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Die Fischer an der Südküste Sri Lankas stehen beim Angeln auf Stelzen, um die Fische nicht zu vertreiben. Das Bild erschien 1997 im Magazin „National Geographic“.
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Die Fischer an der Südküste Sri Lankas stehen beim Angeln auf Stelzen, um die Fische nicht zu vertreiben. Das Bild erschien 1997 im Magazin „National Geographic“.

Reise um die Welt

Steve McCurry Ausstellung in Wetzlar: Der Fotograf spricht über seine Abenteuer und sein berühmtestes Bild

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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Fotograf Steve McCurry spricht im Interview über seine gefährlichsten Reisen, den allgegenwärtigen Express-Tourismus und seine neue Ausstellung im Ernst-Leitz-Museum in Wetzlar

Mr. McCurry, Sie gelten als einer der besten Fotografen weltweit, und Sie sind auch hierzulande sehr bekannt für Ihre atemberaubenden Reisereportagen. Haben Sie denn schon mal in Deutschland fotografiert, oder ist das schlicht zu langweilig?

Ich habe tatsächlich nur ein einziges Mal in Deutschland fotografiert, das war 1989. Thema war der Vergleich zweier Familien aus Ost und West und wie sie lebten. Aber nein, Deutschland war mir nicht zu langweilig. Es lag eher daran, dass ich mich stärker zu anderen Plätzen hingezogen fühlte, zu Gegenden in Asien und Afrika, die eine völlig andere Kultur hatten, mit anderen Religionen, Bräuchen oder auch Essen. Natürlich war ich auch sehr oft an Orten, die dem glichen, wie ich aufgewachsen bin. Europa und die USA sind sich optisch in vielem sehr ähnlich. Aber das hatte weit weniger Charme und Faszination für mich.

Derzeit müssen Sie zu Hause in Philadelphia bleiben und können auch nicht zur Eröffnung Ihrer neuen Ausstellung in Wetzlar kommen, wie eigentlich geplant. Wie haben Sie denn als Weltreisender das vergangene Jahr unter Pandemiebedingungen verbracht?

Es war eigentlich ganz positiv. Normalerweise reise ich sehr viel, und da ist es gut, das Leben mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Normalerweise habe ich ja keine Zeit für solche Sachen wie einen Parkspaziergang. Mal raus in die Natur zu gehen, sogar ohne Kamera, das ist schon toll. Wir müssen das Beste daraus machen und glücklich sein über all die Dinge, die wir haben.

Frauen im indischen Rajasthan schützen sich gegenseitig vor einem nahenden Sturm.

Das Reisen muss Ihnen doch schrecklich fehlen!

Mir geht’s gerade wirklich gut. Diese Ruhezeit war ein Segen und Nutzen für mich, persönlich und professionell. Meine Tochter ist vier Jahre alt, und gerade habe ich Zeit, die ich mit ihr verbringen kann. Aber ich freue mich schon wieder auf das Reisen, es gibt noch so viele Orte, die ich besuchen will. Ich habe inzwischen meine erste Corona-Impfung, aber viele Teile der Welt sind ja noch gar nicht wieder offen.

Haben Sie denn eine Gegend, die Sie besonders lieben?

Wenn ich in meinem Leben nur noch zwei oder drei Plätze besuchen könnte, würde ich wohl Tibet und Ladakh wählen und aus anderen Gründen vielleicht Italien. Das ist so zauberhaft und interessant. Es gibt auch Teile von Myanmar, die ich sehr gerne habe. Und ich liebe Kyoto mit seinen Klostergärten. Ach, mir fällt immer mehr ein...

Steve McCurry in China - die Kamera wie immer fest im Griff. MARCO CASINO

Könnten Sie sich vorstellen, die Kamera da auch mal zu Hause zu lassen?

Reisen ohne Kamera? Das ist eine gute Art, einen Ort zu beurteilen. Man sollte hingehen, wenn man fasziniert ist, wenn man Menschen treffen will, ob mit oder ohne Kamera. Ich war nicht überall, aber in all den Ländern, zu denen ich wollte.

Ein Land, in dem Sie zahllose Male waren, wird wohl kein Ziel mehr sein können: Die USA wollen aus Afghanistan abziehen.

