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Ganz der Alte: Waggershausen wundert sich, „dass es da noch so viele Verrückte gibt, die das cool finden“.

Interview

Stefan Waggershausen: „Ich freu’ mich, wenn ich nicht träume“

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Stefan Waggershausen spricht über große Erfolge und kleine Narben, alte Zeiten und neue Projekte.

So nah am Feuer / so nah am Tabu / wir küssen die Nacht / nur ich und du …“ – Stefan Waggershausen und Alice im Duett, das war der Sound der 80er. Was hat uns der Waggershausen damals im Sommer am Baggersee und im 2CV alles ins Ohr gesetzt: „Hallo, Engel“, „Es geht mir gut“, „Verzeihen Sie, Madame“. Und dann, am Ende des Jahrzehnts, mit Viktor Lazlo: „Das erste Mal tat’s noch weh“.

Waggershausen wollte nicht nur ein Feuer entfachen, sondern die Zuhörenden gleich noch trösten. Irgendwie war er immer da. Im Kofferradio. Auf Kassette. Im Walkman. Songs für ein Jahrzehnt, das zumindest gefühlt nur aus Sonne bestand. Und die Glut der 80er glimmt noch immer, auch wenn Waggershausen inzwischen ein grauer Wolf geworden ist. Dazwischen hatte sich der Singer/Songwriter ziemlich rar gemacht.

Wir kennen uns. Seit 40 Jahren. Was ihm durch Kopf und Herz gegangen ist – ich hab immer hingehört. Bisweilen machte unsere Beziehung eine lange Pause. Da war der Waggershausen einfach mal weg und hat seine Songs irgendwo anders gemacht, in Louisiana, in Paris oder Italien. Im Februar ist er 70 geworden – und hat nach acht Jahren Sendepause ein neues Album veröffentlicht: „Aus der Zeit gefallen“.

Das scheint der Waggershausen auch selbst manchmal – mit seiner handgemachten Musik, mit Titeln, die manchmal über sechs Minuten lang sind. Seine Stimme ist mit der Patina des Lebens reifer und tiefer geworden. Ja, und der Blues hat sich weiter ausgebreitet. Einer der 19 Titel: „Ich kenn mich aus mit dem Blues“. Eine musikalische Kurzgeschichte aus der Bar.

Und jetzt stehen auch wir in einer Münchner Bar, ganz allein, auf einen Drink und ein Gespräch, das der Interviewte selbst beginnt. „Coole Stimmung hier“, sagt er.

Ja, besonders wenn die Bar eigentlich geschlossen ist und für den Abend fertig gemacht wird. Wenn es klappert und sich die Kellner aufs Korn nehmen …
Ich hab’ sicherlich ein Viertel meines Lebens in Bars verbracht – als totaler Nachtmensch. Heute trink’ ich zwar noch immer weißen Burgunder, aber manchmal auch grünen Tee. Früher bin ich in den Bars länger hängengeblieben. Das Nachtleben hat mich immer fasziniert. Wahrscheinlich war es wie bei Frank Sinatra, der, umzingelt von Drinks, darauf gewartet hat, bis die Nacht vorbei ist. Ich kann eigentlich erst anfangen zu denken, wenn keiner mehr anruft und keiner mehr um mich herum da ist – also nachts.

Sind die Menschen nachts anders als tagsüber?
Kommt darauf an, welche.

Was ist mit Dir?
Ja, doch. Nachts bin ich ich. Tagsüber bin ich disziplinierter.

In den Bars ist nachts der Blues daheim …
Der begegnet dir da toujours.

Im Lied „Ich kenn mich aus mit dem Blues“ fragst Du: „Wer hat dir die Flügel verbrannt?“ Also: Wer hat sie Dir verbrannt?
Ist mir auch schon ’n paar Mal passiert … Und dann versteckt man eben die Trauer hinter seinem Lachen. Kennt jeder.

Du warst einer der großen Stars der 80er Jahre – wie war das?
Ich hab’ mich nie als Star empfunden, ich war immer derjenige, der Lieder macht. Und wenn andere Leute meine Songs gut fanden – klasse. Ich hab’ mich nicht verändert, es waren eher die Leute, die eine andere Erwartungshaltung an mich hatten. In den 70er Jahren habe ich viel ausprobiert und keinen Erfolg gehabt – das hat mich geerdet. So konnte ich mit dem Erfolg später auch anders umgehen. Aber klar, ich bin reifer geworden, erwachsener, auch lässiger und gelassener. Ich renn’ dem Glück nicht mehr hinterher, ich lass es zu mir kommen.

Jetzt gerade scheint es tatsächlich zu kommen: Platz 15 in den Album-Charts. Wie feierst Du Deine Erfolge?
Ich hab’ immer eher eine innere Freude. Als das Album gechartet ist, war ich mit meinem Sohn Marlon auf Promo-Tour. Wir saßen in Düsseldorf in einer Kneipe, ich hab’ einen Whisky getrunken, er drei, und wir haben uns mannhaft in die Augen geschaut. Das war das Zelebrieren.

Wie war Euer Verhältnis all die Jahre? Marlon ist 33 Jahre alt und leitet ja Deinen Musikverlag Miau in Berlin …
Unsere Beziehung war immer cool. Als Marlon klein war, war ich viel weg auf Tourneen. Da hab’ ich angefangen, ihm ausgedachte Geschichten zu erzählen, hab’ Figuren erfunden und das immer wieder fortgesetzt – oft mit wochenlanger Pause. Was ich längst vergessen hatte – er wusste immer genau, wo wir stehen geblieben waren. Aus diesen Erzählungen ist das Albumprojekt „Wolke 7“ entstanden.

