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Sportmodel Liza Grundig trainiert drei- bis viermal pro Woche.

Fitness

Stark ist das neue Dünn

Muskelkraft statt Magerwahn: Inspiriert durch Vorbilder aus sozialen Netzwerken trimmen immer mehr Frauen ihren Körper beim Sport. Aber die extreme Fixierung auf die eigene Fitness birgt auch Gefahren

Wenn Liza Grundig die Wahl hat, greift sie zu einer besonders schweren Kugelhantel. „Das macht mir nichts“, sagt sie. Im Gegenteil. Die 28-Jährige, das dunkle Haar im Zopf nach hinten genommen, lässt leichtere Trainingsgeräte liegen und lächelt in die Kamera. Grundig ist Studentin in Berlin, stolz auf ihren vom Ausdauertraining kraftvoll geformten Körper – und sie ist Sportmodel bei McFit. Die Fitnessstudiokette hat seit ein paar Jahren eine eigene Modelagentur. Grundig ist eines von rund 2000 Fitnessmodels, die die Vermittlung in der Kartei führt.

Ihre Chefin heißt Anja Tillack. Sie leitet die Agentur. Ihr Angebot: die Sportstudiomitglieder vom Laufband auf den Laufsteg zu bringen. Und vor die Kameras von Werbefotografen. „Sportliche Attraktivität ist beliebter denn je.“ Tillack glaubt, dass sich auch die Modebranche in diese Richtung verändert.

„Strong is the new skinny“, also stark ist das neue Dünn, so lässt sich dieses Phänomen beschreiben. Weibliche Fans wollen Muskeln zeigen, nicht Rippen. Fitnessmodels feiern mit Büchern und mit Trainingsprogrammen online Erfolge. In sozialen Netzwerken finden sich motivierende Hashtags wie #noexcuses (keine Ausreden) und #getstrong (werde stark). Selbst Weltklassesportlerinnen wie die US-Skirennikone Lindsey Vonn (32) springen mit Büchern wie „Strong is the new beautiful“ auf diesen Zug auf. „Das ist auf jeden Fall seit einigen Jahren ein Trend“, bestätigt Lena Papasabbas vom Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main. Dazu passen die steigenden Mitgliederzahlen bei Fitnessstudios: 2016 wurde die Zehnmillionenmarke in Deutschland geknackt, notierte der Arbeitgeberverband Deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen.

Muskeln statt Size Zero also. Eine positive Entwicklung, befeuert durch das Internet, könnte man meinen. Ist gar ein Ende des krankmachenden Magerwahns in Sicht? Dass Menschen sportlich aktiv sind, ist erst mal nicht neu. Kulturanthropologin Papasabbas erinnert an die Trimm-dich-Bewegung der 1970er Jahre. Neu seien allerdings Anstoß und Absicht. Während die Trimm-dich-Bewegung von Politik, Krankenkassen und Wirtschaft, also von oben, gefördert wurde, um Krankheiten in der Wohlstandsgesellschaft einzudämmen, gehe der aktuelle Trend vom Einzelnen aus, erläutert die Expertin. Heute steht das individuelle Bewusstsein für den Körper im Vordergrund. Dazu zählt neben gesunder Ernährung auch Sport. Gleichzeitig geht es oft um Ausgleich und - auch so ein Modetrend – Achtsamkeit. Gegen Stress im Job werden Sport und Bewegung hoch gehandelt.

Model Liza Grundig macht drei- bis viermal pro Woche Sport. Im Fitnessstudio ist die 28-Jährige seit Jahren Mitglied. Auf die Idee, dort auch als Model aktiv zu werden, kam sie über eine Ausschreibung. Auf Grundigs Sedcard, also auf ihrer Bewerbungskarte, steht, sie sei 1,72 Meter groß. Für ein Model eher klein. Körpermaße: 85-64-91.

In der Sportagentur gibt es jedoch keine Mindestgröße, keine vorgegebenen Maße. Auch das Alter ist nicht entscheidend. Jedes Mitglied könne sich in die Modelkartei eintragen lassen, wirbt McFit.

Am Berliner Sitz der Agentur wird Grundig regelmäßig vermessen. Sport heißt für Grundig nicht nur Wohlbefinden. „Ich finde sportliche Figuren wunderschön“, sagt sie. Durch Sport sehe die Haut viel gesünder aus. Gleichzeitig sei Bewegung aber auch wichtig für ihren Alltag, gebe ihr Energie. Die junge Frau war 2013 Miss Ostdeutschland, ist das Gesicht einiger Unternehmen und Kampagnen.

Doch eigentlich existieren doch schon genug Modelvermittler, warum braucht man eine Agentur eigens für Fitnessmodels? Geschäftsführerin Tillack ist überzeugt: „Unsere Models haben eine andere Haltung.“ Sportlichkeit sei nicht nur als äußerliches Merkmal bei den Kunden beliebt. „Sportler sind disziplinierter, haben einen starken Willen, ein ganz anderes Körperbewusstsein“, sagt die zierliche, blonde Frau.

Ihre Sportmodelfirma sei die größte in Europa: „Wir greifen auf ein Potenzial von 1,5 Millionen Mitgliedern zurück.“ Außerdem habe das Unternehmen den Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr stark gesteigert. 

