+
Protest: In Südafrika gibt es extrem viele Morde an Frauen. 

Rohe Gewalt am Kap

Femizid in Südafrika: Alle drei Stunden wird eine Frau getötet

  • schließen

In Südafrika wird alle drei Stunden eine Frau ermordet. Sagt die Statistik. Es reicht, sagen die Frauen – und gehen zu Tausenden auf die Straße.

Samstagmorgen um kurz nach zehn Uhr geht Uyinene „Nene“ Mrwetyana noch schnell zum Postamt, um ein Päckchen von ihrer Mutter abzuholen. Vom Studentenwohnheim in Kapstadts wohlsituiertem Stadtviertel Claremont ist der kalte Funktionsbau aus der Apartheidzeit kaum einen Kilometer weit entfernt. Weil sich Nenes Freundinnen über ihre Vorsicht bereits lustig machen, geht die 19-jährige Filmstudentin diesmal alleine los. Ein makellos gekleideter Postbeamter erklärt ihr zuvorkommend, sein Computersystem sei leider „offline“: Sie soll doch bitte nach Geschäftsschluss um 13 Uhr wieder kommen, da werde er ihr weiterhelfen können. Als die attraktive Hochschülerin am Nachmittag zurückkommt, lotst sie der Postbeamte in den Lagerraum, sperrt hinter sich die Tür zu und vergewaltigt sie. Schließlich schlägt er mit einer Waage auf Nene ein, bis sie sich nicht mehr rührt. Er sei verblüfft gewesen, wie lange es gedauert habe, bis die junge Frau endlich tot gewesen sei, wird der 42-jährige Postler später im Verhör aussagen.

Femizid in Südafrika

Nenes Ermordung löst am Kap der Guten Hoffnung einen Aufschrei der Empörung aus. Vielleicht, weil die Studentin so hübsch und allseits beliebt war; vielleicht, weil man in einem Postbeamten einen ehrenwerten Vertreter des Staates und keinen hinterhältigen Killer vermuten zu können meinte. Gewiss aber auch, weil ihr Tod an diesem Wochenende nicht der einzige blieb: Kurze Zeit später wird die talentierte Boxerin Leighandre „Baby Lee“ Jegels vor den Augen ihrer Mutter von ihrem Ex-Freund, einem Polizisten, erschossen. Am Tag zuvor war die 19-jährige angehende Theologiestudentin Jesse Hess ermordet worden, nachdem sie am Morgen eine zum „Monat der Frau“ verliehene Auszeichnung erhalten hatte. Janika Mallo (14), Sisanda Fani (30) und Verusha Padayachee (32) lauten drei weitere Namen von mehr als zwanzig Südafrikanerinnen, die am selben Wochenende getötet wurden: Statistisch gesehen wird am Kap der Guten Hoffnung alle drei Stunden eine Frau umgebracht. „Heute ist schon wieder eine andere Frau dran“, schreibt die Kolumnistin Boshomane Tsotetsi in der „Sunday Times“: „Und morgen eine weitere. Eines Tages werde womöglich ich an der Reihe sein. Und dann Du.“

Der Femizid beschränkt sich nicht auf die dunkelhäutige Bevölkerung Südafrikas

Für die zahllosen Morde hat sich bereits ein Name etabliert: Man spricht vom Femizid, wie andernorts vom Genozid die Rede ist. Viele der Tötungsdelikte gehen mit sexueller Schändung einher. Südafrika hat auch eine der höchsten Vergewaltigungsraten der Welt. Jährlich werden am Kap der Guten Hoffnung weit über 40 000 Vergewaltigungen angezeigt. Aber nur jede zwanzigste misshandelte Frau gehe zur Polizei, sagen Frauenrechtsorganisationen. In anonymisierten Umfragen räumt ein Viertel der über 27 Millionen Südafrikaner ein, schon einmal eine Frau zum Sex gezwungen zu haben. Jede dritte erwachsene Johannesburgerin wurde nach eigenen Angaben schon mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt.

Einen Aufschrei löst diese frauenverachtende Brutalität höchstens noch aus, wenn ein besonders krasser Fall bekannt wird: Wenn ein zweijähriges Mädchen vergewaltigt, eine bekannte lesbische Fußballspielerin aus Gründen der „Umerziehung“ geschändet oder eine Frau von einer Meute Männer so brutal misshandelt wird, dass sie ihren inneren Verletzungen erliegt. Dann wird in Zeitungsartikeln, in Talkshows oder auf Protestkundgebungen entsetzt gefragt, ob es sich bei den Südafrikanern um Männer oder Monster handele: Die Antwort fällt meist uneindeutig aus.

Überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebt in tiefster Armut

Um ein gängiges Missverständnis aus dem Weg zu räumen: Der Feminizid beschränkt sich keineswegs auf die dunkelhäutige Bevölkerung Südafrikas. Auch weiße Kapbewohner beenden einen Streit mit ihrer Freundin mitunter – wie der amputierte Olympionike Oscar „Bladerunner“ Pistorius – mit Schüssen aus einer Pistole. Unter burischen Südafrikanern scheint es sich sogar eingebürgert zu haben, im Fall eines geplanten Selbstmords zuerst einmal die eigene Frau und die Kinder umzubringen. Das Land gehört zu den gewalttätigsten Gesellschaften dieser Welt, wissen Experten: In der Kategorie der Morde und Gewaltverbrechen wird es im „Global Peace Index“ des australischen „Institutes for Economics and Peace“ unter den zehn schlimmsten Staaten der Erde geführt.

Die Gründe für das alarmierende Ausmaß an roher Gewalt sind vielfältig und bereits in der blutigen Geschichte des angeblichen Regenbogenstaats zu finden. Jahrhundertelang führten die europäischen Siedler unzählige Kriege gegen die einheimische Bevölkerung – als deren Widerstand gebrochen war, schrieben sie das Unrecht in den Rassentrennungsgesetzen fest, die sie wiederum gewaltsam durchsetzen ließen. Ihren Widerstand dagegen führten die schwarzen Befreiungskämpfer ebenfalls mit gewalttätigen Mitteln – sowohl gegen die Sicherheitsmaschinerie der Apartheidherrscher wie gegen angebliche Verräter in den eigenen Reihen. Südafrika sei auf einer „Kultur der Gewalt“ gegründet, sagt Graeme Simpson, ehemaliger Direktor des Johannesburger „Studienzentrums für Gewalt und Versöhnung“. Und von dieser habe sich das Land noch immer nicht befreit.

Kriminalität in Südafrika gerät außer Kontrolle

Nach dem politischen Neuanfang vor 25 Jahren bestand die Chance, ein neues Fundament zu schaffen: Südafrika erhielt eine Verfassung, die das Recht jedes Einzelnen über die Willkür des Stärkeren stellte. Was die Verfassung allerdings nicht verändern konnte, war die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in tiefster Armut verharrte. Das Recht auf eine würdevolle, materiell gesicherte Daseinsform blieb für die meisten Kapbewohner abstrakt. Und das angesichts einer Minderheit, die im sonst nur von Industrienationen bekannten Luxus schwelgt. Nirgendwo in der Welt ist der Einkommensunterschied zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen so groß wie am Südzipfel des afrikanischen Kontinents.

Kapstadt, 4. September: Eine Demonstrantin hält ein Plakat mit dem Foto der getöteten Nene hoch

Die Konsequenz, wie sie alle von Ungleichheit zerrissenen Staaten dieser Welt erleben: Die Kriminalität gerät außer Kontrolle, vor allem Einkommensdelikte wie Raub oder Diebstahl. Mit ihnen stieg in Südafrika allerdings auch die Zahl der Gewaltverbrechen in schwindelerregende Höhen: Mit mehr als 20 000 Morden wird hier Jahr für Jahr die Bevölkerung einer Kleinstadt ausradiert. Die meisten Ermordeten sind übrigens Männer, „nur“ jedes fünfte Opfer ist eine Frau. „Das Leben ist billig“, pflegen Südafrikaner zu sagen. Noch billiger ist höchstens das Verbrechen selbst. Denn die weit überwiegende Zahl der Täter wird für ihr Vergehen niemals zur Rechenschaft gezogen – ob es sich um einen Diebstahl, einen Mord oder Vergewaltigung handelt.

Fast eine Woche dauerte es, bis Nenes Leichnam schließlich in einem flachen Grab in Kapstadts Township Kayelitsha gefunden wurde. Der Postler hatte ihren geschundenen Körper noch in der Nacht zum Sonntag weggeschafft. Er wischte ihr Blut auf und entsorgte die Waage, versäumte es aber, auch den Mopp und sein Auto gründlich genug zu putzen. Von Nenes Familie beauftragte Privatdetektive kamen dem Mörder auf die Schliche. Der Polizei wäre ein solcher Fahndungserfolg vermutlich nie gelungen.

