+
Pride-Paraden pendeln zwischen Befreiung und Kommerz.

50 Jahre Stonewall-Aufstand

Homosexuelle: Kampf für Gleichberechtigung endet nicht

  • schließen

Vor 50 Jahren löste der Stonewall-Aufstand eine weltweite Bewegung für die Gleichberechtigung von Homosexuellen aus. In Trumps Amerika zeigt sich: Der Kampf geht weiter.

Es sind noch ein paar Tage bis zur großen Party, aber das New Yorker Greenwich Village rund um die Christopher Street hat sich schon herausgeputzt. Überall wehen Regenbogen-Fahnen und -Fähnchen, vor den Kneipen, in den Schaufenstern, rund um die Parkanlagen und die U-Bahn-Eingänge. Restaurants haben Tafeln vor die Tür gestellt, um ihre „Pride“-Specials zu bewerben. An der Ecke „Gay Street“ ist das braune städtische Straßenschild um bunte Tafeln mit den Begriffen Transgender Street, Queer Street, Lesbian Street, Intersex Street und Non-Binary Street ergänzt worden – eine Guerilla-Marketing-Aktion des Finanzdienstleisters Mastercard, die dessen Solidarität mit den Aktivisten bekunden soll, die schon den ganzen Juni über die sexuelle und die Gender-Vielfalt feiern.

Am Sheridan Square, einem kleinen Park unmittelbar vor dem „Stonewall Inn“, wo am 28. Juni vor 50 Jahren der offene Kampf für Schwulenrechte mit einem Aufstand gegen Polizeigewalt begann, herrscht ein Betrieb wie am Times Square. Touristen lichten sich gegenseitig vor dem Denkmal für die Schwulenbewegung ab, das die Stadt vor sieben Jahren hier errichtet hat und das der damalige US-Präsident Barack Obama in seinen letzten Amtstagen zum nationalen Monument erklärt hat. Danach geht’s dann ins „Stonewall Inn“ selbst, das sich heute kaum mehr von irgendeiner anderen beliebigen Kneipe in Downtown Manhattan unterscheidet. Sogar ein Hetero-Paar ist hierhergekommen, um in dem Park seine Hochzeitsfotos zu schießen.

Als Homosexuelle um jedes einzelne Recht kämpfen mussten

Aufbegehren und niederschlagen: Polizisten und Demonstranten im Juni 1969.

Jay Blotcher gefällt dieses Treiben, das sich in den Tagen des Jubiläums zu einem gigantischen Zirkus steigern wird. Viereinhalb Millionen Besucher erwartet die Stadt für das Wochenende, das am Sonntag mit einer lärmenden, tobenden Parade in einen überschäumenden Karneval münden wird. „Es ist mir alle Mal lieber, wenn sich jeder an uns dranhängen will, als dass keiner mit uns etwas zu tun haben will“, sagt Blotcher, der heute zu einer Gedenkveranstaltung im „Stonewall Inn“ an den Sheridan Square gekommen ist.

Blotcher, der mit seinem Ehemann in einem idyllischen Vorort im Hudsontal lebt, kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie das war, als noch nicht jeder Konzern und jeder Politiker seinen Namen an Gay Pride heften wollte. Als Homosexuelle selbst im ultraliberalen New York um jeden Zentimeter Straße kämpfen mussten; um das Recht, eine Wohnung zu mieten und sich um einen Job zu bewerben. Oder auch darum, nicht wegen der sexuellen Orientierung oder der Gender-Identität verhaftet zu werden.

Dabei hatte es Blotcher, der heute Mitte 50 ist, bereits viel leichter als seine Vorgänger, die damals die sogenannten Stonewall-Aufstände angezettelt hatten. „Als ich 1982 nach New York kam, konnte ich als offen schwuler Mann arbeiten und leben“, erzählt Blotcher. Er hätte sich zwar nicht als Homosexueller bei einer Bank oder einer Werbeagentur bewerben können. Doch als Reporter für die „Christopher Street News“, die Greenwich-Village-Szenezeitung, konnte er in der Community einer Beschäftigung nachgehen, von der er überzeugt war, ohne sich dabei verleugnen zu müssen.

