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Das waren noch Zeiten: Ein Model trägt Schuhe von Tom Ford auf dem New Yorker Laufsteg.

Mode

LA stiehlt NY die Show

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Das Programm der New Yorker Fashion Week fällt dünn aus. Dass es Designerinnen und Designer zunehmend in den Westen zieht, ist ein weiterer Triumph für Los Angeles im Kampf um den Rang der Kulturhauptstadt Amerikas

Ein Kapitän, heißt es, soll ein sinkendes Schiff als letzter verlassen. Und wenn er das nicht tut, wenn er Besatzung, Passagierinnen und Passagiere im Stich lässt, dann sollte man zumindest ein gehöriges Maß an Scham von ihm erwarten. Doch Tom Ford ist dieser Tage nichts anzumerken, was auch nur entfernt auf ein schlechtes Gewissen hinweist.

Er sei, sagte Ford zu Beginn dieser Woche, Vorsitzender des Council of Fashion Designers of America (CFDA), der Vereinigung amerikanischer Modedesigner, und nicht der Modedesigner von New York. Dass er mit seinem Label der altehrwürdigen New York Fashion Week einen Korb gibt, sei deshalb alles andere als ein Verrat.

Seine neuen Designs will er fortan am Rande der Oscar-Verleihung in Los Angeles zeigen. Damit fördere er die amerikanische Mode und zerstöre sie nicht, wie ihm in den letzten Tagen häufig vorgeworfen wurde.

Die Tatsache, dass die CFDA die ausrichtende Organisation der New Yorker Fashion Week ist, ist ein Detail, dass Ford bei seiner Argumentation unterschlägt. Die Symbolik ist verheerend – wenn schon der Vorstand der Organisatoren nicht mehr an die Modeschau glaubt, wer soll es dann noch?

Tom Ford ist nicht der einzige Designer, der in diesem Jahr New York die kalte Schulter zeigt. Jeremy Scott hat abgesagt, Ralph Lauren ist nicht auf dem Programm, Tommy Hilfiger zieht London vor, das Label St. John zeigt seine Kollektion ausschließlich in den Sozialen Medien, Kerby Jean-Raymond, Joseph Altuzurra, Telfar, Batsehva, alle weg.

Die Massenflucht aus New York veranlasste selbst die dort ansässige „Vogue“ zur Frage, ob man die Fashion Week nicht ganz absagen sollte. Seit Jahren schon kämpft die Modewoche mit dem Bedeutungsverlust. Mindestens seit 2015, seit sie ihren Standort am Lincoln Center verloren hat, wird ihr dräuender Tod heraufbeschworen.

Nun scheint tatsächlich der Punkt erreicht zu sein, an dem sich nicht nur die bedeutendste Modezeitschrift der Welt fragen muss, ob die saisonalen Branchentreffen noch sinnvoll sind. Bis zu einem gewissen Grad spiegelt die Krise von New York lediglich die dramatischen Veränderungen der gesamten Industrie wider. Das Modell, zwei Mal im Jahr Kollektionen vorzustellen, die dann ein halbes Jahr später in den Handel kommen, hat sich schließlich schon lange überholt.

Die Modelabels haben längst ihren Produktionszyklus dem Internetzeitalter anpassen müssen. Neue Designs werden dann vorgestellt, wenn das jeweilige Label es für passend hält, die Marketingkampagne On- und Offline wird entsprechend angepasst. Die sogenannte „Drop-Culture“ ist auf dem Vormarsch.

Insofern sind Modenschauen nur noch Marken-Events, die dazu dienen, das Label im Gespräch zu halten – und „Content“ für die Sozialen Medien zu produzieren. Der Rahmen einer Modewoche wird dazu nicht mehr zwingend gebraucht und da speziell in New York die Kosten astronomisch sind, wägen immer mehr Labels ab, ob sich das noch lohnt.

Viel wichtiger als der Verkauf ist in der Ära von Instagram, dass die Show das richtige Publikum anzieht. Die New York Fashion Week lockt jedoch seit Jahren nicht mehr die A-List-Prominenz, Kritikerinnen und Kritiker beklagen, dass die Schauen zum Tummelplatz von Bloggerinnen und Influencern geworden sind, die sich bloß selbst inszenieren wollen.

Die Zeiten, in denen Anna Wintour mit Leo DiCaprio und Nicole Kidman in den Zelten im Bryant Park in der ersten Reihe saß, sind lange vorbei. Die Demokratisierung der Mode allgemein und der Fashion Week im speziellen, zu der sich heute für eine Schauen sogar jede und jeder, der das nötige Kleingeld hat, eine Karte kaufen kann, hat die Society vertrieben. Wohl deshalb gehen Designer wie Tom Ford dahin, wo die Society ohnehin schon ist.

In diesem Jahr ist das Hollywood, wo die Prominenz Dank der unglücklichen Terminüberschneidung von Fashion Week und Oscars vollzählig vor Ort ist. Sich als Modedesignerin oder Modedesigner in die Liste der Pflicht-Partys für die Oscar-Woche einzutragen, ist ein „No-Brainer“, wie es hier heißt, eine Entscheidung, über die man nicht lange grübeln muss. Ganz egal, wie beleidigt New York ist. Fords Entscheidung für LA und die Abwertung New Yorks als Mode-Standort markiert jedoch weitaus mehr, als nur eine Event-Kollision im Society-Kalender.

Es ist ein eindeutiger Triumph für Los Angeles in der ewigen Rivalität zwischen NY und LA um den Rang der Kulturhauptstadt Amerikas. Es ist ja auch schon 43 Jahre her, dass Woody Allen in „Annie Hall“ zum Besten gab, Los Angeles habe nur einen einzigen Vorzug gegenüber New York, und zwar den, dass man an einer roten Ampel rechts abbiegen könne.

Ansonsten gab es für den Ostküsten-Grübler keinen guten Grund, die Hauptstadt der Seichtigkeit zu besuchen. Das berühmte Zitat spiegelte die geballte Arroganz von New York gegenüber den Angelenos wider. In der Traumfabrik wurde Massen-Entertainment produziert, alles von Wert und Bestand kam aus New York.

In den vergangenen zehn Jahren verschiebt sich das kulturelle Gleichgewicht der USA aber zunehmend in Richtung Westen. „New York ist Opfer seines eigenen Erfolgs geworden“, sagte 2015 der DJ Moby, der in New York aufgewachsen aber 2014 nach Los Angeles gezogen ist. „In New York konsumieren die Leute nur noch Kultur, keiner macht mehr etwas. Junge Leute, die etwas erreichen wollen, gehen nach Los Angeles.“

Moby beschrieb einen Exodus, der bereits um die Jahrtausendwende angefangen hatte. Künstlerinnen und Kreative flohen aus dem kaum mehr bezahlbaren New York, wo sich der kreative Nährboden, der einst die Stadt ausgemacht hatte, längst in einer Orgie des Luxus und der Gentrifizierung aufgelöst hatte. Die große Profiteurin war Los Angeles.

Hier gab es noch Raum, um sich zu entfalten. Die Boheme aus ehemaligen New Yorker In-Vierteln wie Williamsburg siedelte in die neuen In-Viertel von LA wie Echo Park, West Adams oder Leimert Park um, wo die Preise für ein Studio höchstens ein Drittel so hoch sind. Los Angeles wurde cool. Auf die Künstlerinnen und Künstler folgten die Galerien und auch die Museen in Los Angeles rüsteten auf.

Namhafte Kuratoren wie Klaus Biesenbach und Jeffrey Deitch wechselten die Küste, große Institutionen wie das Getty und das LA County Museum schickten sich an, dem MoMa und dem Metropolitan Museum Konkurrenz zu machen. Schließlich folgte auch die Gastro-Szene. New Yorker Spitzenköchinnen und -köche wie Daniel Humm, April Bloomfield und Enrique Olivera eröffneten Dependancen im Westen, es herrschte eine regelrechte Goldgräberstimmung. Heute kann Los Angeles leicht mit New York mithalten.

Auch in der Modebranche hat der Zug in Richtung Westen nicht erst mit Tom Ford angefangen. Schon 2015 machte Burberry mit einem Mega-Event im Griffith Observatorium in den Hügeln über der Stadt auf sich aufmerksam. Zu den Gästen gehörten Anna Wintour und Elton John. Kurz danach zog das Studio von Saint Laurent nach Los Angeles. Gleichzeitig machte die indigene Design-Szene von Los Angeles mit Labels wie Band of Outsiders zunehmend auf sich aufmerksam.

Natürlich wird die New York Fashion Week in diesem Jahr dennoch über die Bühne gehen und auch Eintrittskarten für manche Schauen. die bis zu 1500 Dollar kosten, werden sich verkaufen. Und vermutlich wird es auch im Herbst noch eine Modewoche geben. Auch in die Museumsblockbuster des Frühlings am MoMa und Whitney Museum werden die Menschen wieder strömen und die Restaurantszene bleibt eine der vitalsten der Welt. Aber New York ist gewarnt. Die Kampfansage aus dem Westen ist klar und deutlich.

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