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Stierkampf: Die tödliche Tradition

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Von: Stefan Brändle

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In Frankreichs Süden – hier in Beaucaire bei Arles – findet das Spektakel noch Fans.
In Frankreichs Süden – hier in Beaucaire bei Arles – findet das Spektakel noch Fans. © Imago

In Frankreich ist der Stierkampf weit verbreitet. Nun verhandelt das Parlament über ein Verbot. Die Corrida-Fans setzen dagegen auf einen Verbündeten – im Elysée.

Für die meisten Französinnen und Franzosen ist der Stierkampf ein rotes Tuch: 77 Prozent sind laut Umfragen dagegen. Doch in Südfrankreich und der Gascogne-Region ist die Corrida sehr verwurzelt und populär. In Nîmes zieht die mehrtägige „Feria“-Feier jährlich Hunderttausende an. 60 Städte von Arles in der Camargue über Béziers bis nach Bayonne organisieren in ihren Arenen Stierkämpfe.

Nicht alle enden mit dem Tod des Stiers. Bei der „course landaise“ am Atlantik oder der „course camarguaise“ geht es darum, eine Kokarde zwischen den Hörnern zu schnappen, und der Bulle kann durchaus gewinnen und überlebt im Normalfall. Andernorts gelten die gleichen Regeln wie in Spanien: Die Corrida endet mit dem Tod des Stiers.

Das soll sich nun ändern. Der Linksabgeordnete Aymeric Caron verlangt in einer Parlamentseingabe ein Verbot der Stierkämpfe in Frankreich. In der Nationalversammlung wird ab Mittwoch verhandelt, doch schon vorab lässt der Vorstoß das Thema hochkochen. Heute untersagt zwar das französische Strafrecht bei hoher Strafe jede Grausamkeit gegen Tiere – nimmt davon aber „dauerhafte lokale Traditionen“ wie eben die Corrida aus. Caron will diese Ausnahme aufheben.

Seinen Vorstoß begründet er so: „Im ersten Drittel (der Corrida, die Red.) verwenden die berittenen Picadore eine lange Lanze, die die Halsmuskeln und Nackenbänder des Stiers zerschneidet, sodass er den Kopf nicht mehr heben kann. Im zweiten Drittel werden sechs Banderillas mit mehreren Zentimeter langen Widerhaken in den Rücken des Tieres getrieben.“ Im Schlussgang werde sein Körper bis zum Brustkorb durchstossen, wobei der Matador mehrmals ansetzen müsse. Dann erfolge der Messerstich ins verlängerte Rückenmark, oft ebenfalls wiederholt.

„Ist das nun Kunst oder Folter?“, fragt Caron an die Adresse der Aficionados, die den Stierkampf als kulturelles Brauchtum verteidigen. Er zitiert ein Gutachten des Nationalen Veterinärrates von 2016, laut dem die Schmerzen des Stiers „unbestreitbar“ seien.

Carons Eingabe bringt die Stierkampffans in Südfrankreich auf, noch bevor die Parlamentsdebatte begonnen hat. Vincent Bouget, Stadtrat der Kommunistischen Partei in Nîmes, konterte im Lokalradio: „Die Corrida besteht nicht darin, ein Tier ohne Verteidigung zu peinigen; sie lanciert einen von Natur aus kampfgewillten Stier, der auf eine Verletzung nicht durch Flucht reagiert, sondern durch Angriff. Der Torero riskiert sein Leben, denn er darf nur über die Hörner, also von vorne zustechen.“ Und dieses Duell zwischen Tier und Mensch sei etwas anderes als der tausendfache industrielle Tod in den Schlachthöfen, fügt Bouget an, um den Corrida-Gegnern Heuchelei vorzuwerfen: „Der Tod in den Schlachthöfen wird akzeptiert, nur weil er versteckt abläuft.“

Länder wie Chile, Argentinien, Uruguay oder Mexiko und auch die spanische Region Katalonien haben die Corrida zumindest suspendiert, wenn nicht untersagt. Auch in Frankreich enden die „courses landaises“ am Atlantik oder die „course camarguaise“ ohne Tötung. Doch Bouget bleibt dabei: „Das Töten gehört zum Stierkampf. Der Bulle kann nicht mehrere Corridas absolvieren, denn er hat das erste Mal zu viel gelernt und würde dem Torero zu gefährlich.“

Das Fernduell zwischen Caron und Bouget lässt erahnen, wie hitzig die Parlamentsdebatte ausfallen wird. Die Meinungen gehen quer durch die Parteien. Befürworter:innen der Corrida finden sich meist im Süden. Bei Rechtspopulistinnen und konservativen Republikanern sind fast nur Frauen für das Verbot. Die Grünen sind unisono für ein Verbot, die Sozialistinnen und Kommunisten zaudern. Denn lokale Traditionen sind in Frankreich nunmal sakrosankt, auch wenn Caron behauptet, Stierkampf sei eine spanische, aber „keine französische Tradition“. Napoleon III. habe sie 1853 nach Südfrankreich gebracht, um seiner andalusischen Gattin zu gefallen.

Ausschlaggebend für den Ausgang im Parlament wird das Verhalten der Regierungspartei „Renaissance“ von Präsident Emmanuel Macron sein. Sie hat Stimmfreigabe beschlossen, doch der Staatschef hat durch seinen Sprecher verlauten lassen, er wolle Frankreich nach allen Covid- Einschränkungen kein weiteres Verbot auferlegen. Vor Jahren schon hatte er sich für das Weiterbestehen der Corrida-Tradition ausgesprochen.

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