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Starke Frauen in Frankfurt

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Von: Bernd Hontschik

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Im Kronberger Stadtmuseum war im Jahr 2012 das Bild „Ergebung“ (links) aus dem Jahr 1918 der Malerin Ottilie Röderstein zu sehen. Das Bild rechst ist ein Porträt ihrer Lebensgefährtin Dr. med. Elisabeth Winterhalter. Im Fordergrund: die damalige Kuratorin Dr. Ingrid Ehrhardt.
Im Kronberger Stadtmuseum war im Jahr 2012 das Bild „Ergebung“ (links) aus dem Jahr 1918 der Malerin Ottilie Röderstein zu sehen. Das Bild rechst ist ein Porträt ihrer Lebensgefährtin Dr. med. Elisabeth Winterhalter. Im Fordergrund: die damalige Kuratorin Dr. Ingrid Ehrhardt. © Monika Müller

Ottilie W. Roederstein und Elisabeth Winterhalter: Ein unkonventionelles Paar in Kunst und Medizin. Dr. Hontschiks Diagnose.

Am 20. Juli 2022 wird im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt die Retrospektive „Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein“ eröffnet. Roedersteins Werke fanden Ende des 19. Jahrhunderts breite Anerkennung, wurden in nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt. Dennoch ist sie heute weitgehend unbekannt. Bis Ottilie Roederstein (1859-1937) im Jahr 1876 in Pfyffers Atelier in Zürich ihre künstlerische Ausbildung beginnen konnte, musste sie schwere Kämpfe mit ihren Eltern austragen und gesellschaftliche Widerstände überwinden. In Zürich lernte sie 1884 auch ihre spätere Lebensgefährtin kennen, die Ärztin Elisabeth Winterhalter.

Elisabeth Winterhalter wurde 1856 als jüngstes und dreizehntes Kind in München in einer Familie geboren, in der die Männer seit Generationen Ärzte waren. Ihr Vater Georg Winterhalter gehörte zu den Gründern des Klinikums rechts der Isar. Er starb, als Elisabeth erst elf Jahre alt war. Man ließ sie zunächst nur Lehrerin werden, was einer der ganz wenigen Berufe war, die Frauen damals ergreifen durften.

Elisabeth Winterhalter wollte aber unbedingt Ärztin werden. Sie insistierte bei ihrer Mutter solange, bis diese endlich zustimmte, und sie ging sogleich nach Zürich, wo das Medizinstudium für Frauen schon seit 1865 möglich war – in Deutschland ging das erst nach 1899! Das Staatsexamen legte sie 1889 ab und promovierte. Ihre Facharztausbildung absolvierte sie in Paris, München und Stockholm, ehe sie 1891 eine gynäkologische Praxis in Frankfurt am Main übernahm. Winterhalter war die erste Ärztin in Deutschland, die eine Laparotomie (einen Bauchhöhlenschnitt) durchführte, die erste Ärztin, die einen Kaiserschnitt vornahm.

Neben ihrer Praxis und neben der von ihr gegründeten Frauenpoliklinik engagierte sie sich in der Frauenbewegung, besonders für die Schulbildung von Frauen. Als Vorsitzende des Vereins „Frauenbildung – Frauenstudium“ setzte sie sich für die Gründung eines Mädchengymnasiums in Frankfurt ein und baute ab 1901 Gymnasialkurse für Mädchen auf, die 1908 der Schillerschule angegliedert wurden, der ersten höheren Mädchenschule, auf der junge Frauen in Frankfurt das Abitur machen konnten.

Ottilie Roederstein und Elisabeth Winterhalter lebten in einer Zeit, in der es für Frauen nur den einen einzigen vorgezeichneten Platz im Haus, mit Kindern und am Herd gab. Jeden anderen Weg konnten Frauen damals nur gegen enorme private und gesellschaftliche Widerstände und in ständigem Kampf gehen. Beide Frauen gründeten die „Roederstein-Winterhaltersche Stiftung“ für notleidende Künstler:innen.

Das Städelschen Kunstinstitut hat das Verdienst, einer vor über 100 Jahren gefeierten Künstlerin die gebührende Aufmerksamkeit zurückzugeben. Gleichzeitig damit kommt ihre lebenslange Partnerschaft mit der ersten weiblichen Chirurgin Elisabeth Winterhalter hervor, als lesbische Beziehung gelebt in Frankfurt am Main, später in Hofheim, wo Elisabeth Winterhalter 1952 mit 96 Jahren starb. In Hofheim erhielt das kämpferisch-kreative Paar 1929 gemeinsam die Ehrenbürgerwürde.

Jede für sich und beide zusammen waren mutige Pionierinnen, auf die Frankfurt stolz sein kann. Warum heißt in Frankfurt eigentlich noch keine Straße, noch kein Platz nach diesen beiden Frauen?

Weiterlesen: Görner, Karin: Ottilie W. Roederstein und Elisabeth Winterhalter, Frankfurter Jahre 1891-1909. Hrsg. von Dagmar Priepke (Heussenstamm-Stiftung) 2018

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist: www.medizinHuman.de Aktuell im Handel ist sein Buch „Heile und herrsche! – Eine gesundheitspolitische Tragödie, Westend Verlag. FOTO: UTE SCHENDEL

Hinweis der Redaktion: In diesem Text hat sich leider ein Fehler eingeschlichen, der ortskundigen Franfurter:innen bereits aufgefallen ist. Eine Seitenstraße im Mertonviertel trägt den Namen Elisabeth-Winterhalter-Straße. Nach Ottilie W. Roederstein ist in Frankfurt keine Straße o.ä. benannt. (FR)

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