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Spektakel ohne Touristen: In Bad Hindelang treiben Hirten am Samstag beim Viehscheid im Ostrachtal ihre Tiere ins Tal.

Almabtrieb

Stressfrei in den Winter

Geschmückt, aber ohne Aufsehen bringen die bayerischen Bergbauern ihre Rinder ins Tal. Obwohl Viehscheide als Touristenattraktion 2020 ausfallen, trauern die Beteiligten dem Spektakel kaum hinterher.

Wann Bernadette und Max Kotz mit 216 Rindern den Heimweg von ihrer Alpe antreten, war selbst in ihrer Heimat Bad Hindelang im Landkreis Oberallgäu ein wohlgehütetes Geheimnis. Rund 15 Helfer wussten Bescheid, die Besitzer der Tiere sowieso. Am diesem Samstag war es dann soweit. Pünktlich mit den ersten größeren Schneefällen in den Alpen endete für die Kühe die Sommersaison. Die Viehscheide in diesen Wochen im Allgäu sind kein touristisches Ereignis wie gewöhnlich, sondern eher eine Geheimsache.

Die Feiern zum Ende des Alpsommers waren in den vergangenen Jahren auch bei internationalen Besuchern immer beliebter geworden. 2019 empfahl der Reiseführer „Lonely Planet“ das Spektakel mit geschmückten Kranzrindern, Bierzelten und Krämermärkten in Orten wie Oberstdorf, Pfronten und Bad Hindelang gar als eines von 1000 „einmaligen Erlebnissen“ in Europa. „Der Viehscheid war für uns schon von großer Bedeutung“, sagt der Tourismusdirektor von Bad Hindelang, Max Hillmeier. „Viele Gäste kommen extra zu diesem Datum zu uns.“

Doch wegen der Pandemie fallen sämtliche Festlichkeiten aus, Zuschauermassen auf dem Weg ins Tal sollen unbedingt vermieden werden. Es sei unvernünftig zu riskieren, dass aus Traditionsveranstaltungen neue Corona-Hotspots würden, sagte die Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller (Freie Wähler) schon Anfang August. Die Alphirten entscheiden daher selbst, wann sie die ihnen anvertrauten Rinder zurück ins Tal treiben. Wer beim Wandern eine der Herden treffen will, muss auf den Zufall hoffen.

Doch zumindest bei Hotels und Pensionen sei die Enttäuschung über den abgesagten Viehscheid nicht allzu groß, betont Hillmeier. „Dieses Jahr haben wir dadurch keine Einbußen.“ Im Juli und August seien die Übernachtungszahlen besser gewesen als im Vorjahr, für den September zeichne sich ein ähnlicher Trend ab. „Natürlich ist es schade, dass der Viehscheid so nicht stattfinden kann“, sagt Hillmeier. „Auf der anderen Seite steht damit die Tradition an sich im Vordergrund.“

Das Ehepaar Kotz von der Zipfelsalpe bei Bad Hindelang freut sich darüber. „Wir sind beim großen Viehscheid bisher auch nie dabei gewesen“, sagt Bernadette Kotz. „Für die Älpler und das Vieh ist das alles viel zu hektisch.“ Den Alpsommer nach 115 Tagen mit einer Feier im kleinen Rahmen zu beenden, sei viel schöner. Die Rinder sind dann bei deren 17 Besitzern, um dort den Winter zu verbringen.

„Dass die großen Viehscheide abgesagt worden sind, hat vor allem für die Landwirte Vorteile“, sagt auch der Geschäftsführer des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu, Michael Honisch. Ohne das Touristenspektakel hätten die Tiere weniger Stress, zudem sei die Abholung der Rinder durch die Bauern im Tal leichter. „Man kann ohne Stau an- und abreisen“, sagt Honisch. „Es geht richtig familiär zu.“ Viele Älpler hätten ihre Rinder inzwischen schon weitgehend unbemerkt ins Tal gebracht.

Damit geht ein Sommer zu Ende, mit dem die Bergbauern im Allgäu im Großen und Ganzen sehr zufrieden sind. „Wir sind verschont geblieben von Gewittern, Hagel und Wolfsattacken“, sagt Honisch. Die Tiere seien in guter Verfassung, die Nachfrage nach Alpplätzen groß. Auch die Futtersituation sei durch steten Wechsel von Sonne und Regen meist gut gewesen. Insgesamt werden jedes Jahr im Sommer in Bayern etwa 55 000 Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde auf die hoch gelegenen Alpen und Almen gebracht.

Was auf Allgäuer Alpen und Oberbayerns Almen jedoch besonders im Frühsommer Sorgen bereitete, war der Ansturm Erholungssuchender. Menschen seien kreuz und quer über Almwiesen gelaufen oder geradelt – oder hätten Picknickdecken ausgebreitet, sagt Hans Stöckl, Geschäftsführer des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. „Es war heuer schon sehr viel Unruhe auf den Almen.“

Vor allem zu Beginn der Saison, als es wegen der Corona-Maßnahmen wenig andere Freizeitmöglichkeiten gab, seien viele Wanderer unterwegs gewesen, sagt Stöckl. Viele hätten sich dabei unvernünftig benommen. „Man spürt diesen Freizeitdruck massiv“, bestätigt sein Allgäuer Kollege Honisch. Die Folgen sind manchmal gravierend: So stürzten in Immenstadt im Allgäu Ende Juni mehrere Rinder ab, nachdem sie offenbar von Nachtwanderern aufgeschreckt worden waren. (F. Mersi und S. Dobel, dpa)

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