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Mitfahrgelegenheit gefunden: Bambach sichtlich gutgelaunt auf dem Beifahrersitz.  

Reisebuch

Steig ein!

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Wenigstens träumen lässt sich vom Reisen noch. Und das Buch von Patrick Bambach lädt dazu ein: Er trampte vom Sauerland bis nach Israel.

In Zeiten wie diesen über weite Reisen, über das Unterwegssein, über Tausende Kilometer auf Achse zu schreiben, kann hart sein. Erst recht, wenn man selbst ein Getriebener ist, für den das Reisen ein elementarer Bestandteil des Lebens ist. Aber es kann auch etwas Befreiendes haben, wenigstens in Gedanken weit weg zu sein. Patrick Bambach nimmt einen in diesem Fall mit.

Bambach hat, wie viele Menschen vor ihm, ein Buch über eine seiner Reisen herausgebracht. Es war eine besondere Reise, die ihn vor einigen Jahren aus seiner sauerländischen Heimat über den Iran bis nach Tel Aviv führte. Denn diese 16.000 Kilometer ist Bambach getrampt. Auch sein Bericht darüber ist besonders, weil er nicht einfach Anekdote an Anekdote reiht.

Er schaut hinter die Kulissen der bereisten Länder, erzählt von zwischenmenschlichen Begegnungen, gibt den Leserinnen und Lesern mit seinen Erfahrungen auch sechs Jahre später noch eine Haltung mit auf den Weg, die heute wichtiger denn je sein kann. Selbstverständlich ist schon die Reise an sich spektakulär. Sie begann auf einem Autobahnrastplatz zwischen Olpe und Siegen, wohin der 1987 geborene Patrick von seinen Eltern gefahren wurde.

Und sie begann „mit Warten. In Vertretermanier und mit vergleichbarer Würdigung durch die Angesprochenen beginne ich mein Handwerk. Ich spreche Leute beim Tanken an, ernte eine halbe Stunde Kopfschütteln und Schweigen“. Dann fand er seine erste Mitfahrgelegenheit, zwei weitere später war er in Prag, dem ersten Zwischenstopp.

Die nächsten Stationen hießen etwa Budapest, Belgrad, Sofia, Istanbul, Kayseri, Tiflis, Erbil, Teheran, Dubai, Muscat, Amman und schließlich Tel Aviv. Fragt man Patrick nach seinen Höhepunkten, muss er zwar kurz überlegen und würde am Ende „die ganze Reise an sich“ nennen. Müsste er sich aber festlegen, könnte er auch das. Zum einen auf den Lykischen Weg, eine Wanderroute in der Türkei. Zum anderen auf die iranische Insel Hormus im Persischen Golf, die voll ist von buntem Gestein und überzogen mit Salzkruste.

Landschaften entdeckt: Eine Felsenschlucht in Jordanien.

Nicht die ganze Route fand auf dem Landweg statt, das bringt die Landschaft manchmal so mit sich. Einmal nahm er eine Fähre, vom Oman ging es mit dem – so nennt es Bambach – „Plane of shame“ nach Jordanien. Und auch den Heimweg bestritt er mit dem Flugzeug. Von März bis August 2014 war der Tramper unterwegs. Dass das Einsteigen in fremde Autos zu seiner bevorzugten Art des Reisens wurde, war aber früh klar.

Wer im Hochsauerland aufwächst, im Dörfchen Oberelspe, der kommt meist gar nicht anders wieder heim, wenn er abends im Nachbarort in der Kneipe war. Wer dann bei der Bundeswehr in Hemer – ebenfalls Sauerland, knapp 45 Kilometer entfernt – stationiert ist und dank des Sturms Kyrill sämtlicher Alternativen beraubt ist , der fährt dann fast jede Woche bei Fremden mit nach Hause. So jemand kommt dann schnell auf den Geschmack.

Nach dem Abi ging es per Flugzeug nach Griechenland – und trampend nach Hause. Dann begann Bambach sein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart. Wie er regelmäßig in seine Heimat gefahren ist, dürfte klar sein. In den Urlaub ging es genauso, unter anderem auch mal anderthalb Monate durch Japan.

Straßen besetzt: Warten auf den nächsten Lift in Georgien.

Und dann kam die große Reise. „Ich wusste, dass ich nur nach dem Studium die Zeit haben werde, so eine Tour zu machen“, sagt Bambach. Man könnte sagen, er wollte sich vor dem Ernst des Lebens drücken. Also ließ er alle Jobangebote sausen oder zögerte so lange, bis man ihn hat sausen lassen. Stattdessen also 16000 Kilometer auf Achse, ohne zu wissen, wo man am nächsten Tag ist.

