Es geht nicht immer ums Entweder oder - wenn alles im Fluss ist, lassen sich Natur und Wirtschaft zusammen denken. 
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Es geht nicht immer ums Entweder oder - wenn alles im Fluss ist, lassen sich Natur und Wirtschaft zusammen denken. 

Industrie 5.0

Stillstand als Beschleuniger

  • vonKarl-Heinz Land
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Die Corona-Krise forciert nicht nur den digitalen Wandel. Sie zeigt auch: Der Mensch ist der Schlüssel für nachhaltiges Leben, Arbeiten und Wirtschaften.

Das Coronavirus hat zugeschlagen und Gesellschaft, Wirtschaft sowie unseren gewohnten Alltag auf den Kopf gestellt. In den zurückliegenden Wochen ist uns bewusst geworden, wie verletzlich wir sind. Als Mensch, als Gesellschaft – und auch als Bewohner eines Planeten, dessen Halbwertszeit im Hinblick auf den Klimawandel möglicherweise rapide abnimmt.

Bereits 2012 warnten das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer zu erwartenden Corona-Pandemie und deren fatalen Folgen. Die Frage war nicht, ob sie kommt, sondern wann es soweit ist. Eine so „unbequeme Wahrheit“ konnten die meisten von uns nicht wahrhaben. Also ließen wir davon ab. Ähnlich denken wir heute über die Konsequenzen, die sich durch Klimawandel und Artensterben, Mikro-Plastik und Umweltverschmutzung ergeben werden. Sie sind fatal und ihre Auswirkungen spüren wir jetzt nur indirekt. Erst wenn die Folgen dramatische Ausmaße annehmen, sehen wir die Ergebnisse mit unseren eigenen Augen.

für digitale Transformation

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie musste von jetzt auf gleich auf fast alles, was für uns Bedeutung hatte, verzichtet werden. Wir konnten uns nicht mehr mit Freunden und Familie treffen, nicht mehr fliegen, ausgehen, feiern oder im Restaurant essen gehen. Auch der Urlaub fiel aus. Selbst die Arbeit musste in vielen Bereichen ruhen.

Unsere überdrehte Burn-Out-Konsumgesellschaft mit McKinsey-Wachstums- und Effizienz-Glauben stand auf einmal still. Doch es heißt nicht umsonst, dass jede Krise auch gleichzeitig eine Chance ist, die positive Auswirkungen mit sich bringt. Das Coronavirus hat in wenigen Tagen erreicht, was beharrliche Appelle und Überzeugungsarbeit von Umweltorganisationen und Experten für Digitalisierung in den letzten Jahrzehnten nicht geschafft hatten.

Jahrelang unterschätzten viele Menschen die Bedeutung der Digitalisierung und der technologischen Entwicklung. Die positiven Aspekte oder Errungenschaften wurden bei diesem Thema sogar oft heruntergespielt. Nun standen viele Unternehmen und deren Mitarbeiter plötzlich ohne Warnung vor der Frage: Home Office oder gar nicht arbeiten? Online-Konferenz oder gar kein Meeting? Innerhalb von wenigen Tagen waren wir gezwungen, uns mit pragmatischen Lösungen zu beschäftigen. Was vorher nicht möglich schien, klappte nun innerhalb kurzer Zeit ohne langes Reden und Zweifeln. Software, Tools und Methoden agiler Arbeitsprozesse hielten Einzug in unseren Berufsalltag.

Wer bis vor Kurzem noch in den Kinderschuhen der Industrie 4.0 steckte, arbeitete plötzlich wie selbstverständlich digital und agil.

einer fünften industriellen Revolution

Wir alle kennen den Begriff der Industrie 4.0 und assoziieren damit eine digitale Revolution. In vielen Lebensbereichen kommen Technologien zur Anwendung, die uns den privaten Alltag erleichtern sollen. Auch die Optimierung und Automatisierung industrieller Arbeitsprozesse steht dabei im Fokus. Wir reden über das Internet der Dinge, über Sprachassistenten, autonomes Fahren, smartes Wohnen und smarte Fabriken.

Karl-Heinz Land ist Redner, Investor und Autor mehrerer Bücher zum Thema Digitalisierung und digitale Transformation. 

Doch die vierte industrielle Revolution, in der wir uns im Moment alle sehen, ist längst nicht mehr der Rahmen, in dem wir uns bewegen. Stattdessen läuft bereits der nächste Wandel. Er tritt durch die Corona-Krise jetzt sogar noch deutlich schneller und bewusster hervor und erfordert zugleich ein Nachdenken über uns selbst. Denn wir sind Menschen, biologische Geschöpfe, die sich immer wieder über neue Technologien der Industrie 4.0 freuen, weil sie uns Bequemlichkeit verschaffen. Vernetzung, Daten zur Steuerung von Prozessen und automatisierte Verfahren helfen zwar dabei, dass wir vielleicht weniger selbst tun müssen. Doch laufen wir dabei nicht Gefahr, uns von jeglicher Verantwortung zu entbinden? Wir tragen einerseits die Verantwortung für uns selbst, für die Gesellschaft, aber darüber hinaus auch für die Umwelt und das Klima. Der Mensch ist der Schlüssel für nachhaltiges Leben, Arbeiten und Wirtschaften.

