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„Liebesbedürftig wie ein Hund“: Ein Kakapo mit Michael Lierz, einem seiner Fortpflanzungs-Experten.

Papageien-Art

Stelldichein mit Kakapo

Um die kuriose Papageien-Art zu retten, wird in Neuseeland schon mal das Sperma der Vögel per Drohne von Insel zu Insel geflogen.

Der Kakapo sei der „größte, fetteste und flugunfähigste Papagei der Welt“, schrieb der britische Zoologe Mark Carwardine einmal. Der Vogel wäre vor wenigen Jahren fast ausgestorben, weil ihn Ratten, Marder, Frettchen, Katzen und andere Tiere bedrohten, die Siedler eingeschleppt hatten. Doch nun helfen Forscher den Kakapos bei der Partnervermittlung – und deren Zahlen steigen wieder.

In Neuseeland gab es früher keine Säugetiere, daher mussten sich die Kakapos nicht auf diese Feinde einstellen: Sie lebten auf dem Waldboden, legten dort ihre Eier, sie mussten nie – obwohl sie nicht fliegen können – besondere Verteidigungsstrategien ausbilden. Das wäre ihnen beinahe zum Verhängnis geworden. Am Tiefpunkt des Artbestands in den 1990er Jahren gab es weniger als 50 Exemplare. Heute sind es wieder dreimal so viele – dank der Experten aus Deutschland und anderen Ländern.

Neuseeland ist aufgrund seiner abgeschiedenen Lage, dank derer sich Pflanzen und Tiere lange Zeit ungestört vom Rest der Welt entwickeln konnten, auch Heimat von so manchem komischen Vogel. Dazu zählen das Wappentier, der Kiwi, der ebenfalls nicht fliegen kann und nahezu blind durchs Unterholz tappt, und der kecke Papagei Kea, der gern Nägel aus Dächern reißt oder auf fahrenden Autos mitsurft.

Auch der Kakapo, dessen Name sich aus den Maori-Wörtern „kaka“ (Papagei) und „po“ (Nacht) zusammensetzt, ist nicht einfach ein nachtaktiver Papagei. „Sie sind Vögel, aber sie verhalten sich nicht wie Vögel. Jeder von ihnen hat seine unverwechselbare Persönlichkeit“, erklärt der Wissenschaftler Andrew Digby, der für das Kakapo-Bestandsprogramm der Naturschutzbehörde (DOC) arbeitet. Auch Zoologe Carwardine beschrieb den Kakapo als „liebesbedürftig wie einen Hund und verspielt wie ein Kätzchen“. Zudem könne er sich zur Größe und Statur eines Fußballs aufpusten.

Mittlerweile leben auf Codfish Island (Whenua Hou) und Anchor Island (Puke Nui) abseits der Küste von Neuseelands Südinsel wieder knapp 150 Tiere. Auf den entlegenen Inseln sind sie sicher vor den Säugetieren, die in andere Teile Neuseelands eingeschleppt wurden. Die Papageien teilen sich die Inseln mit Wissenschaftlern, Naturschutz-Mitarbeitern und Freiwilligen, die unermüdlich für die Vögel im Einsatz sind.

„Verspielt wie ein Kätzchen“: Ein Kakapo füttert sein Küken.

Tatsächlich sieht es gut aus für den Kakapo: Fast alle Weibchen haben Eier gelegt, manche sogar zweimal. Aus insgesamt 249 Eiern schlüpften schließlich 75 Küken. Nicht alle davon werden wohl überleben. „Wir hoffen auf mindestens 50. 60 wären wundervoll“, sagt Wissenschaftler Digby.

Unterstützung erhalten die Tiere dabei auch aus Deutschland. Der Vogel-Fortpflanzungs-Experte Michael Lierz und sein Team von der Universität Gießen arbeiten bei dem Artenschutzprogramm mit. „Das Hauptaugenmerk liegt darauf, Männchen einzubinden, die bislang noch keine Nachkommen gezeugt haben“, erklärt Lierz.

Die Wissenschaftler sammeln Spermaproben und untersuchen deren Qualität. „Dabei wird das Sperma in den allermeisten Fällen mittels Massagetechnik entnommen“, erläutert Lierz. Die Forscher können zudem auf Erbgutdaten aller lebenden Kakapos zurückgreifen, die in einem kürzlich fertiggestellten Projekt zusammengetragen wurden.

Mit diesen Informationen können sie entscheiden, welches Weibchen Sperma von welchem Männchen erhalten sollte. Wegen des kleinen Genpools ist das essenziell für das Überleben der Art, denn manche der Männchen bekommen nicht die Chance, sich zu paaren und brauchen Unterstützung. Bei den Weibchen helfen die Forscher nach der Paarung mit künstlicher Besamung nach. „Weibchen, die sich mit mehr als einem Männchen paaren, legen eher befruchtete Eier“, erklärt Lierz.

Alle Kakapos tragen Sender, die Daten über ihren Ort und ihr Verhalten aufzeichnen. So erfahren die Forscher auch, wenn sich zwei Papageien gepaart haben, was zugleich bedeutet, dass das Weibchen gerade fruchtbar ist. Dann müssen sie ein Männchen für die künstliche Besamung auswählen und es fangen. Auf dem unwegsamen Gelände der Insel bedeutet das zum Teil stundenlange Fußmärsche. „Wenn sie auf einem Baum sitzen und wir nicht an sie heranreichen, laufen wir weiter zum nächsten Männchen“, sagt Lierz. Kakapos sind Klettermeister.

Bekommen die Wissenschaftler dann tatsächlich eine Samenprobe, muss das Team das entsprechende Weibchen finden, das sich möglicherweise auch in einer Baumkrone versteckt. Um das Sperma über die Insel zu transportieren, nutzen die Wissenschaftler seit diesem Jahr erstmals eine Drohne – den „Spermakopter“, wie ihn die Wissenschaftler getauft haben.

So anstrengend die Partnervermittlung für Kakapos ist, so sehr genießt Lierz die Arbeit in Neuseeland mit den gefährdeten Tieren: „Jeder Schritt auf dieser Insel ist wie ein Gang durchs Paradies.“ (Jule Scherer, dpa)

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