Klar war für ihn nur, dass es unter anderem auch in den Iran gehen sollte. Zu verdanken war das einem Tipp seines damaligen Mitbewohners. Viel mehr Gedanken hatte sich Patrick Bambach allerdings nicht gemacht. Oder in seinen eigenen Worten: „Zum Mond sind die USA laut Kennedy ja nur geflogen weil es schwierig ist. Nicht etwa, weil es notwendig war, sich jemand viel dabei gedacht oder irgendwer dort oben den Herd angelassen hatte.“

Worüber er sich aber Gedanken gemacht hat und bis heute macht, sind die Erlebnisse auf seiner Reise. Auf seiner „vertrauensbildenden Maßnahme, um Menschen kennenzulernen“, wie er beschreibt. Für ihn ist Trampen mehr als eine günstige Möglichkeit, um von A nach B zu kommen.

„Ich trampe, weil es mich interessiert, was dazwischen liegt.“ Es ist eine Möglichkeit, „etwas über die Einstellungen der Menschen eines Landes zu erfahren“. Und diese Einstellungen sind so vielfältig wie die Länder und die Menschen selbst.

Dabei reicht die Bandbreite seiner Bekanntschaften von usbekischen Prostituierten und kurdischen Kämpfern, über gastfreundliche Iraner, die ihm einen – unfreiwilligen – Opiumrausch spendieren, bis hin zu hilfsbereiten Fahrern mit Kalaschnikow auf dem Rücksitz. Mit all diesen Menschen Zeit zu verbringen, zumindest einige Minuten oder Stunden des dann gemeinsamen Lebens, und dadurch „merken, was ein Land bewegt“ – für Patrick Bambach ein Lehrstück in Sachen „Cultural Awareness“, Kulturbewusstsein.

Durch seine Kontakte lernte er etwa, „dass man sich im Oman anders begrüßt als in Kolumbien“, wo er auf einer anderen Reise war. An diese Standards sollte man sich auch erst einmal halten, wenn man neu in einem Land ist, sagt er. „Auch ich hatte und habe meine Vorurteile, wenn ich irgendwo hinreise. Also teste ich mich langsam vor, wenn ich ankomme, bis ich die Kultur begriffen habe.“

Eine Sache hat er begriffen, die ihm bis heute hilft. „Ich habe auf der Reise mit allen Menschen unvoreingenommen gesprochen. Und unvoreingenommen zugehört.“ Das sei nicht immer einfach gewesen. „Ich bin schon Menschen mit, sagen wir mal, dubiosen Weltbildern begegnet.“ Antisemiten, Islamisten, Regimetreue – „nette Menschen mit nicht so netten Überzeugungen“.

Für Bambach kein Grund, die Gespräche abzubrechen. Ganz im Gegenteil. Denn „das waren meist die spannendsten Gespräche, wenn ich versucht habe zu verstehen, woher ihre Überzeugungen kommen“. Auch das ist eine Form der „Cultural Awareness“.

Patrick Bambach: Per Anhalter durch den Nahen Osten. Eden Books, Hamburg 2020. 272 Seiten, 16,95 Euro.

Bambach hat bei diesen Gesprächen verstanden, dass etwa der Iraner, mit dem er sprach, nicht aus freier Überzeugung dem Regime die Treue hält. „Er kennt einfach nichts anderes, ist im Fernsehen der Propaganda ausgesetzt, kann nicht viel reisen, wurde einmal in Frankreich beim Asylgesuch abgelehnt. Wieso sollte es mir zustehen, seine daraus resultierende Meinung zu verurteilen?“

Von dieser „Erweiterung meines Erfahrungshorizontes“ zerrt Bambach bis heute. Klar, „vor Nazis hätte ich trotzdem Angst“, sagt er. Aber ansonsten geht er auch im Alltag unvoreingenommen auf die Menschen zu. Genau das macht Reisen aus: Erfahrungen von dort mitzunehmen in die Zeit bis zur nächsten Tour. Nach seiner beeindruckenden Reise damals blieb Patrick Bambach allerdings kaum Zeit, all die Eindrücke richtig zu verarbeiten und zu reflektieren.

Denn der Schritt in den Ernst des Lebens, den er in den Monaten auf Reisen erfolgreich verdrängt hatte, kam schneller als gedacht. Zwei Wochen nach seiner Rückkehr hatte er ein Vorstellungsgespräch, eine Woche später fing er an. Seitdem forscht Bambach als Ingenieur am Göttinger Max-Planck-Institut zum Sonnensystem und arbeitet an Raumfahrtmissionen mit. Ob es dabei auch um die Möglichkeit ging, ins Weltall zu trampen, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich würde Patrick Bambach auch das schaffen.

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