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Das Militärgefängnis Saydnaya liegt rund 30 Kilometer nördlich von Damaskus.
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Über die Folter im Militärgefängnis Saydnaya ist nicht viel bekannt. Vor allem da die Gefangenen ihrer Sinne beraubt werden.

Menschenrechte

Folter in Syrien: „Stille ist eine Form der Misshandlung“

  • VonHannah El-Hitami
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Der britisch-libanesische Künstler Lawrence Abu Hamdan rekonstruiert mithilfe von Geräuschen Menschenrechtsverbrechen an syrischen Gefangenen. Ein Gespräch über den Klang von Hunger, verzerrte Erinnerungen und Traumata.

Sie bezeichnen sich selbst als „Private Ear“, was sich etwa als „akustischer Privatdetektiv“ ins Deutsche übersetzen ließe. Wie kamen Sie zu diesem ungewöhnlichen Beruf?

Ich arbeite einerseits schon immer mit Klang und habe mich andererseits während meines Studiums mit Forensik beschäftigt. Im Rahmen meiner Promotion in forensischer Linguistik habe ich die Größen des Faches kennengelernt. Als ich dann im Auftrag einer NGO mein erstes Ermittlungsprojekt starten wollte – es ging um Schüsse auf zwei palästinensische Jugendliche während einer Demonstration – bat ich diese Experten um ihre Unterstützung. Doch sie sagten mir, dass sie nur für die Polizei arbeiteten und nicht außerhalb staatlicher Forensik ermittelten. Da bemerkte ich, dass es eine große Lücke gab, was Gewalt durch den Staat betrifft. So begann ich meine Arbeit als „private ear“, mit Fokus auf menschenrechtliche Themen.

Sie nutzen Ton künstlerisch und investigativ, um Menschenrechtsverstöße aufzuklären. Zusammen mit Amnesty International und Forensic Architecture haben Sie 2016 das syrische Militärgefängnis Saydnaya rekonstruiert, in dem es systematische Folter und Massenexekutionen gegeben haben soll. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Saydnaya war meine bislang schwierigste Recherche aber auch die, von der ich am meisten gelernt habe: über die Beziehung zwischen Ton und Gewalt und über die Art, wie wir uns an Ton erinnern. Weil die Gefangenen meist Augenbinden trugen und im Dunkeln gehalten wurden, bastelten wir das Gefängnis basierend auf dem, was die gehört hatten, zusammen.

Dafür haben Sie mit sechs ehemaligen Gefangenen gesprochen. Wie konnten diese ihre akustischen Erinnerungen in Worte fassen?

Ton hat keine eigene Sprache, die ihn beschreibt. Wir bezeichnen ihn zum Beispiel als hell oder scharf, leihen also Begriffe von anderen Sinnen aus. Um von den Gefangenen zu erfahren, was sie in Saydnaya gehört haben, musste ich kreativ werden. Zum Beispiel habe ich Objekte genutzt, um Geräusche in verschiedenen Lautstärken nachzumachen. Ein Zeuge konnte Geräusche der Zellentürschlösser identifizieren, woraus wir ableiteten, wie viele Personen auf seinem Gang festgehalten wurden. Diese Information glichen wir später mit den Aussagen von Gefangenen ab, die auf dem gleichen Flur festgehalten worden waren.

Künstler Lawrence Abu Hamdan.

Ist es nicht retraumatisierend für Gefangene, sich solche Geräusche anzuhören?

Ganz im Gegenteil: Psychologen und Trauma-Experten sagten uns, dass es Zeugen am meisten traumatisiert, wenn man sie bittet eigenständig zu rekapitulieren, was passiert ist. Die Person muss sich alles selber vorstellen, sich ganz alleine in diesen Raum begeben. Wir sagten nicht: „Schließ deine Augen und versetze dich an den Ort zurück“, sondern spielten Geräusche ab. Dadurch erlaubten wir den Zeugen, die Erinnerungen anhand dieser Details abzurufen, anstatt selbst danach zu suchen. Wir brachten sie nicht näher heran, sondern erzeugten Distanz zwischen ihnen und dem Gefängnis, indem wir es zum Objekt machten: Sie konnten es auf einem Bildschirm sehen, hören, berühren.

