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"Der Stress würde entfallen"

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Von: Theresa Dräbing

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Morgens und abends das gleiche Bild am Hauptbahnhof in Hannover: Alle eilen erst zur Arbeit und dann wieder zurück nach Hause.
Morgens und abends das gleiche Bild am Hauptbahnhof in Hannover: Alle eilen erst zur Arbeit und dann wieder zurück nach Hause. © Ole Spata (dpa)

Home Office könnte hohes Pendleraufkommen vermeiden. Ein Arbeitsmarktexperte spricht im Interview über die Vorteile des Zu-Hause-Arbeitens - und warum es kaum jemand macht.

Arbeitnehmer stecken täglich im Verkehr fest, um zur Arbeit zu kommen. Und die Zahl der Pendler steigt, nicht nur innerhalb von Ballungszentren, besonders auch über größere Distanzen. Dabei gibt es ein Modell, welches dies vermeiden könnte: Home Office.

Herr Brenke, Sie haben ermittelt, dass gerade einmal zwölf Prozent der Arbeitnehmer Home Office machen – warum ist dieses Modell nicht stärker verbreitet und den Arbeitnehmern werden stattdessen lange Pendelstrecken zugemutet?

Es ist natürlich nicht in jedem Job möglich von Zuhause aus zu arbeiten. Der Dachdecker hat keinen Schreibtischjob und auch die Kassiererin muss an der Kasse sitzen. Dagegen gibt es klassische Berufe, bei denen Home Office gang und gäbe ist – da denke ich zum Beispiel an Lehrer, die ihre Unterrichtsvorbereitung von Zuhause erledigen. Es wäre sicher auch im Medienbereich möglich. Die Technik ist moderner geworden, man ist überall und jederzeit erreichbar. Wunsch und Wirklichkeit von Home Office fallen aber vor allem im Banken- und Versicherungsbereich wie auch im öffentlichen Dienst weit auseinander. Hier ist der Wunsch von Arbeitnehmern groß, auch von Zuhause aus arbeiten zu können. Die Möglichkeit wird seitens der Vorgesetzten aber nur selten gegeben. In Deutschland sind im Vergleich zu anderen europäischen Staaten Arbeitsmodelle, bei denen Home Office integriert ist, relativ selten zu finden.

Woran liegt das?
Bei den allermeisten Berufen, bei denen es möglich wäre, spielt der Arbeitgeber aber einfach nicht mit. Das mag mehrere Gründe haben. Vorgesetzte messen die Leistung noch häufig anhand der Anwesenheit und der Arbeitszeit und nicht an dem tatsächlichen Ergebnis. In vielen Bereichen sind heute sogar noch Stechuhren in Betrieb. Es sind antiquierte Vorstellungen, wenn der Vorgesetzte meint, seine Arbeitnehmer nur so unter Kontrolle zu haben. Hier hat man womöglich noch mit personalpolitischen Dinosauriern zu kämpfen.

Ist das Zögern der Arbeitgeber nachvollziehbar, gibt es nicht auch Nachteile beim Home Office?
Es gibt keine Gründe dafür, dass Home Office weniger produktiv sein muss. Außerdem würde der Stress für die Arbeitnehmer entfallen, morgens und abends in der Rush Hour die Fahrten zur Arbeitsstätte zu bewältigen. Darüber hinaus gibt es noch andere Nebeneffekte: Der Verkehr würde entlastet werden und damit die Umwelt ebenso.

Was muss also getan werden, um Home Office stärker zu integrieren?
Es muss erst einmal ein Umdenken erreicht werden. Dass es eben nicht mehr darum geht die Anwesenheit zu messen, sondern was der Beschäftigte tatsächlich an Leistung bringt. Home Office muss zudem nicht automatisch heißen, dass der Mitarbeiter nur noch von Zuhause arbeitet. Man kann das Modell auch flexibel gestalten. Möglich ist genau so, dass der Angestellte nur ein oder zwei Tage in der Woche im Büro erscheint oder zu bestimmten Tageszeiten, um zum Beispiel einfach die Zeit mit dem höchsten Pendelaufkommen zu umgehen.

Ist das Modell von den Arbeitnehmern überhaupt gewünscht?
Manch einer sagt sicherlich: Ich will Beruf und Wohnung strikt voneinander trennen. Nach einer Studie, die wir 2016 durchgeführt haben, wäre es bei 42 Prozent der Arbeitnehmer von den Arbeitsbedingungen her möglich, die gleiche Arbeit auch von Zuhause zu erledigen. Doch nur etwa zwölf Prozent arbeiten auch tatsächlich von Zuhause. Von den verbleibenden 30 Prozent würden zwei Drittel gerne von Zuhause arbeiten, wenn sie dürften.

Glauben Sie, dass es künftig eine Entwicklung hin zu mehr Heimarbeit geben wird?
Ja, ich denke, dass sich das Modell durchsetzen wird. Weil es ja durchaus im Interesse der Arbeitnehmer ist – die müssen das allerdings einfordern. Es wäre darüber hinaus auch eine Aufgabe von Betriebsräten und Gewerkschaften solchen Arbeitnehmerwünschen stärker entgegenzukommen. Wenn wir außerdem weiterhin so eine gute Beschäftigungsentwicklung haben, die Arbeitnehmer also knapper werden, wird der Markt letztendlich darüber entscheiden. Dann werden die Arbeitgeber, die noch antiquierte Arbeitsmodelle anbieten das Nachsehen haben, weil sie die gut qualifizierten Fachkräfte nicht mehr finden.

Interview: Theresa Dräbing

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