Ich war 2016 noch mal dort, aber nur noch in Kabul. Es ist ein gefährlicher Ort, aber ich liebe das Land sehr. Wahrscheinlich werde ich aber erst mal nicht mehr zurückkehren, vielleicht, wenn es irgendwann einmal ein friedlicherer Platz wird.

Junger Mann in Havanna, Kuba (2010).

Ist die Angst Ihr ständiger Begleiter, wenn Sie unterwegs sind?

Oft, eigentlich immer! Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, wie Dinge falsch laufen können. Es besteht immer die Gefahr, entführt zu werden. Geiselnahmen, Autobomben, da kann so viel passieren. Aber ich war immer vorsichtig und hoffe immer das Beste.

Was ist Ihnen auf Ihren Reisen noch besonders negativ in Erinnerung?

Am schwierigsten zu arbeiten war es im Irak in der Zeit Saddam Husseins 1986. Es war unerträglich, eine mörderische Hitze, und wir wurden ständig verfolgt und hatten Aufpasser. Das war wohl die schlimmste Situation, in der ich jemals war. Es war aber eigentlich gar nicht riskant, nur unmöglich zu arbeiten. Afghanistan oder Libanon waren dagegen brandgefährlich, da konnte man jederzeit beschossen werden.

Zur Person

Steve McCurry, Jahrgang 1950, ist einer der bekanntesten Fotografen der Gegenwart. Der US-Amerikaner, der in Philadelphia geboren wurde und heute wieder dort lebt, hat in den vergangenen 40 Jahren zahlreiche Fotoreportagen veröffentlicht. Eindrucksvoll zeigt er darin Krieg und Zerstörung, aber auch die Schönheit der Welt.

Große Aufmerksamkeit brachte ihm das 1984 in einem pakistanischen Flüchtlingslager porträtierte „Afghanische Mädchen mit den grünen Augen“. Das „Pressefoto des Jahres“ war eigentlich ein Zufallsbild, das am Rande eines Besuchs McCurrys in einer provisorischen Zeltschule entstand. 2002 machte sich McCurry gemeinsam mit seiner Schwester auf die Suche nach der inzwischen erwachsenen Frau, konnte sie ausfindig machen und nochmals porträtieren.

Das Wetzlarer Ernst-Leitz-Museum zeigt aktuell eine Auswahl herausragender Reisebilder, die der Fotograf aus zehntausenden Fotografien der vergangenen 40 Jahre selbst zusammengestellt hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 10. Oktober zu sehen.

Auch die Bilder zu diesem Interview hat Steve McCurry eigens für die Veröffentlichung in der FR ausgewählt. aph

Für Ihre aktuelle Ausstellung im Wetzlarer Ernst-Leitz-Museum haben Sie Lieblingsbilder aus 40 Jahren Karriere herausgesucht. Kommt man dabei auch ein wenig ins Grübeln?

Fotografieren und Reisen, das war es, was ich wollte. Ich habe nie zurückgeschaut und etwas bereut. Ich wollte immer selbstständig sein als Fotograf. Das ist zwar eine riskante, unsichere Art der Existenz. Aber das war für mich viel besser, als ein Leben als Angestellter bei einer Zeitschrift. Andere hatten ein Haus und einen Garten und haben am Wochenende Tennis gespielt. Aber ich wollte Abenteuer haben.

Wie wird man denn Reisefotograf - dazu braucht es ja mehr als nur Handwerk?

Man braucht schon eine gewisse Courage und sollte die Haltung haben, dass man es wirklich machen will, selbst wenn es einen umbringt. Als andere eine Familie gegründet haben, war ich weg und habe die Welt fotografiert. Aber das hat mir viel Freude gemacht, das muss ich schon sagen. Jeder hat wohl eine Haltung zum Leben, da gibt es kein Falsches oder Richtiges, glaube ich.

Inder, bedeckt mit Farben des Holi-Festvals (2009)

Sie sind weiter gereist als die meisten anderen Menschen. Wann haben Sie damit angefangen?

Das erste Mal im Ausland auf großer Reise war ich als Kind, da sind wir nach England geflogen und dann durch Europa gereist, wir waren in Deutschland, Frankreich, Spanien, Belgien, Dänemark, Schweden und Italien. Später bin ich mit ein paar Freunden und einem gemieteten Auto quer durch Südosteuropa gefahren: Jugoslawien, Bulgarien, Istanbul. Schon als ich nach Jugoslawien kam, sah ich den großen Unterschied. Und Istanbul! Da war alles ganz dramatisch anders. Dann war ich einen Monat lang in Israel und im Jahr darauf in Afrika. Das hat mich umgehauen. Das war eine Verwandlung. Im nächsten Jahr bin ich dann nach Lateinamerika getrampt. Da habe ich entschieden, dass Reisen ein Teil meines Lebens werden soll.

In diesen Jahrzehnten hat sich das Reisen unglaublich gewandelt, und auch das Fotografieren. Stört Sie das massenhafte Geknipse, dem wir ständig ausgesetzt sind?

Es ist gut, dass inzwischen jeder eine Kamera in seinem Handy hat und fotografieren kann, wo immer er will. Bei George Floyd beispielsweise war es gut, dass jemand dabeistand, sonst würden wir die Wahrheit gar nicht kennen. Das verdanken wir der Person, die das gefilmt hat. Ich glaube, die Leute lernen, immer besser damit umzugehen. Heute kann jeder Botschaften auf seinem Handy verfassen, Gedichte oder Musik schreiben, selbst Bücher publizieren, immer und überall auf der Welt. Das macht es aber noch nicht zur Kunst oder überhaupt interessant oder gut.

Das Wadi Rum Tal in Jordanien gehört zum Unesco-Welterbe (2019).

Wenn man heute unterwegs ist, ist man nur noch selten allein - es sei denn, es ist gerade eine Pandemie.

Reisen ist heute schon sehr anders, auf viele Arten. Die Welt ändert sich mit großer Geschwindigkeit, allein schon Kleidung. Internet, Massenkommunikation, der Musikgeschmack. Venedig ist so ein schönes Beispiel. Die Stadt ist überrannt von den Massen, und das ist an vielen Orten der Welt nicht anders. So geht viel Charme verloren. In China ist wohl inzwischen die meiste historische Architektur abgerissen und durch Wolkenkratzer ersetzt worden. Aber das sind eben Tatsachen, es lässt sich nicht aufhalten. Das ist wohl Fortschritt.

Das klingt aber schon pessimistisch.

Ich versuche, nicht ständig daran zu denken, dass inzwischen überall Touristen sind. Es ermüdet. Da steigt man für 20 Minuten aus dem Bus und läuft ein bisschen umher. In so kurzer Zeit lässt sich keine Kultur entdecken. Da kann man dann vielleicht sagen: Ich war in Venedig, auch wenn man nur fünf Minuten dort war. Aber der Reichtum, die Schönheit, die Kunst! Es endet einfach mit Lärm. Aber das ist eben die Welt, in der wir leben. Und vielleicht ist es ja besser, fünf Minuten in Venedig zu sein als niemals.

Jetzt muss ich aber doch noch mal nach Ihrem berühmtesten Bild fragen, der Fotografie eines jungen afghanischen Mädchens mit grünen Augen. Nervt es Sie, dass sich dieses eine Bild so sehr in den Vordergrund drängt?

Man muss dankbar sein, wenn Menschen die eigene Arbeit bewundern. Wenn sie mehr darüber wissen wollen. Das muss man respektieren und ihre Fragen beantworten. Auch wenn es zum millionsten Mal ist. Obwohl ich schon zugeben muss, dass ich mich manchmal bei Interviews frage, warum der Interviewer sich nicht ein paar Minuten Zeit genommen und die Geschichte zum Bild vorher gegoogelt hat.

Das berühmte Bild des afghanischen Mädchens mit den grünen Augen (1984).

Ihr Werk ist ja viel umfangreicher, das zeigt jetzt auch die aktuelle Ausstellung in Wetzlar. Am Schluss unseres Gesprächs muss ich Ihnen ja doch noch gestehen: Ich bin mit Ihren großartigen Fotos in den Illustrierten aufgewachsen. Wie gelingen einem so meisterhafte Bilder?

Fotografie, das sind viele Dinge, die vielen Menschen etwas anderes bedeuten. Das ist ja bei Ihnen doch auch so, wenn Sie schreiben. Ob das ein Kunststück oder ein Gedicht wird oder eine journalistische Arbeit, es besteht alles aus Wörtern.

Interview: Andreas Hartmann

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