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Stilikone der Teenager

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Modebloggerin Tavi Gevinson setzt sich auch selbst gern in Szene.
Modebloggerin Tavi Gevinson setzt sich auch selbst gern in Szene. © Getty Images

Die 16-jährige US-Modebloggerin Tavi Gevinson zeigt Mädchen in ihrem Alter, was wirklich cool ist. Doch auch Größen der Modewelt blicken zu der kreativen Teenagerin auf, die als Chefredakteurin ihres eigenen Magazins zur Stilikone geworden ist.

Von Nina Rehfeld

Manchmal sieht Tavi Gevinson aus wie ihre eigene Oma: Schmetterlingsbrille, blaugrauer Topfschnitt, grüngrauer Trenchcoat über dem Schal im Trödelsofamuster. Aber weil Tavi Gevinson Modebloggerin ist, ist das supercool. „Ich mag die Farbe“, sagte Karl Lagerfeld, als er ihr blaugraues Haar sah.

Das war vor zwei Jahren, und da war Tavi, damals 14, schon ein Star. Längst schielt die internationaleModeszene auf ihren Blog, Haute-Couture-Häuser aus aller Welt schicken ihr Stücke zum Kombinieren und hoffen, dass sie etwas davon auf ihrem Blog postet.

Tavi Gevinson war elf, als sie anfing, über Mode zu bloggen. „Style Rookie“ nannte sie ihre Internet-Kolumne, das heißt soviel wie Stil-Anfänger. Sie fotografierte sich in kreativ kombinierten Outfits vor ihrem Chicagoer Elternhaus, vor dem Schuppen, auf der Treppe. Mit hängenden Armen und leerem Blick sah sie aus wie die schräge Avantgarde-Version einer gelangweilt posierenden Kate Moss.

Sie malte sich mit Eyeliner „sei inspiriert, jederzeit“ unter die Augen und bloggte zu dem Foto: „Mir entgeht der Appeal von verklebter Wimperntusche, die am Ende des Tages verschmiert ist, gern getragen von unseren geliebten Achtklässlern. Ich nehme lieber seltsame Phrasen und kritzelige Handschrift, bitte und danke.“

Faible für Popkultur

Bald beschränkte sich ihr Publikum nicht mehr auf präpubertäre Mädchen. Trendsetter und Modemacher, meinten in der kleinen Person mit dem Faible für die Popkultur der Neunziger, für die makabren Gedicht-Zeichnungen von Edward Gorey und den Fleetwood-Mac-Song „Rihannon“, eine Muse gefunden zu haben.

Modemeister wie die Mulleavy-Sisters lesen ihren Blog, Miuccia Prada schickte ihr eine Notiz: „Schade, dass wir nicht länger plaudern konnten.“ Und sagte dem New Yorker: „Sie ist sehr jung, deshalb ist ihre Vision von Alter und zeitgenössischer Mode so interessant und überraschend.“

Tavi Gevinson ist die Tochter einer schwedischstämmigen Mutter und eines Englischlehrers. Die Eltern stehen dem Rummel um ihre Tochter eher skeptisch gegenüber. „Wir wollen sicherstellen“, sagt ihr Vater, „dass sie sich einen Bereich der Normalität in ihrem Leben bewahrt, das manchmal ein bisschen irre ist.“

Die Zehntklässlerin sieht sich immer noch eher als Fashion-Fangirl denn als Journalistin. Ihren Kleiderschrank stellt sie sich in Zweite-Hand-Läden und dem Nobelkaufhaus Bergdorf zusammen, und auf die Frage, warum sie „so etwas“ trägt, sagt sie: Weil es illegal ist, nackt herumzulaufen.

2009, da war Tavi Gevinson 13?Jahre alt, ließ das Modemagazin Harper’s Bazaar sie die kommenden Frühjahrskollektionen kommentieren. 2010 wurde sie von John Galliano nach Paris eingeladen und sorgte auf der Dior-Show für einen kleinen Skandal, als sich zwei arrivierte Modejournalisten via Twitter darüber mokierten, dass die überdimensionierte Schleife auf Tavis Kopf ihnen die Sicht auf den Laufsteg versperrte. Tavi saß in der ersten Reihe, das nahm ihr manche Fashionista übel.

Kunst statt Kommerz

Einige beklagten, dass man hier bloß ein süßes Maskottchen vermarkte. Es wurden sogar Stimmen laut, die bezweifelten, ob Tavis hintergründige, mit belesenen Verweisen auf Musik, Literatur und Fernsehen gespickte Blogs tatsächlich von einer blutjungen Teenagerin verfasst wurden. Das ist angesichts der vielen Internet-Sensationen, die sich als Fälschungen erwiesen, durchaus berechtigt. Vielleicht überrascht es aber auch, eine Teenagerin im Rampenlicht zu sehen, die Kreativität eher als Kunst denn als Kommerz begreift.

Tavi wies die Vorwürfe zurück und wahrte die Fassung. Statt sich auf das Dasein als Schätzchen der Haute Couture zu konzentrieren, gründete sie im Internet ein Teen-Magazin namens Rookie – das genauso eigenwillig ist wie ihre Mode. Zwei Redakteure beschäftigt die junge Unternehmerin dafür.

Statt Schminktipps fürs Nachtleben steht hier ein Artikel mit der Überschrift, „Wie man nicht aussieht, als wenn man gerade geheult hätte“. Statt der neuesten Diät gibt es eine Anleitung zu „Bitchfaces“, Gesichtsausdrücken also, mit denen man gelangweilte Genervtheit bis angewidertes Entsetzen zum Ausdruck bringt.

Dem Mainstream verweigert

„Rookie ist keine Anleitung zum Teenager-Dasein“, schrieb sie an ihre Leser, „es ist kein Pamphlet darüber, wie man eine junge Frau ist. Es ist einfach ein Haufen Kunst und Schreiberei, die wir mögen“. Sogar die Chefredakteurin der Teen Vogue beneidet sie um ihre Einfälle. Unter anderem dachte sich Tavi die Videoblog-Rubrik „Ask a grown man“ – „Frag einen erwachsenen Mann“ aus, in der auch der Schauspieler Jon Hamm und der Regisseur Judd Apatow Lebensratschläge beisteuerten. Und sie lud von ihr bewunderte Frauen wie die Komikerin Sarah Silverman und die TV-Autorin und Schauspielerin Lena Dunham („Girls“) dazu ein, über ihren ersten Sex zu schreiben.

Inzwischen ist Tavi Gevinson sechzehn und ihr derzeitiger Look – langes Haar mit tiefsitzendem Pony – ist von Laura Palmer inspiriert, dem Mordopfer aus David Lynchs Kultserie „Twin Peaks“. Man muss immer ein bisschen auf Zack sein in Sachen Popkultur, um Tavi Gevinson zu verstehen. Dem Mainstream hat sie sich bisher weitgehend verweigert. Einen Auftritt bei Jay Leno oder im US-Frühstücksfernsehen lehnte sie als geschmacklos ab, auch Oprah Winfrey zeigte sie die kalte Schulter.

Starke Frauen, sagte sie kürzlich auf einer Jugendkonferenz in New York, seien Frauen mit Makeln und Widersprüchen, komplizierte Wesen wie Stevie Nicks, die Sängerin von Fleetwood Mac. „Sie hat sich nie für ihre Fehler und widersprüchlichen Gefühle entschuldigt“, sagte Tavi Gevinson. „Seid also bitte Stevie Nicks.“

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