+
Für die schwer bewaffnete Wagenkolonne, die Joaquín "El Chapo" Guzmán zum Gericht bringt, werden in New York sogar Straßen gesperrt.

Prozess gegen "El Chapo"

Superprozess für Supergangster "El Chapo"

  • schließen

In New York steht der mexikanische Drogenboss "El Chapo" vor Gericht. In dem Verfahren geht es um mehr als nur Rauschgifthandel.

Die Brooklyn Bridge ist eine der Hauptverkehrsadern in New York. Täglich fahren mehr als 120 000 Autos über die Brücke, die den bevölkerungsreichsten New Yorker Stadtteil Brooklyn mit dem Geschäftszentrum in Manhattan verbindet. Umso ungehaltener waren die New Yorker, als Ende September zur Hauptverkehrszeit die Brücke komplett gesperrt wurde.

Grund für die Sperrung war der Hochsicherheits-Transport des gefürchteten Drogenkartell-Bosses Joaquín Guzmán, genannt „El Chapo“, von seinem Gefängnis im südlichen Manhattan zum Gericht des Eastern District von New York. Es war nur eine Anhörung, zu der Guzmán nach Brooklyn musste, doch wenn in dieser Woche seine Gerichtsverhandlung anfängt, müssen die New Yorker täglich mit Chaos auf der Brooklyn Bridge rechnen.

Das Verkehrsärgernis könnte Monate andauern, denn das an Sensationsprozesse eigentlich gewohnte New York erwartet eines der längsten und spektakulärsten Verfahren der vergangenen Jahrzehnte. „El Chapo“, der mehrmals geschnappt worden war, aber immer wieder türmen konnte, bis er im Januar 2016 in seiner mexikanischen Heimatprovinz Sinaloa endgültig festgesetzt wurde, ist ein Public Enemy erster Güte. Und die Anklage wird versuchen, wie es die New York Times beschrieb, die „epische Geschichte“ nicht nur des Aufstiegs des heute 61-Jährigen zum wichtigsten und größten Drogenboss der Welt zu erzählen, sondern gleichzeitig den Juroren eine Lehrstunde über die Verflechtungen und die Geschichte des weltweiten Drogenhandels zu erteilen.

Für die USA steht viel auf dem Spiel. Seit in den 70er Jahren Präsident Nixon der „Drogenseuche“ den Krieg erklärt hat, hat das Land nach Schätzungen der Forschungsgruppe Drug Policy Alliance mehr als eine Billion Dollar für den Kampf gegen Drogen ausgegeben. Donald Trump hat bekräftigt, diesen Kampf auszuweiten – und das, obwohl immer lautere Stimmen kritisieren, dass der Kampf nicht nur den Drogenkonsum und die damit verbundene Kriminalität nicht zurück gedrängt hat, sondern dass die Politik der Kriminalisierung mit den Folgen der Masseninhaftierung und der Militarisierung der Polizei massiven gesellschaftlichen Schaden anrichtet.

Mit der mutmaßlichen Verurteilung von „El Chapo“ kann die US-amerikanische Anti-Drogenpolitik nun zumindest einen sichtbaren Triumph verbuchen. Am Drogenproblem wird sie freilich nichts ändern. Die Drogenimporte sind seit „El Chapos“ Verhaftung nicht zurück gegangen, die Strukturen des Sinaloa-Kartells sind weiterhin intakt. Zudem hat sich das amerikanische Drogenproblem von Kokain aus Südamerika auf synthetische Opiate aus der Pharmaindustrie verlagert.

Dennoch wird die Anklage, wie aus einem Memo hervorgeht, beim Prozess hervorheben, welche verheerenden Folgen das Drogenproblem für New York, Miami und Chicago hatte und bis heute hat. Der Versuch der Regierung, „El Chapo“ zum Sündenbock für Amerikas soziale Schwierigkeiten zu machen, ist offensichtlich.

Guzmán mit Robin-Hood-Image

Daran, dass es zu einer Verurteilung von „El Chapo“ zu lebenslanger Haft kommt, besteht indes kaum ein Zweifel. Guzmán hatte 1989 nach der Festnahme des Chefs des Guadalajara-Kartells sein eigenes Kartell egründet und war in den Jahren danach zum reichsten und mächtigsten Drogenboss Mexikos aufgestiegen. Und während Guzmán in seiner Heimat das Image eines Robin Hood pflegte, der die Armen unterstützt, führte sein Kartell einen blutigen Kampf mit Konkurrenten und befeuerte so den Drogenkrieg, der Mexiko bis heute im Griff hat und inzwischen Zehntausende das Leben kostete.

Die Staatsanwaltschaft wird Tausende von Seiten an Dokumenten vorbringen, in denen „El Chapo“ Mord oder Beteiligung am Mord in vermutlich Hunderten von Fällen nachgewiesen wird. Als Zeugen werden ehemalige Komplizen und Handlanger aufgerufen, die sich zur Kooperation mit der Regierung bereit erklärt haben, darunter die Flores Brüder, die für das Kartell den Vertrieb in Chicago organisiert haben sowie Vincente Zambada-Nieblas, der Sohn von „El Chapos“ rechter Hand, Ismael Zambada Garcia.

Die Argumente der Verteidigung, „El Chapo“ sei gar nicht der Kopf der Sinaloa-Organisation gewesen, klingen dagegen schwach. Hinzu kommt, dass die Verteidigung unter erschwerten Bedingungen arbeiten muss. Die Anwälte können nur in sehr begrenzten Maß mit ihrem Klienten kommunizieren, dessen geistiger Zustand nach Monaten der Isolationshaft auch zunehmend zu degenerieren scheint.

Doch trotz des vergleichsweise sicheren Ausgangs wird der Prozess New York in Atem halten – und das nicht nur wegen des Verkehrschaos‘. Bislang werden die Identitäten der Juroren und Zeugen aus Sicherheitsgründen geheim gehalten, doch mit Prozessbeginn, der für den 13. November angesetzt ist, wird das nicht mehr möglich sein. Und mit Blick auf die Vergangenheit liegt nahe, dass Joaquín Guzmán sicher auch aus der Gefängniszelle heraus Mittel und Wege finden wird, um Dinge zu veranlassen, die sein Verfahren positiv beeinflussen.  (mit boh/dpa/afp)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion