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Das vermutete Geburtshaus des Dichters - zumindest wurde im Jahr 1564 ein gewisser "William Shakspere" hier geboren.

William Shakespeare

Stratford feiert Shakespeares Todestag

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An diesem Samstag feiert Stratford-upon-Avon den 400. Todestag seines größten Sohnes William Shakespeare. Zu Ehren des Dichters zieht eine bunte Parade durch die Stadt.

Einigermaßen großgewachsene Menschen müssen den Kopf beugen, um durch die niedrige Tür der Stratforder Dreifaltigkeitskirche zu kommen. Ein wenig Demut kann nicht schaden, nähern wir uns doch dem heiligen Gral des lieblichen englischen Marktstädtchens. Dort vorn, im Chorraum, liegen die sterblichen Überreste seines berühmtesten Bürgers. Nüchtern verzeichnet das Kirchenbuch fürs Jahr 1616 seinen Namen neben dem Datum 25. April. Eingeschlagen in ein Leintuch, ohne Sarg wurde William Shakespeare in das weniger als ein Meter tiefe Grab gelegt. Weil die Beisetzung 48 Stunden nach dem Ableben damaligen Gepflogenheiten entsprach, gilt der 23. April als sein Todestag – an diesem Samstag liegt der Tod des größten Dichters und Dramatikers englischer Sprache also 400 Jahre zurück.

Das Recht, an so prominenter Stelle in der Ortskirche beigesetzt zu werden, hatte Shakespeare 1605 erworben und gewiss teuer bezahlt. Kurioserweise steht ausgerechnet auf seiner Grabplatte kein Name, anders als auf den danebenliegenden Gräbern seiner Frau Anne Hathaway, seiner Tochter Susanna und des Mannes seiner Enkelin. Hingegen ziert den hellen Stein ein Vierzeiler, der in der Warnung gipfelt: „Verflucht sei, wer meine Knochen fortschafft.“

Daran hält man sich in Stratford. Allen Bitten, das Grab zu öffnen, hat sich das Pfarrkapitel standhaft widersetzt. Eine kürzlich mit modernsten Messgeräten durchgeführte Radaranalyse durch ein Team der Uni Staffordshire ergab: Das Grab enthält tatsächlich ein Skelett, allerdings womöglich ohne Kopf. Der soll einer Legende aus dem 19. Jahrhundert zufolge schon 1794 entfernt worden sein. Ortspfarrer Patrick Taylor lässt dies kalt: „Wir werden mit dem Geheimnis leben müssen, nicht genau zu wissen, was unter dem Stein liegt.“

Mysterien und Unklarheiten, auch lustige Kontroversen gehören zu Shakespeare wie Sonette und Komödien. Dazu zählt die Tatsache, dass das protestantische England aus Abscheu vor allen papistischen Neuerungen den 1582 durch Papst Gregor XIII eingeführten Kalender erst im 18. Jahrhundert einführte. Genau genommen fällt Shakespeares auch nur angenommener Todestag also auf den 3. Mai. Aber wer wird sich von solchen Kleinigkeiten am Feiern hindern lassen?

Und so zieht an diesem Samstag eine bunte Parade durch Stratford, begleitet von einer Jazzband und angeführt von den Lehrern und Schülern des örtlichen Gymnasiums. Dessen Bänke drückte auch der Sohn des Handschuhmachers und späteren Bürgermeisters John Shakespeare und dessen Gattin Mary Arden, und zwar viele Stunden. „Der Schultag begann im Sommer um sechs Uhr, im Winter um sieben Uhr früh und dauerte normalerweise bis 18 Uhr“, erläutert Touristenführerin Jane McKay. Gerade rechtzeitig zum großen Jubiläum hat die Schule jenen Teil des früheren Rathauses für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, der schon im 16. Jahrhundert als Schulraum diente.

In seinen sieben oder acht Jahren dort lernte Shakespeare, wie sein Freund Ben Jonson später scherzte, „wenig Latein und weniger Griechisch“ – wenn auch Kenner der Materie zu wissen glauben, dass ein 14-jähriger Schulabgänger damals die alten Sprachen besser kannte als ein heutiger Uni-Absolvent. Was der spätere Dichter über Geschichte, Geografie, gar Mathematik wusste, hatte er hingegen wohl kaum auf der Schulbank gelernt.

Die lückenhafte Bildung dient all jenen als Argument, die den Stratforder Provinzbuben als Autoren des Shakespeare’schen Oeuvres anzweifeln. Ein Mann aus wenig gebildetem Elternhaus sei unfähig dazu gewesen, die psychologisch komplexe Welt von Hamlet, Malvolio und Macbeth zu erfinden. Zudem habe dem vielbeschäftigten Schauspieler und Theaterdirektor die Zeit gefehlt – zum Reisen, zum Lesen, zum Schreiben. Stattdessen werden mehr oder weniger kenntnisreich Kandidaten wie Francis Bacon und Christopher Marlowe, der 17. Graf von Oxford oder der 6. Graf von Derby benannt.

Aus solchen Thesen spricht mehr als nur Staunen über die Vielseitigkeit von Künstlern zur Renaissance-Zeit. Hier manifestiert sich intellektueller Dünkel – als böte die Geschichte nicht genügend Beispiele für geniale Menschen, denen ihr Fortkommen nicht an der Wiege gesungen war. Film-Komiker Charlie Chaplin zählte ebenso dazu wie die polnische Physikerin Marie Curie. Man muss die steilen Theorien der Anti-Stratfordianer wohl sportlich sehen und Spaß daran haben, welch herrliche Luftschlösser sich auf snobistischen Vorurteilen und einem wackligen Faktenfundament bauen lassen.

Shakespeare lädt zu Spekulationen ein, weil zwar viel über sein Leben bekannt ist, aber an manchen Stellen auch kuriose Lücken auftauchen. Sein Testament, in dem er seiner Frau Anne „das zweitbeste Bett“ vermachte, enthält beispielsweise keinen Hinweis auf die Bühnenstücke, welche ihn unsterblich gemacht haben. Das Original-Dokument aus dem Nationalarchiv ist derzeit in einer Ausstellung im Londoner Somerset House zu bewundern, die schriftliche Zeugnisse aus dem Leben des Dichters zusammengeführt hat. Neben Shakespeares letztem Willen gehören dazu eine Zeugenaussage vor Gericht sowie Listen von Stücken, die seine Schauspieltruppe im frühen 17. Jahrhundert am Hofe Jakobs I (1603-25) aufführte.

Wer heutige Interpretationen von Richard III, Wie es Euch gefällt oder Der Kaufmann von Venedig erleben will, begibt sich ins nachgebaute Globe-Theater am Londoner Themse-Ufer – oder natürlich in den 2010 glänzend renovierten Bau der Royal Shakespeare Company (RSC) am Ufer des Avon-Flusses in Stratford. Nach der Bauern-Versicherung NFU Mutual ist die RSC mit 700 Mitarbeitern im heute 27 000 Einwohner zählenden Städtchen der zweitgrößte Arbeitgeber, schließlich reißt der Strom von Theaterliebhabern aus aller Welt nicht ab. Nach der Vorstellung wird dann gern im danebenliegenden Pub Black Swan (Schwarzer Schwan) gefeiert. Der Volksmund nennt die Trink- und Begegnungsstätte liebevoll Dirty Duck (Dreckige Ente). Sprachwitz à la Shakespeare.

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