Neben den Geräuschen im Gefängnis, spielte auch Stille eine wichtige Rolle. Wie konnten Sie diese greifbar machen?

Stille wurde in Saydnaya brutal umgesetzt. Die Gefangenen durften keinen Ton machen, auch wenn sie gefoltert wurden. Stille war das erste, was ihnen befohlen wurde, und es war das letzte, woran sie scheiterten und deswegen ihr Leben verloren. Es kam zum Beispiel vor, dass jemand hustete, und deswegen tödlich bestraft wurde. Ich sehe die Stille als eine eigene Form der Misshandlung. Ich wollte sie genauso verstehen, wie man jede andere Waffe und den Schaden, den sie anrichtet, untersuchen würde. Ich habe viel Zeit damit verbracht diese Stille zu analysieren.

Zur Person

Lawrence Abu Hamdan (35) ist ein libanesisch-britischer Künstler. Er studierte Sonic Arts in London und promovierte anschließend zur Geschichte der forensischen Linguistik am Goldsmiths College für bildende Kunst der Londoner Universität. Heute lebt er in Dubai. Abu Hamdan arbeitete mit Nichtregierungsorganisationen zusammen, um seine akustischen Ermittlungen in den Dienst der Menschenrechte zu stellen.

Mit der Praxis europäischer Asylbehörden setzte er sich 2012 kritisch auseinander: Die Behörden analysierten die Dialekte von Asylbewerber:innen, um ihre Herkunft festzustellen und sie darauf basierend abzuschieben. Gemeinsam mit einem Team von Aktivist:innen, Geflüchteten und Linguist:innen erstellte Abu Hamdan eine Karte, um die Uneindeutigkeit von Sprache und Identität aufzuzeigen. Das Werk „The Freedom of Speech Itself“ wurde in Kunstmuseen ausgestellt und auch bei einer Abschiebeanhörung in Großbritannien als Beweismaterial genutzt.

Im Auftrag der Organisation Defence for Children International recherchierte Abu Hamdan im Jahr 2014 den Fall zweier palästinensischer Jugendlicher, die von israelischen Soldaten auf einer Demonstration erschossen worden waren. Mithilfe einer akustischen Analyse konnte er beweisen, dass die Soldaten scharfe Munition genutzt hatten und keine Gummigeschosse, wie sie behaupteten. Mit dieser Ermittlung setzte er sich anschließend auch künstlerisch in seinem Werk „Earshot“ auseinander.

In seinen Arbeiten beschäftigt sich Abu Hamdan auch regelmäßig kritisch mit staatlicher Überwachung. Am bekanntesten ist jedoch seine Ermittlung zum syrischen Foltergefängnis Saydnaya, die er gemeinsam mit Forensic Architecture und Amnesty International 2016 begann. Für diese Arbeit wurde er 2019 mit dem renommierten Turner-Preis ausgezeichnet

Dabei stellten Sie zum Beispiel fest, dass die Lautstärke, in der sich Gefangene in Saydnaya unterhalten durften, nach Beginn der syrischen Revolution um 19 Dezibel gesunken war. Dafür verglichen Sie die Aussagen von Inhaftierten vor und nach 2011. Wie gingen Sie vor?

Zunächst bat ich sie zu wiederholen, in welcher Lautstärke sie gesprochen hatten. Damit hatte ich aber keinen Erfolg, denn sie unterschieden sich sehr stark voneinander. Ich bat sie also stattdessen sich zu erinnern, in welcher Lautstärke andere mit ihnen gesprochen hatten. Ich spielte einen Ton ab, machte ihn immer leiser und sie sollten sagen, an welcher Stelle es sich richtig anhörte. Da waren die Zeugen dann alle weniger als fünf Dezibel voneinander entfernt, was extrem akkurat ist.

