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Ob klein oder groß: Durchgerüttelt werden alle.

Rom

Stopf mich!

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In Rom gibt es geschätzte 100.000 Schlaglöcher. Eine Bürgerinitiative flickt an Wochenenden die Krater auf eigene Faust. Eine Sisyphos-Arbeit.

Die Wochenenden schenken sie ihrer Stadt. Rom, der Ewigen Stadt, die so sträflich vernachlässigt wird, dass die Ewigkeit überall zerbröckelt. Der Unternehmensberater Raffaele Scamardi, der Comicladen-Inhaber Cristiano Davoli, der indisch-stämmige Wahl-Römer Sibi Mani Kumara Mangalam und ihre Mitstreiter von „Tappami“ (Stopf mich) verwandeln sich samstags in Straßen-Bauarbeiter. Freiwillig, unbezahlt, ganz auf eigene Initiative hin flicken sie in ihrer Freizeit Schlaglöcher. 

Geschätzte 100.000 davon gibt es der italienischen Hauptstadt. Die „buche“, wie sie auf Italienisch heißen, zwingen Bus-, Auto- und Mopedfahrer zu gefährlichen Zickzack- und Ausweichmanövern und sind schuld daran, dass die Zahl der Unfälle stark zugenommen hat. 

An diesem Samstagvormittag rücken die Tappami-Leute zu dritt aus. Raffaele, Sibi und die Geschäftsfrau Anna haben im Laderaum ihres roten Kleintransporters Schaufeln und stapelweise Eimer. 800 Kilo Kaltasphalt sind darin, kostenlos zur Verfügung gestellt von einem österreichischen Hersteller. Der Kleinbus steuert die Via Mascagni im Norden Roms an. Anwohner haben auf der Internetseite von Tappami um den Einsatz gebeten. Als der Bus in die schmale Straße einbiegt, wird klar, dass es hier viel zu tun gibt. Die Via Mascagni sieht aus wie eine Mondlandschaft, voller Krater und Risse. 

Viele Römer halten ihre Bürgermeisterin für unfähig

Acht von zehn Straßen in Rom sind in schlechtem Zustand, besagen Schätzungen. Je weiter man sich vom Zentrum entfernt, desto schlimmer wird es. Auch Touristen, die im Bus an Sehenswürdigkeiten wie dem Circus Maximus oder Kolosseum entlangfahren, werden kräftig durchgerüttelt. Besonders nach starken Regenfällen klaffen überall neue, knöcheltiefe Löcher. Ab und an tun sich sogar metertiefe Abgründe auf, in denen parkende Autos verschwinden. Zudem sind viele Straßen und Fußgängerwege Buckelpisten, weil die ausgedehnten Wurzeln der Schirmpinien den Asphalt anheben und aufbrechen.

Mehr als hundert Menschen sterben jährlich im römischen Verkehr, doppelt bis dreimal so viele wie etwa in Berlin. In diesem Jahr ist die Zahl der Todesopfer noch einmal um 20 Prozent gestiegen. Schuld sind Experten zufolge nicht nur Autofahrer, die am Handy hantieren, sondern auch die schlechten Straßen. 

Bürgermeisterin Virginia Raggi von den Fünf Sternen, seit zwei Jahren im Amt, hatte einen Marshall-Plan gegen Schlaglöcher versprochen. Seither ist aber nicht nur auf den Straßen die Lage noch schlimmer geworden. Der Müll türmt sich, Busse brennen, U-Bahnen sind ständig defekt. Viele Römer halten die Bürgermeisterin inzwischen für unfähig. Deren Parteifreunde in der Regierung wollten ihr mit einem Anti-Schlagloch-Fonds für Rom von 180 Millionen Euro unter die Arme greifen. Doch nicht nur die Hauptstadt ist hoch verschuldet, auch der Staat. Das Finanzministerium hat die Mittel dieser Tage aus der Haushaltsplanung gestrichen. 

Die „Buche di Roma“ sind auch ein Lieblingsthema in den sozialen Netzwerken. Es kursieren Fotomontagen von Schlaglöchern, aus denen Fische springen oder in deren Schlammwasser Raggi untergeht. Witzbolde schlagen vor, sie mit Müll zu füllen, so habe man zwei Probleme auf einmal gelöst. Manche Anwohner kippen Erde hinein und pflanzen mitten auf der Straße Blümchen. Die Mutter einer tödlich verunglückten Moped-Fahrerin rief im Sommer dazu auf, die Löcher mit farbigem Spray als Gefahrenstelle zu kennzeichnen. Einige Wochen lang waren überall gelbe und grüne Kreise auf den Straßen. Die meisten Römer aber sind einfach nur wütend und resigniert.

Die Tappami-Leute finden, man sollte selbst anpacken, statt zu jammern. 2015 schritten sie zur Tat, fünf Freunde Anfang vierzig, erzählt Raffaele Scamardi. „Wir haben Geld zusammengelegt und Reparaturasphalt gekauft.“ Es dauerte nicht lange, bis sie von Hersteller-Firmen kontaktiert wurden, die ihnen Material kostenlos schickten – in der Hoffnung auf eine gute Werbung für ihren Asphalt und einen Großauftrag der Stadt Rom. 

Das Ausbessern des ersten Schlaglochs in der Via Mascagni dauert nur wenige Minuten. Erst entfernen Raffaele und Sibi lose Asphaltstücke mit einem Besen, dann kippen sie 25 Kilo Kaltasphalt ins Loch und klopfen ihn mit der Schaufel fest. Anna hat den schwierigeren Part, sie muss so lange den Verkehr stoppen und den Autofahrern erklären, dass sie gleich mit den Reifen über den frischen schwarzen Belag fahren sollen. So wird er gehärtet. 

Die Reaktionen sind unterschiedlich. Einer hat Angst, dass sein Wagen schmutzig wird. Ein anderer bedankt sich. Ein Anwohner findet, Straßen auszubessern, das sei Aufgabe der Stadt und nicht der Bürger: „Wir zahlen doch schon genug Steuern.“ 

Schon mehr als 5000 Schlaglöcher haben die Tappami-Leute repariert – wohl wissend, dass es im Grunde eine Sisyphos-Arbeit ist. „Wir machen nur die Not-Reparatur“, sagt Raffaele, „der Straßenbelag müsste früher oder später komplett erneuert werden“. Doch das passiert in den seltensten Fällen. „Auch weil die Bürokratie so langsam ist und Ausschreibungen ewig dauern“, sagt Raffaele. Und so tun sich rasch immer wieder neue Löcher auf.

Die römische Stadtverwaltung lässt Tappami zwar gewähren, ignoriert die Privatinitiative ansonsten aber hartnäckig. Auf ein Treffen mit der Bürgermeisterin warten Raffaele Scamardi und Cristiano Davoli seit zwei Jahren vergebens.

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