Nicht einmal jeder dritte Mordfall wird am Kap der Guten Hoffnung aufgeklärt. Zwei von drei Mördern leben unbehelligt weiter in Freiheit, was über die Jahrzehnte Hunderttausenden von Tätern gleichkommt. Bei Vergewaltigungen ist die Aufklärungsrate noch um ein Vielfaches geringer: Weniger als fünf Prozent der missbrauchten Frauen erstatteten überhaupt Anzeige, ist bei der Frauenrechtsorganisation Sonke Gender Justiz zu erfahren. Teils, weil sie ihre Tortur nicht noch einmal vor der Polizei und vor Gericht durchleben wollen – teils, weil sie ihr Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden längst verloren oder dieses noch nie gehabt haben. Nur in rund zehn Prozent der angezeigten Fälle kommt es schließlich zu einer Gerichtsverhandlung. Der Rest wird entweder zurückgezogen oder schafft es aus anderen Gründen niemals zur Anklage. Staatsanwälte brüsten sich damit, dass mehr als 70 Prozent aller Vergewaltigungsprozesse mit einer Verurteilung enden: Das sind gerade mal 0,3 Prozent aller tatsächlichen Fälle.

Folgenlosigkeit der Gewaltwelle

Die Aussicht, niemals bestraft zu werden, sei neben den geschichtlichen und sozialen Ursachen der dritte wichtige Grund für die zum Himmel schreiende Verbrechensrate, heißt es bei Sonke Gender Justice. Nicht nur, dass die Folgenlosigkeit die Gewaltwelle nicht eindämmt, sie trägt sogar noch zu ihrer Beschleunigung bei. Nach der Identifizierung von Nenes vermutlichem Mörder zündeten Bewohner des Townships Kayelitsha umgehend dessen Haus an. Weil sie den Institutionen der Strafverfolgung nicht trauen, nahmen sie die Bestrafung in die eigene Hand. In Südafrikas Townships kommt es immer wieder zu spontanen „Känguruh-Prozessen“ und der brutalen Ermordung angeblicher Täter. Und sollte es den Falschen treffen, lautet die Losung: Hat er eben Pech gehabt.

Wie zu solchen Anlässen üblich forderten nach Nenes Mord zahllose Südafrikaner die Wiedereinführung der Todesstrafe. Der Frauenverband des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) machte sich sogar für die Zwangskastrierung von Vergewaltigern stark. Als sich Präsident Cyril Ramaphosa Tage nach dem allgemeinen Aufschrei endlich auch mal zu Wort meldete, kündigte er eine Verschärfung des Strafrechts an – als ob das Problem der Straflosigkeit damit aus der Welt geräumt wäre.

Polizei in Südafrika scheint aufzugeben

Dass sich der Staatschef so lange Zeit nahm, hatte auch mit einer weiteren Gewaltwelle zu tun, um die er sich kümmern musste: In Pretoria und Johannesburg jagten Mobs Migranten aus anderen Teilen Afrikas, denen sie den Raub „ihrer“ Frauen und Arbeitsplätze vorwarfen. Zumindest anfangs schaute die Polizei dem gewalttätigen Treiben untätig zu. Die Ordnungshüter hatten Angst, von den Mobs überwältigt zu werden – oder teilten gar deren Ziele.

Südafrika sei eine „dysfunktionale, kaputte und kollabierende Gesellschaft“, entsetzt sich Kolumnist Sipho Masondo in der Sonntagszeitung „City Press“. Mit jedem Tag wachse die Gefahr, dass die staatlichen Stützpfeiler vollends zusammenbrächen. Der ungeschriebene Vertrag, mit dem sich eine Gesellschaft auf einen moralischen Kodex einigt, scheint sich tatsächlich aufzulösen: Hunderttausende unbestrafter Mörder tummeln sich in Südafrika; trotz seiner Veruntreuung von Milliarden Rand an Steuergeldern befindet sich Ex-Präsident Jacob Zuma noch immer nicht hinter Gittern; der regierende ANC wird von einem Vizepräsidenten und einem Generalsekretär geführt, denen selbst Verbrechen vorgeworfen werden. Die Polizei, der eine Mehrheit der Bevölkerung schon zu Apartheidzeiten nicht vertrauen konnte, scheint angesichts der Verbrechensflut aufgegeben und sich auf das Eintreiben von Schmiergeldern verlegt zu haben.

„Rest in Peace, South Africa!“, rufen Demonstrantinnen zynisch, die das Ende von Nelson Mandelas Regenbogennation gekommen sehen. „Verende im Chaos“, müsste es heißen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion