Vor allem die Kreuzigungsszene ist dem Playmobil-Hersteller ein Dorn im Auge.
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Vor allem die Kreuzigungsszene ist dem Playmobil-Hersteller ein Dorn im Auge.

Playmobil

Streit um Jesus

  • vonFrederik Jötten
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Markus Bomhard hat Ärger mit Playmobil, weil er die Bibel mit den Plastikfiguren nachspielt und ins Internet stellt. Aber der Pastor will sich nicht beugen. Von Frederik Jötten

Markus Bomhard sitzt in seiner Küche und wirkt entschlossen, sich nicht geschlagen zu geben, auch wenn der Rivale übermächtig erscheint. Vor dem evangelischen Pastor liegt eine kleine Armee des Gegners, römische Legionäre, bewaffnet mit Schwertern, Gladiatoren mit Knüppeln und Peitschen in den Händen - Playmobilfiguren, mit denen Kinder spielen. Schwer vorstellbar, dass sich Erwachsene darum einen erbitterten Streit liefern. Aber genau das passiert im Moment.

Auf der einen Seite steht der Playmobil-Hersteller Geobra Brandstätter aus Franken, Umsatz 500 Millionen Euro, eigene Rechts- und Presseabteilung, auf der anderen Seite steht Bomhard, Pastor im hessischen Niederhöchstadt, kein Anwalt, aber einen festen Glauben.

Bomhard, Designerbrille, Kinnbart, Fleecepulli, sagt mit fester Stimme: "Ich verkündige mit Playmobil." Er stellt mit den Figuren Bibelszenen nach, fotografiert sie - und veröffentlicht die Bilder auf seiner Internetseite. Er geht in Kindergärten - und erzählt mit Playmobilfiguren in der Hand Geschichten aus dem Alten und dem Neuen Testament. Dagegen hat Geobra Brandstätter etwas. Mitte März stellte man Bomhard eine Unterlassungserklärung zu. Er sollte unterschreiben, dass er Playmobilfiguren weder verändern noch Fotos von ihnen veröffentlichen werde, Frist bis zum 6. April.

Bomhard hat nicht unterschrieben. Diesen Mittwoch bekam er ein zweites Schreiben: Er soll keine Fotos von Playmobilfiguren - gleichgültig ob verändert oder nicht - ins Internet stellen, Frist bis zum 6. Mai. "Das ist Unsinn und wird von mir nicht unterschrieben", sagt Bomhard.

Lob vom Papst

Als er mit seiner "Playmobibel" 2007 an die Öffentlichkeit ging, sah es nicht so aus, als sollte er wegen seines Hobbys Ärger bekommen. Der Papst lobte das Projekt in einem Brief, die Landeskirche Hessen Nassau verlieh dem Pfarrer den Innovationspreis 2007 - und Playmobil schickte ihm ein großes Paket mit Figuren und Kunststoffpalmen. "Weiterhin kreative Ideen zur Umsetzung des Bibelprojekts", wünschte die Pressestelle.

Dass man bei der Firma seine Meinung inzwischen geändert hat, wird begründet mit einer Szene, die in Bomhards Wohnzimmer zu sehen ist. Zwischen zwei Bücherregalen steht dort eine vierstöckige Vitrine, in einer Etage stehen Figuren, wie Playmobil sie nicht schuf: sie sind nackt. Original-Playmobil Männer und Frauen sind aber immer angezogen. Bomhard hat zwei Figuren beige angemalt und ihnen ein Blatt in den Schritt gesteckt - sie sollen Adam und Eva darstellen. Darunter hat er eine Playmobil-Figur ans Kreuz genagelt. Jesus mit Smiley-Gesicht, Löcher in den Füßen - und ausgebreiteten Armen. Das ist ein wichtiges Detail, denn die Arme von Playmobil-Männchen lassen sich normalerweise nur parallel zur Körperlängsachse bewegen. Bomhard hat sie so lange mit einem Föhn erhitzt, bis er sie verbiegen konnte.