Weiterlesen: Wie das syrische Gefängnissystem nicht nur Gefangene, sondern die gesamte Bevölkerung unterdrückt

In Koblenz standen unlängst zwei ehemalige syrische Geheimdienstmitarbeiter wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht. Auch in diesem Verfahren berichteten zahlreiche Zeuginnen und Zeugen über ihre Erfahrungen in einem Geheimdienstgefängnis, wo sie nur mit Augenbinden die Zellen verlassen durften. Warum werden in solchen Prozessen keine Analysen wie Ihre angewandt, um Beweise zu sammeln?

Ich glaube, dass unsere Methoden einen hohen Wahrheitswert haben. Das wurde auch im Nachhinein bestätigt, als wir unsere Ergebnisse mit den Aussagen ehemaliger Wärter abglichen. Aber sie entsprechen eben nicht den Standards, die ein Gericht nutzt, um in einem Strafverfahren Beweise zu sammeln. Wir erfuhren in unserer Recherche zwar viele forensisch valide Fakten. Aber einige der aufschlussreichsten Aussagen waren die, in denen Zeugen ganz verzerrte Erinnerungen beschrieben.

Das Gefängnis Saydnaya


Nördlich der syrischen Hauptstadt Damaskus liegt das Militärgefängnis Saydnaya. Es wurde in den 1980er Jahren von Hafiz al-Assad nach deutschem Vorbild erbaut. Es sollte ein „humanes Gefängnis“ werden, mit überirdischen Zellen, frischer Luft und genug Platz, auf dem sich die Inhaftierten bewegen können. In den 2000er Jahren und insbesondere seit Beginn der Massenproteste in Syrien 2011 ist es jedoch zum Inbegriff der syrischen Folter- und Tötungsmaschinerie unter Präsident Baschar al-Assad geworden.

Amnesty International bezeichnete Saydnaya in einem Bericht als „Schlachthaus für Menschen.“ Der Organisation zufolge kam es dort seit Beginn der syrischen Revolution zu Massenexekutionen politischer Gefangener. Mindestens 13 000 Menschen sollen zwischen 2011 und 2015 erhängt worden sein, mehr als 10 000 Menschen sind nach Angaben syrischer Menschenrechtsorganisationen nach wie vor in Saydnaya inhaftiert.

Was meinen Sie damit?

Bei einem Zeugen namens Samer versuchten wir herauszufinden, wie nah er an der Haupttür gewesen war. Ich spielte also das Geräusch einer großen Tür ab und Samer sagte mir immer, dass ich das Geräusch noch lauter machen sollte. Irgendwann war es so laut, dass es unmöglich die tatsächliche Lautstärke der Tür gewesen sein konnte. Es klang eher so laut wie ein Autounfall. Da sagte Samer, so habe nicht die Tür geklungen, sondern das Brot, wenn es morgens vor seine Zelltür geworfen wurde. Einen solchen Beweis kann man nicht in einem Gerichtssaal präsentieren.

Was er sagt, ist unmöglich: dass das Geräusch eines Brotes, das auf dem Boden landet, so laut ist wie ein Autounfall.

Genau. Aber ich habe in dem Moment sehr viel über das Gefängnis verstanden. Es geht nicht um die Geräusche, die die Gefangenen dort hörten, sondern darum, was diese ihnen bedeuteten: in diesem Fall, dass sie hungrig waren, dass sie im Dunkeln waren, und dass es still war. Ein winziges Geräusch beschrieb Samer als das lauteste. Seine Aussage ist verzerrt, doch genau diese Verzerrung ist ein Beweismittel für extreme Mangelernährung. Wenn wir die richtigen Instrumente haben, können wir Hunger hören.

Die Ergebnisse Ihrer Arbeit landeten also nicht im Gerichtssaal, sondern wurden in renommierten Kunstmuseen und auf Biennalen ausgestellt. Wie passt ein syrisches Foltergefängnis in eine Galerie?

Die Erfahrungen aus dem Gefängnis müssen sichtbar, hörbar und verstehbar werden. Ich wollte das Projekt in einem künstlerischen Raum fortsetzen, weil die Menschen dort Stille, Abstraktion und Verzerrung gewohnt sind. Das kennen sie spätestens seit dem Impressionismus. Daher ist das Publikum dazu in der Lage sich Aussagen anzuhören, die woanders nicht funktionieren. (Interview: Hannah El-Hitami)

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