+
Parcour-Training in Offenbach - ein Angebot des örtlichen Jugendamtes. Den Ämtern kommt eine verantwortungsvolle Rolle für viele Familien zu.

Missbrauch

„Die Struktur der Jugendhilfe müsste verändert werden“

  • schließen

Pädagogikprofessorin Kathinka Beckmann spricht im Interview über fehlende Stellen bei den Jugendämtern und zu wenig Geld.

In Deutschland betreuen insgesamt rund 560 Jugendämter etwa eine Million hilfsbedürftige Kinder und Jugendliche. Eine im Frühjahr veröffentlichte Studie der Hochschule Koblenz zeigt, dass sich in vielen Jugendämtern zu wenig Personal um zu viele Fälle kümmern muss – manchmal sind es pro Mitarbeiter 50 bis 100 Fälle. Innerhalb der Jugendämter sind die Fachkräfte des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) dafür zuständig, dass Kinder und Jugendliche vor Gewalt und Verwahrlosung geschützt werden. Laut Studienleiterin Kathinka Beckmann fehlt es vielen von ihnen an Zeit, zumal etwa zwei Drittel der Arbeitszeit für die Dokumentation der Fälle benötigt würden. Der Kontakt mit Betroffenen macht demnach nur 37 Prozent der Arbeitszeit aus.

Frau Beckmann, Ihre Studie zeigt, dass Jugendämter vielerorts überfordert sind und zu wenig Personal haben. Warum ist die Situation so schlecht?
Es ist Aufgabe der Kommunen, die Jugendämter finanziell und personell auszustatten. So hängt es stark von zwei Faktoren ab, wie die Personaldecke vor Ort aussieht: Die kommunalen Einnahmen spielen eine große Rolle, so dass man bei den meisten finanziell gut aufgestellten Kommunen automatisch mehr Personal – ergo weniger Fallzahlen auf eine Vollzeitstelle – rechnen kann. Bei weniger gut ausgestatteten Kommunen kommt es auf die Zusammensetzung des Parlaments an. Ist denen bewusst, dass der ASD im Jugendamt eine komplexe und verantwortungsvolle Rolle für viele Familien spielt, dann werden sie für ein angemessenes Budget trotz enger Kassenlage stimmen.

Wie könnte die Situation schnell verbessert werden?
Schnell geht hier leider gar nichts. Die Problematik ist sehr komplex, die gesamte Struktur der Jugendhilfe müsste verändert werden. Es wäre sicherlich hilfreich, wenn die Kommunen selbst zunächst Anreize schaffen würden, damit das vorhandene Personal im ASD überhaupt bleibt. Wer möchte momentan schon gerne da arbeiten? Deshalb haben viele Jugendämter neben fehlenden Bewerbungen das Problem der Fluktuation; die verbliebenen Mitarbeiter müssen Krankheit, Elternzeit und Weggang kompensieren. Hier wäre eine Personaldecke von 120 Prozent hilfreich, um mittelfristig eine weniger belastende Situation zu schaffen.

Wie viele neue Stellen wären denn nötig?
Im ASD gibt es derzeit bundesweit rund 14.000 Vollzeitstellen. Der Beamtenbund hat schon zu Beginn des Jahres 3000 zusätzliche Stellen in den Jugendämtern gefordert. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der ASD kommt in ihren Berechnungen auf rund 4100 fehlende Mitarbeiter.

Es müssten also weitere Geldquellen erschlossen werden, um Personal aufzustocken?
Grundsätzlich wäre es in meinen Augen die beste Lösung, wenn der Bund einen größeren Anteil der Kosten bestreiten würde. Aktuell übernehmen die Kommunen 78 Prozent und der Bund drei Prozent der Finanzierung, den Rest tragen die Länder. Warum nicht eine Art Solidaritätszuschlag für die Jugendhilfe einführen, damit die Kommunen beziehungsweise die Fachkräfte rein fachlich entscheiden können, ohne die „finanzielle Schere“ im Kopf zu haben?

Einige Zeit war es die Linie, Kinder möglichst lange in ihren Familien zu lassen und nur im Heim beziehungsweise in Pflegefamilien unterzubringen, wenn es absolut nicht anders geht. Hat sich diese Tendenz geändert?
Der Trend zur sogenannten Ambulantisierung war in den vergangenen Jahren stark ausgeprägt und ist fachlich durchaus problematisch. Ambulanten Maßnahmen wurde oft aus Kostengründen der Vorzug gegeben, da diese nur einen Bruchteil kosten im Vergleich zu stationären Maßnahmen. Die Maßgabe sollte immer lauten: Jedes Kind und jede Familie muss nach professioneller Falleinschätzung, die Zeit und Expertise braucht, die Hilfe bekommen, die es benötigt.

Interview: Sabine Hamacher

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion