Rauchender Protest, aber vorbildlich mit Maske: Demonstrant vor dem Parlament in Kapstadt.
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Rauchender Protest, aber vorbildlich mit Maske: Demonstrant vor dem Parlament in Kapstadt.

Südafrika

Starker Tobak

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Im Zuge der Krise hat Südafrika den Zigarettenverkauf untersagt. Ob dahinter die Absicht steht, den Bürgerinnen und Bürgern ihr Laster abzugewöhnen, ist mehr als fraglich. FR-Korrespondent Johannes Dieterich jedenfalls entdeckt neue Wege, sich zu versorgen

Als ein Freund am Tag vor der Verhängung des südafrikanischen Lockdowns l��chelnd zu verstehen gibt, außer dem Verkauf von Alkohol werde auch der von Tabak verboten, sage ich: „Das glaubst du doch selbst nicht!“ Südafrika ist ein moderner Staat, und die Prohibition scheiterte bereits vor 100 Jahren. Anders als die leichtgläubigen Südafrikaner decke ich mich deshalb nicht mit Kippen ein, obwohl ich hier gleich mal einräumen möchte: Ich rauche drei Zigaretten am Tag. Sie tragen zur Erhebung meines Lebensgefühls wie der Weihrauch zum Wohl eines guten Katholiken bei.

Am vierten Lockdown-Tag hat sich meine letzte Kippe in Rauch aufgelöst. Die Erwartung, schnell jemanden zu finden, der mir meinen Fix unter dem Ladentisch zuschieben würde, stellt sich als naiv heraus: In sämtlichen Supermärkten und Tankstellen sind die Tabak-Regale leergeräumt, die Rauchwarengeschäfte bleiben gleich ganz verrammelt. Allmählich sickert die Erkenntnis durch: Die haben es tatsächlich ernst gemeint.

„Die“ sind die Mitglieder des „National Corona Command Council“ (NCCC), der seit Verhängung des Katastrophenzustands das Kommando im Kampf gegen das Virus übernommen hat. Dem Rat steht Staatschef Cyril Ramaphosa vor, doch seine Geschäfte führt die Ministerin für Regierungsangelegenheiten, Nkosazana Dlamini-Zuma. Die geschiedene Frau des nach unzähligen Korruptionsskandalen vor zwei Jahren abgesetzten Präsidenten Jacob Zuma gilt als graue Eminenz des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses: Sie saß seit der Wende 1994 in jedem Kabinett, bis sie vor acht Jahren sogar zur Kommissionsvorsitzenden der Afrikanischen Union gekürt wurde. Danach bewarb sie sich um die Nachfolge ihres ehemaligen Ehemanns, unterlag jedoch knapp dem Reformer Ramaphosa. Obwohl sie als Kandidatin des korrupten Zuma-Lagers galt, holte sie der neue Präsident in sein Kabinett – wohl nach dem Grundsatz: Halte deine Freunde nah und deine Feinde noch näher.

Wo Dlamini-Zuma (kurz: NDZ) politisch angesiedelt ist, weiß keiner so genau. Sie gibt höchstens jedes Schaltjahr ein Interview und hat eine Aura, wie ich sie von der steinzeitlichen „alten Parre“ aus meinem Kinderbuch Rulaman kenne. Nur eines weiß jeder: Sie hasst das Rauchen. Schon als Gesundheitsministerin im Nelson-Mandela-Kabinett führte die ausgebildete Medizinerin erbitterte Feldzüge gegen die Kippen-Industrie, mit mäßigem Erfolg.

Mit Corona sah die Rauchzüglerin ihre Chance gekommen. Weil das Virus die Lungen befällt, ließ sich ein Zigarettenverbot bestens begründen: Um den künftigen Ansturm auf die Krankenhausbetten zu minimieren, sollten die rund elf Millionen Raucher des Landes gefälligst von ihrer gefährlichen Gewohnheit lassen. Par ordre du mufti.

Um das wahnwitzige Unterfangen verstehen zu können, muss man etwas mehr über das Verhältnis südafrikanischer Politiker zur Bevölkerung wissen. Der Begriff „Führer“ (leader) ist am Kap der Guten Hoffnung nicht wie anderswo desavouiert: Regierungsmitglieder werden hier nicht als Dienstleister, sondern als Vorbilder und Autoritäten betrachtet. Umgekehrt sagen führende Politiker gerne „my people“, wenn sie von ihrem Wahlvolk sprechen – wie Hirten von ihren Schäfchen. Das klingt rührend, bekommt aber schnell einen bitteren Beigeschmack – vor allem wenn die Schäfchen zu bocken beginnen.

