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Ehrfürchtig: Für die Jungen gehört das Ritual zum Erwachsenwerden.

Beschneidung

Sterben für die Männlichkeit

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Allein dieses Jahr sind bereits 21 junge Männer in Südafrika bei Initiationsriten gestorben. Die Regierung versucht, die gefährliche Tradition zu reglementieren. Traditionelle Führer werfen ihr Zensur vor.

Dezember ist auch in Südafrika der Weihnachtsmonat. Die Hauptreisezeit für den Sommerurlaub. Und Hochsaison für den Tod männlicher Jugendlicher. Im Dezember finden im Land die Initiationsriten für Zigtausende schwarzer Heranwachsender statt, die so in die Männerwelt überführt werden sollen.

Die Jungen ziehen sich mit älteren Unterweisern meist für mehrere Wochen in Wälder, ins Buschland oder die Berge zurück, um dort auf das entbehrungsreiche Erwachsenenleben vorbereitet zu werden. Sie leben in Unterständen aus Stroh, trinken lediglich den Saft zerstampfter Maiskörner und werden am Ende ihrer Einweisung beschnitten – zumindest wenn sie, wie etwa Nelson Mandela, dem Volk der Xhosa angehören.

In seiner Biografie „Der lange Weg zur Freiheit“ beschrieb der südafrikanische Häuptlingssohn den schmerzhaften Schnitt mit dem Buschmesser sehr eindrücklich. Mandela hatte damals Glück – er überlebte die Prozedur gemeinsam mit seinem Geschlechtsteil relativ unversehrt. Anders geht es jährlich Dutzenden von Jünglingen, die regelrecht verdursten oder deren Penis sich entzündet. Noch mitten in der Hochsaison sind in dem zu Ende gehenden Jahr 2018 bereits 21 der sogenannten Initiationsschüler gestorben. „Eine endlose nationale Katastrophe“, schimpft ein Radiomoderator.

Die meisten tödlichen Fälle werden aus der Ostkap-Provinz, dem traditionellen Siedlungsgebiet der Xhosa, gemeldet. Dort sollen zwei junge Männer an den Folgen von Dehydrierung gestorben sein, einer verbrannte in seinem Unterschlupf aus Stroh, ein anderer habe sich erhängt, hieß es. Die Mehrzahl der diesjährigen Initiationsschüler erlag allerdings Blutvergiftungen, die sie sich durch die rituelle Beschneidung mit schmutzigen Messern zugezogen hatten. Fachleute schätzen, dass in den vergangenen zehn Jahren allein in der Ostkap-Provinz mehr als 1000 junge Männer ihren Penis in Folge von Entzündungen nach ihrer Beschneidung verloren haben.

Die Initiationsriten werden von traditionellen Unterweisern durchgeführt, die ihre „Schule“ eigentlich registrieren lassen und auch gewisse hygienische Standards einhalten müssen. Immer wieder wird allerdings die Existenz nicht lizenzierter Einrichtungen bekannt. Drei solcher illegalen Schulen wurden vor kurzem geschlossen – ihre Besitzer wurden angezeigt.

Der Verband traditioneller Führer in Südafrika, Contralesa, warf der Regierung indes vor, die traditionellen Schulen nicht ausreichend zu unterstützen: Die Krise um die Initiationsriten müssten zum „nationalen Desaster“ erklärt werden, forderte Contralesa-Sprecher Olile Ndevu. Dagegen steht die Regierung auf dem Standpunkt, dass sich Familien, Gemeinschaften und traditionelle Führer diesem Thema selbst gemeinsam widmen müssen. „Das ist keine Angelegenheit des Staates“, sagte ein Sprecher der Ostkap-Regierung.

Forderungen nach einem Verbot der seit Jahrhunderten ausgeübten Praxis trat der Contralesa-Verband entschieden entgegen: „Wenn wir das abschaffen, dann gibt es gar nichts mehr, was wir Afrikaner feiern und genießen können“, sagte Sprecher Ndevu. Neben der Registrierungspflicht für Initiationsschulen erließ die Regierung in Pretoria auch Richtlinien für deren Praxis, worunter etwa Vorschriften zur Versorgung der Jugendlichen mit Trinkwasser und die Verwendung sterilisierter Messer bei der Beschneidung gehören. Die Jugendliga des Contralesa-Verbands forderte unterdessen, neben den illegalen Initiationsschulen auch die Eltern der Jugendlichen vor Gericht zu stellen, falls diese ihre Kinder wissentlich einer nicht registrierten Einrichtung anvertrauen.

Das Phänomen hat in Südafrika bereits zu einem neuen medizinischen Geschäftszweig geführt: Der Rekonstruktion oder Transplantation von Geschlechtsorganen. Am Kap der Guten Hoffnung wurden bereits zweimal Penisse transplantiert. So einen Eingriff gab es zuvor in keinem anderen Land. Wesentlich häufiger werden neue Glieder aus Haut und Nerv rekonstruiert, die entweder dem Unterarm oder dem Oberschenkel entnommen werden. Umgerechnet kostet eine derartige Prozedur mehr als 30.000 Euro.

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