenszeichen. Auf Klopfgeräusche. Wir achten darauf, wo sich Stahl verbiegt und wo Trümmer abgehen.“

Die Feuerwehr twittert: „Wenn Sie in der Nähe des #SurfsideBuildingCollapses wohnen, leiden Sie möglicherweise unter Rauch, der sich auf Personen mit Atemwegserkrankungen auswirken kann. Bitte bleiben Sie drinnen, halten Sie Ihre Fenster und Türen geschlossen und schalten Sie Ihre Klimaanlage an, um die Luft in Ihrem Haus umwälzen.“ In Regelmäßigen Abständen geben die Behörden eine gemeinsame Presskonferenz im improvisierten Pressezentrum, ein Camping-Pavillon spendet ein wenig Schatten.

Surfside: Bereits 2018 warnte ein Prüfbericht vor erheblichen Schäden der Champlain Towers

Bis zu rund 2,5 Millionen US-Dollar kostet eine Wohnung in den Champlain Towers. Und doch mehren sich Medienberichte, wonach dringende Warnungen im Vorfeld der Katastrophe ignoriert worden seien. Bereits im Jahr 2018 habe ein Inspektionsbericht über den südlichen der Champlain Towers South erhebliche Baumängel angemahnt.

Trauer in Surfside: Viele Menschen haben ihre Wohnung verloren, manche ihre Angehörigen.

Das Fehlen einer „ordnungsgemäßen Entwässerung auf dem Pooldeck“ sei ursächlich für einen „großen strukturellen Schaden“ am Gebäude. Im „Structural Field Survey Report“ vom Oktober 2018 wird Ingenieur Frank Morabito mit den Worten zitiert: „Die fehlende Abdichtung ist ein systemisches Problem, das auf einen Fehler in der Entwicklung der ursprünglichen Bau- und Vertragsdokumente vor 40 Jahren zurückgeführt werden kann.“

Das jahrelang stehende Wasser auf dem Pooldeck hatte die darunter liegenden Betonkonstruktionsplatten stark beschädigt, lautete Morabitos Urteil: „Wenn die Abdichtung nicht in naher Zukunft ersetzt wird, wird sich das Ausmaß der Betonverschlechterung exponentiell ausweiten.“ Er warnte aber auch: Die ordnungsgemäße Reparatur sei ein „extrem teures“ Unterfangen: „Das Entfernen der Betondecke würde Zeit in Anspruch nehmen, störend sein und eine große Störung für die Bewohner dieser Eigentumswohnung darstellen.“

Zahl der Vermissten in Surfside auf 159 angestiegen

„Obwohl einige dieser Schäden geringfügig sind, müssen die meisten Betonschäden rechtzeitig repariert werden“, heißt es weiter im Bericht. Morabito stellte fest, dass frühere Versuche anderer Auftragnehmer, Risse in der Garage zu reparieren, „ineffektiv“ gewesen sein. Das Problem sei nie behoben worden. Eine genaue Ursache des Einsturzes ist bisher nicht bekannt, vieles deutet auf das Eindringen von Wasser hin.

StadtSurfside
BezirkMiami-Dade County
BundesstaatFlorida
BürgermeisterCharles Burkett
Bevölkerung5744

Unterdessen meldet der Miami Herald, dass die Zahl der Gesuchten inzwischen auf 159 angestiegen sei. Unter ihnen befinden sich Familien, wie die von Luis Fernando Barth und seine Ehefrau Catalina Gómez. Sie waren mit ihrer 14-jährigen Tochter Valeria aus Kolumbien angereist, um sich gegen Corona impfen zu lassen. Sie hatten die zweite Impfung gerade hinter sich und planten die Rückreise. Bisher gibt es keine Lebenszeichen von ihnen.

Das gilt auch für die Familie Cattarossi. Gino und Garciela waren mit ihren Töchtern Andrea und Graciela in den Towers – und mit ihrer siebenjährigen Enkelin Stella. Der Miami Herald hat 117 solcher Steckbriefe veröffentlicht. Auf der Straße stellt sich Bürgermeister Charles Burkett einem CNBC-Reporter. Der fragt: „Hier brennt es schon seit Stunden. Wissen Sie, was in diesem Feuer ist? Ist es gerade sicher, hier zu sein?“ Burkett antwortet: „Es ist wahrscheinlich nicht sicher, hier zu sein.“ (Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © Marco Bello/afp

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