In unserem Fall zeichnete sich das nach drei Wochen ab, als der Lockdown erstmals verlängert wurde und die Kippen-Vorräte auch bei den Leichtgläubigen aufgebraucht waren. Vor allem weiße Wähler fluchten jetzt über den „Nanny-State“, dem Kindermädchen-Staat, und fühlten sich ihrer persönlichen Freiheiten beraubt. Psychologen fragten, warum my people ausgerechnet in ihren dunkelsten Stunden noch mehr Stress zugemutet werde. Und belesene Schäfchen wandten ein, dass Prohibition noch niemals in der Geschichte erfolgreich gewesen sei. Sie habe immer nur das kriminelle Souterrain der Gesellschaft aktiviert.

Meine erste Exkursion in Johannesburgs Unterwelt dauerte mehrere Stunden. Zunächst fuhr ich kleine Kioske an, bei deren meist ausländischen Betreibern ich keine allzu große Loyalität zu den Regeln der Kommandozentrale vermutete. Weil ich jedoch kein Stammgast war, waren die Kioskbesitzer skeptisch. Ich muss an jenem Samstagmorgen einen halben Tank Benzin verfahren haben und wurde zunehmend nervös. Angesichts der inzwischen allgegenwärtigen Überwachungskameras hätte selbst ein einäugiger Ordnungshüter vor seiner Monitor-Wand feststellen können, dass hier einer im Zickzack unterwegs war, der nichts Gutes im Schilde führte. Sich grundlos auf der Straße aufhaltende Passanten wurden damals von Polizisten gezwungen, sich im Staub zu wälzen. Und ein Mann, der auf seinem Grundstück Bier trank, wurde von mehreren Soldaten totgeschlagen. Das ist keine Schnitzeljagd, sage ich mir.

Schließlich wende ich mich an einen Straßenjungen, der mir den Weg zu einem etwas schäbigen Wohnhaus in meinem Nachbarviertel zeigt. In der von Tansaniern bewohnten Absteige ist von Zigaretten über Brandy bis Marihuana alles zu haben, was ein durchschnittlicher Südafrikaner zum Überleben so braucht. Gegen Aufpreis, versteht sich, konkret: rund fünf Mal mehr. Im Sortiment befinden sich nur Kippen, die selbst in normalen Zeiten an der Steuer vorbei auf dem Schwarzmarkt angeboten werden – und, gelinde ausgedrückt, gewisse Qualitätsprobleme haben. Wer diese Dinger auf Dauer raucht, braucht bald auch ohne Virus einen Ventilator. NDZ sei Dank.

Fünf Wochen nach Beginn des Lockdowns befragt ein renommiertes Forschungsinstitut Südafrikas Raucher, ob sie ihr schädliches Laster tatsächlich aufgegeben haben. Zehn Prozent sagen offenbar „ja“ – ich halte selbst diese Zahl für leicht übertrieben. In jedem Fall kaufen mindestens 90 Prozent der Raucher mittlerweile schlechte Kippen zum fünffachen Preis oder rauchen in Zeitungspapier eingewickelte Rooibos-Teeblätter, weil auch der Verkauf von Zigarettenpapierchen verboten ist. Spätestens jetzt hätte man erwarten können, dass die Kommandozentrale umdenkt: „Okay. Dann lassen wir das jetzt doch lieber wieder sein.“ Tatsächlich kündigt Ramaphosa in einer seiner TV-Ansprachen ein Ende des Kippen-Verkaufsverbots an – aber nur, um zwei Tage später von der grauen Eminenz auf seinen Platz verwiesen zu werden. „Der Bann bleibt“, sagt NDZ, „der Corona-Rat hat so entschieden.“

Nach den Gründen befragt, führt NDZ während eines TV-Auftritts, bei dem sie die neuen Lockdown-Bestimmungen halb in Englisch und halb in Zulu erläutert (obwohl höchstens die Hälfte der Südafrikaner Zulu versteht), nicht einmal die grundsätzliche Schädlichkeit des Zigarettenkonsums an. Denn kurz zuvor hatte eine französische Studie ergeben, dass Nikotin im Kampf gegen SARS-CoV-2 sogar hilfreich sein könnte. Stattdessen beschreibt sie die Gewohnheit von Township-Bewohnern minutiös, Zigaretten selbst zu drehen, anzulecken und wie einen Joint in Gruppen zu rauchen. Die kabarettreife Sequenz wird von Musikern in einen Rap verwandelt, der sich in den sozialen Netzwerken noch schneller als das Virus im Land verbreitet. Nachfragen zu ihrer grotesken Begründung des Verkaufsbanns (als ob man die Schäfchen nicht vor dem Kippen-Sharing warnen könnte) ist Journalisten verwehrt: Pressekonferenzen finden derzeit virtuell mit schriftlich eingereichten Fragen statt, die vom Regierungssprecher aussortiert werden. Auch die Transparenz steht derzeit unter Quarantäne.

Die Kluft zwischen dem Präsidenten und NDZ lässt den Zigarettenbann vollends zum Politikum werden. Der Konflikt wird von Auguren als jüngster Ausdruck der Spaltung der Regierungspartei betrachtet. Hier der liberale Präsident, der die Freiheit jedes Einzelnen zu wahren sucht, auch etwas erwiesen Schädliches zu tun, solange es nicht die Freiheit anderer einschränkt. Und dort die paternalistische Hirtin, die zu wissen meint, was ihren Schäfchen guttut, und dafür sorgt, dass sich die Herde danach richtet.

Die Differenz geht allerdings noch tiefer. Gerüchten zufolge hatte sich NDZ ihren Wahlkampf gegen Ramaphosa von einem zwielichtigen Geschäftsmann namens Adriano Mazzotti mitfinanzieren lassen, der zur Mafia des illegalen Zigarettenhandels gehören soll. Schon vor der Pandemie machte der Anteil an der Steuer vorbei geschmuggelter Kippen ein gutes Drittel des Gesamtmarktes aus – dem Staat entgingen auf diese Weise jährlich acht Milliarden Rand (gut 400 Millionen Euro) an Steuern. Mazzotti und NDZ bestreiten jede Verbindung, allerdings macht ein gemeinsames Foto der beiden die Runde. Der Tabakpate unterstützt auch Julius Malema, den populistischen Chef der „Economic Freedom Fighters“, der dem Zuma-Flügel des ANC nahesteht. Auguren halten sogar eine Vereinigung der beiden Fraktionen für möglich, sollte der ANC mal auseinanderbrechen. In ihrer Arroganz und Raffgier sind sie schon heute ein Herz und eine Seele.

Berichten aus dem NCCC zufolge soll es im Kommandostab zu einer fünfstündigen Debatte über den Zigarettenbann gekommen sein, in deren Verlauf der liberaldemokratische Flügel offenbar vor allem wirtschaftlich argumentierte. Südafrika war schon vor der Pandemie von der zehnjährigen Zuma-Herrschaft in eine Rezession mit galoppierender Verschuldung manövriert worden. Das Virus wird den bröselnden Staat noch weiter zersetzen. Durch den Zigarettenbann verliert der Fiskus täglich umgerechnet zwei Millionen Euro, dafür drohen den Schwarzmarkthändlern die Portemonnaies zu platzen. Wie die graue Eminenz die fünfstündige Debatte trotzdem für sich entscheiden konnte, ist nicht überliefert. Die Debatten sind geheim.

Obwohl Südafrika sich derzeit mit täglich rund 8000 Neuinfektionen dem Zenit der Pandemie nähert, ist die Ausgangssperre inzwischen aufgehoben, der Verkauf von Alkohol ist erlaubt und in den Spielkasinos dreht sich wieder munter das Rad. Nur der Tabakverkauf ist noch immer verboten – was zur Folge hat, dass nun an mehreren Gerichten Verfahren gegen das Zigarettenverkaufsverbot anhängig sind. Der Haken dabei: Die Verhandlungen werden immer wieder in immer fernere Zukunft vertagt.

Ich sehe das inzwischen wieder recht entspannt. Denn während in ausländischen Medien über das „einmalige soziale Experiment“ berichtet wird, eine „ganze Nation von einem Tag auf den anderen zu Nichtrauchern“ zu machen, haben sich meine Exkursionen in die Johannesburger Unterwelt auf wenige hundert Meter verkürzt. Längst sind die Parkwärter im nahegelegenen Einkaufszentrum im Nebenberuf zu „tobacconists“ geworden.

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