Bist Du glücklich mit Deinem Leben?
Ja, ich bin glücklich. Ich habe mit 14 Jahren mein erstes Beatles-Lied im Radio gehört und mich entschieden, Musik machen zu wollen. Und jetzt stelle ich nach über fünf Jahrzehnten fest, eigentlich hab’ ich nichts, fast nichts falsch gemacht. Glück gehabt.

Aber Du fühlst Dich aus der Zeit gefallen?
Der Titel ist der Tatsache geschuldet, dass sich
in der Musikbranche die Produktionsweisen stark verändert haben. Es muss schnell gehen, es muss alles chart- und hitparadenfähig sein, kein Song länger als drei Minuten und jeder für Playlists. Ich bin der Gegenentwurf. Wir sind eine eigene kleine Zwei-Mann-Company und machen alles vom Verlag über das Label bis zu den Videos selber. Und zwar so, wie wir es gut finden. Jeder Ton ist echt.

Du nimmst es sehr genau; manche Songs gibt es in vielen verschiedenen Versionen, wie „Die Drinks sind getrunken“. Am Ende landete trotzdem nur eine Version auf dem Album.
Musik mach’ ich ja in erster Linie für mich. Doch wenn ich jetzt auf Facebook die Kommentare anschaue, dann freue ich mich, dass es da noch so viele Verrückte gibt, die das cool finden.

Acht Jahre sind vergangen seit Deinem letzten Album. Davor waren es 14 Jahre Pause – rar machst Du dich schon …
Zwischendurch mach’ ich ja auch noch was anderes: Mit Otto Waalkes habe ich dieses „Ice Age“-Projekt gemacht, wofür wir zusammen Lieder geschrieben und produziert haben – und schon war wieder ein Jahr weg. Daneben schreibe ich Songs für andere Kollegen und mache Musik für Film und TV.

Live bist Du schon lange nicht mehr aufgetreten …
Ja, 25 Jahre nicht mehr. Was ich mir jetzt vorstellen kann: drei, vier, fünf Unplugged-Konzerte im kleinen Rahmen. In den 80er Jahren war ich auf der Überholspur, dann hab ich in Louisiana ein anderes Lebensgefühl gefunden; so hat sich auch mein Musikstil verändert. Ich würd’ nicht sagen, dass ich ruhiger geworden bin, aber jetzt geb’ ich bewusster Gas. So ein Singer/Songwriter hat doch ein schönes Leben: Du machst deine Erfahrungen, bekommst irgendwelche Narben, und du verarbeitest sie in deinen Liedern.

Mit Deinem Psychologiestudium hast Du dafür ja auch ein gutes Fundament. Wovon träumst Du?
Ich freu’ mich, wenn ich nicht träume und relaxt durchschlafe. Wenn mich was beschäftigt, wache ich um 4.34 Uhr auf, denk’ drüber nach und fluche vor mich hin. Das sind dann die Momente, in denen ich an meine private Bar im Arbeitszimmer gehe und mir hemingwaymäßig einen Whisky eingieße – und dann schreib’ ich Lieder, dann verarbeite ich das so. Aber träumen im Sinne von wünschen … eher nein. Ich hoffe, dass das Glück zu mir kommt … Das Glück kann man sowieso nicht fangen!

Teil Deines Glücks dürfte der Bodensee sein, wo Du mit Unterbrechungen immer wieder gelebt hast …
Ja, ich bin Bodensee-Aborigine, aber ich hab’ noch etliche Koffer in Berlin, wo sprichwörtlich die Musik spielt. Ich bin aber auch gern in Louisiana, in Paris und Italien, ich bin gern unterwegs – immer noch! Der Bodensee ist Heimat – mit der Landschaft, den Menschen, der Kultur, dem Essen und Trinken.

Obwohl Du ja auch viel an der Isar warst …
In München hab’ ich oft gelebt und lange gelebt. Als ich Psychologie studiert habe, habe ich all meine Praktika in München gemacht, und ich hab’ mich in den 70er und 80er Jahren viel bei der Bavaria-Film herumgetrieben, bevor ich dann bei der Ariola meinen Plattenvertrag unterschrieben habe – Monti Lüftner und Friedel Schmidt, die legendären Plattenbosse, hatten mir in München meinen Start ermöglicht.

Du scheinst eine treue Seele zu sein – mit Deiner Frau Stefanie bist Du auch seit Jahrzehnten verheiratet. Wie viele Lieder hast Du ihr gewidmet?
Ich hoffe schwer, sie weiß, was für sie war.

Lassen wir zum Schluss Deine Lieder sprechen: „Die Drinks sind getrunken … und die Engel fallen nicht mehr so oft vom Himmel herab.“

Interview: Ulrike Schmidt

Zur Person 

Stefan Waggershausenwurde 1949 in Friedrichshafen (Baden-Württemberg) geboren. 1971 zog er für ein Psychologiestudium nach Berlin. Während des Studiums begann Waggershausen als Regieassistent für Fernsehproduktionen zu arbeiten, komponierte erste Stücke fürs TV. Seinen ersten Plattenvertrag unterzeichnete er 1974, der große Durchbruch gelang ihm in den 80ern. Die Single „Das erste Mal tat’s noch weh“ von 1990 gehört zu seinen größten Hits. Das neueste Album „Aus der Zeit gefallen“ erschien im Februar. Waggerhausen ist verheiratet und hat einen Sohn, mit dem er den Miau Musikverlag betreibt. 

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