Hier kommt der Terminus der Industrie 5.0 ins Spiel. Doch was ist das – die Industrie 5.0? Anders als bei der Vorstufe, der Industrie 4.0, bei der vernetzte und automatisierte Dinge und Prozesse auf der Basis von Daten vonstatten gehen, spielt bei der Industrie 5.0 nicht mehr die Technologie die größte Rolle, sondern der Mensch als biologisches Wesen.

der menschlichen Kreativität

Obwohl die Stufe der kompletten Digitalisierung unserer bekannten Systeme noch lange andauern wird, ändern sich bereits jetzt die Zielsetzungen. Verantwortlich dafür ist dabei auch ein so wichtiges Thema wie der Klimaschutz. Denn eine intakte Umwelt macht das Leben für alle Menschen lebenswert. Tun wir nichts dafür, kommt vielleicht in naher Zukunft schon für die nächste Generation, also unsere Kinder und Enkel, das böse Erwachen.

Es ist deshalb unumgänglich, dem Trend der absoluten Technik mit Computern und und des damit verbundenen Profits eine menschliche Note gegenüberzustellen. Bei der Produktion von Dingen darf nicht allein nur die Kommerzialisierung im Vordergrund stehen. Vielmehr sind die Errungenschaften der Industrie 4.0, das Internet of Things (IoT), auf die Bedürfnisse der Menschen und unseres Planeten auszurichten.

Roboter und Maschinen arbeiten nicht automatisch nur ihre automatisierten Befehle ab, die künstliche Intelligenz (KI) auf Basis von Daten erzeugt. Eine KI, die ihrem Namen gerecht wird, muss Maschinen zu kollaborierenden Robotern erziehen, die den Menschen als Wesen nicht ersetzt, sondern ihn in seinem Tun sinnvoll und nachhaltig ergänzt.

Blicken wir noch einmal auf den Verlauf der Industrialisierung vom Beginn bis zur Gegenwart:

Zur Serie

Mitten in der Krise über die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung? Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.

Sehr unterschiedliche Aspekte soll diese Serie abdecken: von der Erfahrung der fehlenden Verfügbarkeit über das eigene Leben bis zu einer grundlegenden Neugestaltung der Wirtschaftsordnung.

Viele Gastautorinnen und -autoren haben bisher zu der Serie beigetragen, darunter der Glücksforscher Horst Opaschowski, die Umweltökonomin Claudia Kemfert, der Soziologe Stephan Lessenich und die Autorin Jagoda Marinic. Die nächste Folge erscheint am Mittwoch. Alle bisherigen Beiträge stehen online unter fr.de/welt-nach-corona. FR

Anfang der Industrialisierung und Urbanisierung im 18. Jahrhundert

Industrie 2.0: Elektrifizierung, Materialwirtschaft und Massenproduktion zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Industrie 3.0: digitale Technik, Automatisierung und erste Roboter ab 1970

Industrie 4.0: Internet der Dinge und die Vernetzung von Maschinen erzeugen viele Daten für Optimierung

Die nächste, nunmehr fünfte industrielle Revolution definiert sich durch eine sinnvolle Kombination von Robotern und Menschen. Denn trotz der voranschreitenden Digitalisierung und dem zunehmenden Einsatz von intelligenten und smarten Geräten oder Maschinen bleibt der Mensch der Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Er kann und darf nicht durch Roboter oder künstliche Intelligenz ersetzt werden. Die maschinellen Technologien verbinden sich also mit menschlicher Kreativität. So gesehen leben wir bereits mittendrin im Wandel der Zeit, der sich mit dem Terminus der Industrie 5.0 gut umschreiben lässt.

Die Zukunft besteht ja nicht nur aus Maschinen mit künstlicher Intelligenz. Vielmehr spielen individuelle Bedürfnisse der Menschen und diesem Bedarf angepasste Produktionen und Dienstleistungen eine viel größere Rolle. Das gilt insbesondere für die Wirtschaft. Digitaler Wandel hat die Aufgabe, intelligente Lösungen zu erschaffen, um Innovationen für alle Branchen aufzuzeigen. Jede Branche kann nur so auf den Trend der Individualisierung reagieren. Wer sich als Unternehmen oder Dienstleister dieser Entwicklung verschließt, arbeitet am Bedarf vorbei.

Nein, Zeit zum Entspannen

Was machen die Digitalisierung und der unaufhörliche Drang nach Optimierung unseres Lebens eigentlich mit uns? Wir müssen uns permanent damit beschäftigen, aktuell informiert zu bleiben. Technisch, digital und organisatorisch. Doch sind wir dabei auch immer menschlich? Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass wir permanent versuchen, besser zu sein, noch mehr Erfolge zu haben und so schnell wie möglich ein Ziel zu erreichen. Automatisierung und Optimierung von Prozessen und Abläufen helfen uns dabei: im privaten Umfeld und bei der Arbeit in Unternehmen.

Auf der Strecke bleiben jedoch Faktoren wie die Gesundheit, das allgemeine Wohlbefinden, Geselligkeit, die Bewegung und auch die Kreativität. Wir lassen eher uns steuern als selbst zu steuern; wir verlieren unsere Individualität, weil wir uns (ver)leiten lassen. In der Zeit des Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie haben wir jedoch schnell erfahren müssen, wie wertvoll die individuelle Freiheit ist und wie schnell wir es als negativ empfinden, dass gewohnte und alltägliche Dinge nicht mehr so einfach möglich sind.

In dieser Zeit haben wir aber auch gemerkt, dass wir auf viele Dinge verzichten können, weil wir sie zum Leben auch nicht unbedingt benötigen. Wir leben in einer Welt des Überflusses. Schauen Sie doch mal auf dem Dachboden, im Keller oder in Ihren Schubladen nach. Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, um Personen zu beeindrucken, die wir nicht einmal mögen. Während der Corona-Auszeit zuhause stellten wir fest, dass wir auch ohne maßloses Shopping überleben. Es verschafft uns Entspannung, weil wir die Tretmühle des Alltags verlassen haben – notgedrungen.

Remote-Modus

Die Lernkurve der Unternehmen und Organisationen war während der Corona-Auszeit enorm. Die Bedenken, die früher viele Innovationen verhinderten, wurden ausgeblendet. Es ging einfach los. Die gesammelten Erfahrungen waren dann auch noch überraschend positiv und effizient. Die Bedenken vieler Arbeitgeber, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich im Home Office um alles außer ihre Arbeit und die zu erledigenden Aufgaben kümmern würden, wurde schnell von den Arbeitnehmern widerlegt. Die Zeit, die sonst der Arbeitsweg in Anspruch nimmt, konnten Angestellte jetzt schon am Bildschirm nutzen.

So können wir bereits einen ersten positiven Aspekt der Corona-Krise benennen, der sich vielleicht in wenigen Jahren als markanter Wendepunkt in unserer Ökonomie und Gesellschaft herausstellt. Wir lernen, dass Online-Netze die Infrastruktur und Logistik unseres gegenwärtigen und zukünftigen Wohlstands sind. Umso wichtiger, wenn nicht gar überfällig, ist das Versprechen der Bundesregierung, sich nach langwierigen Forderungen darauf einzulassen, jedem Bürger bis 2025 eine Internetleitung mit 50 Megabit bereitzustellen. Warum ist das nun so einfach? Unternehmen, Privatpersonen, Politik und Organisationen erkennen auf einmal den Wert des Netzes für ihr System. Es ist eine wichtige Infrastruktur der Kommunikation und des eigenen Geschäftsmodells.

Viele mittelständische oder kleine Unternehmen sind jedoch auf den Zug der Digitalisierung noch nicht aufgesprungen und haben erst durch die Corona-Krise gemerkt, wo sie ansetzen müssen. Tun sie das nicht, droht ihnen die Auslese durch den digitalen Darwinismus.

neu denken

Karl-Heinz Land. Erde 5.0 - Die Zukunft provozieren, Future Vision Press, 19,80 Euro. 

Im Zuge der Corona-Krise mit ihren tiefen Einschnitten kommen wir nicht umhin, über Ökonomie, Ökologie, Gesellschaft und soziale Systeme nachzudenken. Wir müssen fragen: Wie könnte ein neues Wirtschaftssystem aussehen, in dem die Digitalisierung auch das Werkzeug und der Hebel zu mehr Nachhaltigkeit für uns alle sind? Wie organisieren wir ein System, in dem Plattformen an Wert gewinnen, die uns helfen Dinge zu teilen, statt zu besitzen? Wie können wir mithilfe künstlicher Intelligenz unsere Städte zu „Smart Cities“ machen, die 70 bis 90 Prozent weniger Verkehr und Feinstaub produzieren und weniger Ressourcen und Energie verbrauchen werden? Was, wenn wir das Bahn- oder Flugticket nicht mehr ausdrucken, sondern nur noch als QR-Code auf unserem Handy haben? Dann brauchen wir weder den Drucker, noch die Energie und das Papier, um das Ticket zu produzieren.

„Weniger Dinge“ heißt auch weniger Rohstoffe, weniger Energieverbrauch, weniger Umweltbelastung. Wenn wir die Digitalisierung und den technologischen Fortschritt weiter denken, könnten wir auch die Thematik des Klimawandels, der Ressourcenknappheit und der zunehmenden Umweltzerstörung in den Griff kriegen.

Bei allem Fortschritt sollten wir nicht naiv oder unkritisch gegenüber den neuen Technologien sein. Technologie ist weder gut noch böse. Technologie ist, was wir daraus machen. Technologie ist wie ein Messer. Ich kann damit das Brot für die Welt schmieren – oder jemanden töten. Lasst uns endlich anfangen, Gutes zu tun und die Dinge ganz neu zu denken!

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