„Stonewall Kids“ - die verstoßenen Kinder

15 Jahre zuvor war es den „Stonewall Kids“ noch ganz anders ergangen. „In den meisten Fällen waren das Homo- oder Transsexuelle, die von ihren Familien verstoßen waren“, sagt Blotcher. Die Christopher Street war ihre Heimat geworden, das „Stonewall Inn“ ihr Wohnzimmer. Sie schlugen sich durch, in dem sie sich prostituierten, hatten oft keinen festen Wohnsitz, mieteten sich zu sechst ein Hotelzimmer oder schliefen auf den verfallenen Piers am Fluss.

Hallo Mainstream: Die bunten Straßenschilder sind eine Marketingaktion.

Dem Mut dieser Verstoßenen und Entrechteten, die sich fortan keine Demütigungen und Schikanen mehr gefallen lassen wollten, habe er es zu verdanken, sagt Jay Blotcher, dass er in den frühen 80er Jahren nach New York kommen und als schwuler Mann ein würdevolles und sinnstiftendes Leben führen konnte. Zumal Jay Blotchers Generation ihren eigenen Kampf auszufechten hatte. Schon als er vom College nach New York kam, machte eine mysteriöse Krankheit die Runde, die damals viele noch als „schwulen Krebs“ bezeichneten. „Die ganze Community war damals in Panik“, so erinnert sich Jay. Man wusste nicht genau, was es ist oder wie es übertragen wird. „Aber jeder kannte jemanden, der krank wurde und starb.“

Es war der Anfang der „Aids-Krise“ – und es war Jay Blotchers politisches Erwachen. „Ich habe mir damals überlegt, was ich tun kann“, sagt er, „weil man damals einfach etwas tun musste.“ Die meisten in der Schwulenszene von New York haben damals Erkrankte gepflegt und ihnen bis zum Tod Beistand geleistet. „Ich hatte dazu einfach nicht die Kraft.“

„Stonewall hat alle politisiert“, sagt Jay Blotcher.

Stattdessen trat der gelernte Journalist Blotcher der Organisation „Act Up“ als Kommunikationsdirektor bei. „Act Up“ war eine militante Gruppe, die durch spektakuläre Aktionen auf die Lage der Aids– Kranken aufmerksam gemacht und versucht hat, den Staat zum Handeln zu bewegen. „Wir waren damals nicht dazu da, uns Freunde zu machen“, sagt Blotcher. „Sogar viele aus der Schwulen-Community haben zu uns gesagt, ‚Mädels, nicht so laut. Ihr seid ja peinlich‘.“

Doch „Act Up“ hatte nicht vor, leisezutreten. Als sich der Bischof von New York gegen Aids-Aufklärung in der Schule aussprach, besetzten sie die St. Patrick’s-Kathedrale. Sie legten die New Yorker Börse lahm, um gegen die hohen Preise für HIV-Medikamente zu protestieren. Sie besetzten in Washington die Arzneimittelbehörde, um gegen die Verschleppung klinischer Tests zu protestieren. Und sie stürmten die Redaktion des „Cosmopolitan“, als dieser behauptete, Heterosexuelle könnten sich nicht mit Aids infizieren.

Jay Blotcher sieht seine Hochzeit als „zutiefst politischen Akt“

Im Nachhinein, sagt Jay Blotcher, sei die Aids-Krise auf eine merkwürdige Art und Weise das Beste gewesen, was der Bewegung passieren konnte. „Es hat alle aus dem Schatten herausgeholt und politisiert. Und es hat uns alle zusammengebracht.“ Zum ersten Mal seit Stonewall habe es eine breite Koalition aus Schwulen, Lesben, Transsexuellen und heterosexuellen Mitstreitern gegeben. Man habe an einem Strang gezogen, gemeinsame Ziele formuliert und auf diese Weise vieles erreicht.

Keimzelle und Kultkneipe: das „Stonewall Inn“ an der Christopher Street.

Doch nach all den Jahren des Kampfes war Jay Blotcher erschöpft. Er zog weg aus der Stadt, nahm einen Job bei einer unpolitischen Organisation an und heiratete schließlich. Immerhin ist er auf diese Hochzeit stolz, die er als einen „zutiefst politischen Akt“ bezeichnet. Es war eine homosexuelle Massenhochzeit durch den grünen Bürgermeister seiner Gemeinde zu einem Zeitpunkt, als im Staat New York die Schwulenehe noch nicht legal war.

Jay Blotcher glaubt, dass er seinen Kampfgeist nie eingebüßt hat, dass er etwa durch sein Eintreten für die Schwulenehe weiterhin der Bewegung dient. Einige seiner Mitstreiter sehen das jedoch anders.

Sarah Schulman, die mit Jay Blotcher in den 1980er Jahren für die „Christopher Street News“ gearbeitet hat und bei „Act Up“-Aktionen mit ihm verhaftet wurde, fühlt sich von Leuten wie Blotcher ein wenig verraten. „Die Bewegung ist nach Aids zerfallen“, sagt die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin. „Ich habe das Gefühl, es ging danach nur noch um Anpassung.“

Für Leute wie Schulman, die einer wachsenden Fraktion innerhalb der Bewegung für LGBTQ-Rechte angehört, ist etwa der Kampf für die Schwulenehe, für den sich Jay Blotcher engagiert hat, ein falscher Kampf. „Schwule wollen ins Militär und sie wollen eine traditionelle Familie. Das ist doch eine Form der Beschwichtigung des Mainstreams. Man will damit zeigen, dass wir harmlos sind, dass man vor uns keine Angst haben muss. Es ist ein Rückzug ins Private.“

Der Kampf für Gleichberechtigung ist längst nicht ausgefochten

Sarah Schulmann will aber nicht harmlos und salonfähig werden. Sie will unbequem bleiben. „Wenn wir uns in den Achtzigerjahren in dem privaten Rahmen der Kleinfamilie zurückgezogen hätten, hätten wir nichts erreicht. Gar nichts. Nur indem wir in politisierten Gemeinschaften gelebt haben, konnten wir gegenüber den Machtstrukturen wirksam auftreten. Die repressive Familie war für uns doch das Problem.“

Die Lebenden und die Legenden: das Gay Liberation Monument im Christopher Park.

So schieben Sarah Schulman und ihre Gefährtinnen den Rückzug der Schwulenbewegung auf das Thema der Schwulenehe und das Recht, im Militär zu dienen, darauf, dass die Bewegung von Anfang an von männlichen Homosexuellen dominiert war. Das schwule Paar sei seit den Neunzigerjahren vom amerikanischen Mainstream akzeptiert. Es gab das Medienbild des beruflich erfolgreichen, im besten Sinne US-amerikanischen Homo-Paares, das heute etwa vom Präsidentschaftskandidaten Pete Buttigieg verkörpert wird. „Homo-Nationalisten“, nennt Schulman solche Leute.

Dabei seien jedoch all jene auf der Strecke geblieben, für die der Kampf noch lange nicht zu Ende ist. Homosexuelle Frauen, Transsexuelle, farbige Schwule, schwule Latinos, sozial benachteiligte Schwule, deren Krankenversicherung noch immer keine Aids-Therapie bezahlt. Denen, so Schulman, bleibt der Weg in die gesellschaftliche Akzeptanz versperrt. Und sie sollten ihn auch nicht einschlagen, meint sie, im Gegenteil. Im Zeitalter von Trump müsse wieder ein Ruck durch die Bewegung gehen, so wie in den Achtzigerjahren. Alle müssten aus der gemütlichen Nische herauskommen und sich wieder politisieren: „Heute sind wir alle unter Beschuss.“

Jay Blotcher ahnt freilich auch, dass die gemütlichen Zeiten vorbei sind. „Ich habe heute manchmal das Gefühl, das wir um dreißig Jahre zurückgeworfen werden.“ Die zunehmende Gewalt gegen Transsexuelle, Gerichtsurteile, die freie Religionsausübung als Grund zur Diskriminierung legitimieren, der schwelende Hass – auch für Jay Blotcher sind das alles Gründe, wieder auf die Barrikaden zu gehen.

Am „Pride“-Wochenende marschiert er jedoch trotzdem erst einmal im großen kommerzialisierten Marsch mit, der von Banken und Mobilfunk-Anbietern gesponsert wird und in den sich – vom Bürgermeister bis zum Präsidentschaftskandidaten – jeder Politiker einreiht, der noch eine Wahl gewinnen will. Allerdings hat sich Jay Blotcher auch vorgenommen, auszuscheren und sich dem Alternativmarsch anzuschließen, der gegen all das protestiert. Und der den ursprünglichen Geist der Stonewall-Unruhen mit aller politischen Schärfe wieder aufleben lassen will.

Lesen Sie auch: 

Abschiebung eines Homosexuellen: Nicht schwul genug für Asyl

Rainbow-Refugees gesucht:

In mehr als 60 Staaten steht Homosexualität unter Strafe. Viele Menschen fliehen aus diesem Grund

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion