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Rund 19 Millionen Haushunde sollen in Russland leben – immer wieder landen einige davon auf der Straße. 

Tierschutz

Straßenhunde in Russland - Unfriede zwischen Mensch und Tier

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Schon lange hat Russland ein Problem mit Straßenhunden. Immer wieder greifen Rudel Menschen an. Betrüger machen sich nun die Furcht vor den Tieren zunutze.

  • Russland hat ein Problem mit Straßenhunden.
  • Viele Hunde sind ausgesetzte Haustiere.
  • Immer wieder werden in Russland Menschen von Straßenhunden angegriffen.

Moskau - Der Mann habe sich mit einem Knüppel gewehrt. „Er traf den Anführer mit voller Kraft, der heulte auf und das Rudel floh“, erzählt der Leiter eines Sandwerks am Rande der südrussischen Stadt Woronesch der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“. Auf dem benachbarten Friedhof lebten etwa 15 wilde Hunde, die immer wieder Mitarbeiter, sowie Passantinnen und Passanten attackierten.

„Am späten Abend des 27. März 2020 ging eine 57-jährige Frau spät abends nach Hause. Auf der Klykow-Strasse wurde sie von einem Rudel Straßenhunde attackiert“, berichtet indes das Ermittlungskomitee der Uralstadt Perm. „Sie starb auf der Stelle an den ihr zugefügten Bissen.“ In Russland geht längst die Angst vor wilden Hunden um.

Straßenhunde in Russland: Ausnahmezustand nach Hundeattacken

In Perm fand man laut der Zeitung „Nowaja Gaseta“ blutige Kleiderreste einer vermissten Achtzigjährigen im Lager eines Rudels. Straßenhunde griffen in den vergangenen Wochen in Jekaterinburg, Nischni Tagil, und Tobolsk auch Schulkinder an. Der Katastrophenschutz veröffentlichte schon im Oktober Empfehlungen zur Abwehr solcher Attacken.

Im sibirischen Krasnojarsk wurde im Februar gar der Ausnahmezustand ausgerufen – nach zahlreichen Hundeattacken und fünf Toten. Laut dem Nachrichtenportal Regnum stellte man jedoch nur in zwei Fällen Hundebisse eindeutig als Todesursache fest. Nach Angaben der Aufsichtsbehörde Rospotrebnadsor wurden in den ersten zehn Monaten 2019 etwa 353.000 Russinnen und Russen wegen Bissen oder Kratzwunden medizinisch behandelt.

Straßenhunde in Russland: Ein Tierschutzgesetz löst das Problem nicht

Darunter fallen aber auch entsprechende Verletzungen durch Haustiere. Die Zahl der Haushunde allein wird in Russland auf 19 Millionen geschätzt. Die zuständige Aufsichtsbehörde „teilte uns auf Anfrage mit, 2018 habe man in Russland keinen offiziell bestätigen Todesfall durch aggressive Hunde registriert“, sagt indes Jekaterina Dmitrijewa von der Moskauer Stiftung zum Schutz von Stadttieren. Sie glaubt, die Medien bauschten Einzelfälle zu einem Horrorszenario auf.

Nach Angabe der „European Society of Dog and Animal Welfare“ leben in Russland etwa vier Millionen herrenlose Hunde. Oft in Rudeln, die ihr Revier auch gegen Menschen aggressiv verteidigen. Im Internet wimmelt es von Videos, die zeigen, wie die Tiere Fahrzeuge oder Fußgängerinnen und Fußgänger attackieren.

Russland: Population der wilden Hunde senken

Ein 2018 erlassenes Tierschutzgesetz löst das Problem nicht. Statt des vorher üblichen Abschusses der Streuner schreibt es vor, dass man sie einfängt, impft, sterilisiert und mit einer Kennmarke am Ohr versieht. „Dann entscheiden Experten, welche Tiere man wieder laufen lässt, und welche nicht“, erklärt Anna Waiman von der Jekaterinburger Tierschutzstiftung „SOOsaschtschita“. Aggressive oder aufdringliche Vierbeiner sollten in Tierheime kommen.

„Aber das Gesetz verpflichtet die Gemeinden nicht, Tierheime zu bauen, sondern gibt ihnen nur die Erlaubnis dazu“, beklagt Waiman. Leider nutze die Stadtverwaltung von Jekaterinburg diese Erlaubnis nicht, so dass die 1,4-Millionenstadt kein Tierheim besitze, in dem die Vierbeiner auf Dauer bleiben können.

Straßenhunde in Russland: Zu wenige Tierheime

„Volontäre füllen die Rolle des Staates aus, sie nehmen die Tiere bei sich auf, suchen neue Herren für sie oder Spender, die ihren Unterhalt finanzieren“, sagt Waiman. Viele russische Städte sparen sich den Bau von Tierheimen und versuchen weiter, die Hunde möglichst billig zu beseitigen.

„In einem Tierheim in Jakutien tötete man alle Hunde, weil sie angeblich Tollwut hatten“, klagt Dmitrijewa von der Stiftung zum Schutz von Stadttieren. Nach Angaben der Tierschützerinnen und Tierschützer veranstalten manche Firmen, die die Tiere für Geld einfangen und sterilisieren, sogenannte Hundekarussells. Sie setzen die Hunde in der Nachbarstadt aus, um dort noch einmal Honorar für ihren Fang zu kassieren. Im sibirischen Tjumen sind das pro Hund umgerechnet mehr als 90 Euro.

Russland: Straßenhunde sind meist ausgesetzte Haushunde

Dabei ist es fraglich, ob man die Population der wilden Hunde durch die Sterilisation überhaupt senken kann. Die meisten Straßenhunde seien ausgesetzte Haushunde, sagt Dmitrijewa. Kein Gesetz regle Aufzucht und Verkauf, jeden Herbst verwilderten in Datschensiedlungen ungezählte junge Hunde, die sich Städterinnen und Städter für den Sommer auf dem Land zugelegt hätten.

Waiman sagt, in Jekaterinburg wimmle es zudem von Corona-Fakenews. Es hieße, die Tiere verbreiteten den Virus weiter. „Vergangene Woche wurde deshalb eine enorme Menge von Haustieren auf die Straße gejagt, Katzen wie Hunden, auch viele Rassetiere.“ Der Unfrieden zwischen Mensch und Tier auf Russlands Straßen geht weiter.

Von Stefan Scholl

Unser Autor ist seit 20 Jahren Moskau-Korrespondent – hier erzählt er vom Trinken und Sterben in einem großen Land.

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