Kinder würden gefährdet, wenn sie versuchen würden die Figuren so zu verändern wie Bomhard, schreibt Playmobil. Doch ohne Jesus am Kreuz geht es für Bomhard nicht. "Die Kreuzigung ist das zentrale Ereignis des Christentums", sagt Bomhard. "Ich werde die Szene nicht streichen, weil ein Unternehmen das fordert."

Man muss wissen, dass es viele Erwachsene gibt, die Playmobil verändern und Fotos der Figuren ins Internet stellen - "Customizer" nennen sie sich selbst. Doch nur gegen Bomhard geht Playmobil vor. Bei einer Ausstellung der Customizer am vergangenen Wochenende in Wolfsburg trat die Firma sogar als Gast auf. Warum sich das Unternehmen ausgerechnet auf den Pastor eingeschossen hat, kann man nur vermuten. Denn Playmobil möchte sich zu dem Fall nicht äußern. Man verweist auf eine Presseerklärung, in der es heißt, Bomhard habe sein Projekt anders als andere Customizer auf Kinder ausgerichtet, deshalb gehe man gegen ihn vor. Allerdings schrieb die Leiterin der Playmobil-Pressestelle bereits 2007 - der gekreuzigte Jesus sowie Adam und Eva waren der Firma bereits bekannt - "bestimmt können Sie gute Anregungen zur Gestaltung eines kindgerechten Religionsunterrichtes bzw. Kindergottesdienstes geben."

Davon will man bei Playmobil heute nichts mehr wissen. Stattdessen gibt man in einer Presseerklärung bekannt, man habe erfahren, dass Bomhard nicht in einem Dienstverhältnis zur Evangelischen Kirche stehe. Das hört sich so an, als sei Bomhard ein Scharlatan - in Wirklichkeit ist er zwar kein verbeamteter Pfarrer, aber angestellter Pastor in seiner Gemeinde. Bomhard sagt, Playmobil habe außerdem in seinem Umfeld Briefe verschickt, Inhalt: Man solle ihn doch bitte überzeugen, sein Projekt einzustellen. Physisch und psychisch am Ende sei er gewesen, sagt Bomhard. Er habe kurz davor gestanden, sein ganzes Playmobil auf den Müll zu schmeißen und das Bibel-Projekt aufzugeben. Doch dann sei die Osterwoche gekommen, zwei Gottesdienste habe er gehalten, Karfreitag und Ostern, Kreuzigung und Auferstehung. "Mein Glaube hält mich. Es gibt jemanden, der den schwersten Weg gegangen ist, und ich folge ihm."

Fans auf der ganzen Welt

In der Süddeutschen Zeitung hat man Bomhard religiösen Eifer unterstellt, aber er ist kein christlicher Fundamentalist. In seinem Wohnzimmer-Regal steht neben dem Kelch für das Abendmahl "Spiele der Liebe", ein Aufklärungsklassiker, er glaubt an die Evolution. Bomhard liest gerade "Tintenherz", den erfolgreichen Kinder-Fantasy-Roman von Cornelia Funke - und er verbringt in seiner Freizeit eben Stunden damit, Bibelszenen mit Playmobil nachzustellen. Vielleicht ist er einfach jemand, der nicht richtig erwachsen werden will.

Bomhard geht zum Briefkasten, fünf Kuverts liegen darin. "Mal schauen, ob die Anwälte von Playmobil geschrieben haben", murmelt er. Hastig schaut er die Absender durch, reißt dann einen Umschlag auf. Ein Schreiben einer Kanzlei aus Aschaffenburg, verrät der Briefkopf. Bomhards Blick fliegt über die Zeilen. "Wie geil", er schüttelt den Kopf und grinst. Ein Rechtsanwalt bietet seine Hilfe im Kampf gegen Playmobil an - kostenlos. Aus Schweden, Spanien und Brasilien hat er Emails bekommen, mit dem Appell, sich nicht unterkriegen zu lassen und das Projekt fortzuführen.

Aus Frankreich kam ein großes Paket mit Playmobil. Es sieht ganz so aus, als habe Geobra Brandstätter die Solidarität der Christen unterschätzt - und die Ausdauer des Pastors aus Niederhöchstadt.

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