Psychofaktoren wie Disziplin und Stärke nennt auch Lena Papasabbas vom Zukunftsinstitut als Teil des Phänomens. Das gelte besonders für Frauen: Während es beim Sport lange darum ging, den Körper zu optimieren, trete heute das Innenleben stärker in den Vordergrund. „Frauen werden zwar noch heute in unserer Gesellschaft regelmäßig objektifiziert“, erläutert die Expertin. Aber: Viele würden nicht nur Sport machen, um dünner oder attraktiver zu sein. „Frauen definieren sich nicht mehr ausschließlich über ihr Äußeres“, sagt Papasabbas. „Beim Sport geht es um die Leistung.“ Wer also zehn Kilometer joggen geht, zeigt auch: Ich bin stark, ich kann das. Körperliche Kraft wird - angesichts veränderter Rollen im Alltag – gerade für Frauen zum Symbol für Stärke auf anderen Ebenen: Wer zehn Kilometer durchhält, kann auch das neue Projekte im Job mit Ehrgeiz bewältigen.

Das sei ein Unterschied zu einer Fitnesswelle, die die US-Schauspielerin Jane Fonda Ende der 1970er und in den 1980er Jahren prägte. Mit Aerobic-Videos wurde Fonda zur Fitnessikone. „Damals standen hauptsächlich Äußerlichkeiten im Vordergrund, der Wunsch nach dem perfekten Körper.“

Masha Sedgwick jedenfalls trimmt sich nicht nur, um einen perfekten Körper zu haben. Die Modebloggerin gilt als „Influencerin“. Sie berichtete im Netz über Schönheit, Lifestyle und Mode – und beeinflusst so andere. Auf Instagram folgen ihr 140 000 Menschen.

Es ist später Vormittag in Berlin. Sedgwick kommt ein paar Minuten zu spät zum Treffen. Rote, hochhackige Schuhe, Blazer mit übergroßen Schulterpolstern, perfektes Make-up. Sedgwick fällt auf.

„Sport sorgt für ein besseres Körperbewusstsein und auch dafür, dass man im Alter fit bleibt und das ist im Endeffekt viel wichtiger als ein heißer Body“, schreibt sie im Netz. Der Beitrag ist garniert mit Fotos der Bloggerin beim Sport.

„Ich mache täglich Sport“, sagt sie. Und das, obwohl sie Sport nicht unbedingt möge. Doch In-Form-Bleiben gehöre zum Job, gibt sie zu. Zudem zeige Sport noch etwas anderes: Sie wolle nicht einfach „skinny“ sein, sondern „strong“. Man müsse sich motivieren, Disziplin zeigen. „Ich glaube, das ist das, was man eigentlich ‚strong‘ nennt.“

Zugleich möchte die Bloggerin in ihren Posts nicht immer perfekt wirken, sondern auch Schwächen zeigen. Sagt sie. Und spricht von der „Body-Positive-Bewegung“, die ihr wichtig sei. So nennt man einen Trend, der ein realitätsnahes Selbstbild in den Vordergrund stellt. Dessen Anhänger raten dazu, sich auch mollig wohl zu fühlen. Einige sehen darin feministische Ansätze. Nach Posts mit Schwächen muss man in Masha Sedgwicks Blog allerdings länger suchen.

Das gilt auch für Pamela Reif. Manche halten das 21-jährige Fitnessmodel für den Inbegriff des Trends zur sportlichen Schönheit. Drei Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram. Dort veröffentlicht sie Fotos von Sportübungen und ihrem Körper. Ihr Buch heißt „Strong & Beautiful“. Auch sie verkauft Sport und Erfolg gerne als Frauenpower.

Ist das noch gesunder Ausgleich, gar Achtsamkeit? Manchmal ja, aber es gibt auch beim Sporttrend Auswüchse. „Ich halte das für extrem gefährlich“, urteilt Ingo Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln. „Dass diese Körperlichkeit in den Mittelpunkt gerückt wird, hat natürlich auch was Gutes“, stellt er klar. Denn Sport sei in der Regel gesund. Doch er warnt vor falschen Vorbildern und Idealen. „Vieles ist da schon so weit von der Normalität entfernt.“

Das kann ein stark hervorstehendes Schlüsselbein sein – für manche Mädchen und Frauen ein Zeichen von Schönheit. Auf Instagram finden sich unter dem Hashtag #collarbones Hunderttausende Posts. Teils wird ein Warnhinweis vorgeschaltet: Posts unter diesem Hashtag könnten Verhaltensweisen fördern, die Schaden anrichten.

Im Netz gibt es passende Sportübungen, mit denen sich das Schlüsselbein sichtbarer machen lässt. „Vor ein paar Jahren hat kein Mensch über sein collarbone gesprochen“, sagt Froböse. Aber auch besonders definierte Muskeln sind für viele ein angestrebtes Ideal. Das könne aber nicht jede Frau mit ihren körperlichen Voraussetzungen erreichen.

Er macht junge Frauen aus, die „völlig das Maß verloren haben“. Besonders kritisch sieht er Fitnessmodels, die bloggen, um eigene Kurse, Trainings und Bücher zu vermarkten. „Selbst ernannte Heldinnen sind das“, sagt Froböse. „Wir brauchen aber Menschen, die einen an die Hand nehmen und maßvoll durch den Dschungel des Lebens führen“, meint er. Das „übertrieben Disziplinierte“, den eigenen Körper Geißelnde sei kein Stück besser als der altbekannte Magerwahn. Das Netz sei dabei – wie bei so vielen Trends – ein Katalysator. Es erhöht die Geschwindigkeit der Reaktion.

Den großen Einfluss sozialer Netzwerke auf die Ideale beobachtet auch der Schönheitschirurg Prof. Nektarios Sinis. In die Praxis des 42-Jährigen in Berlins noblem Stadtteil Dahlem kommen in der Regel Frauen, die etwas an sich machen lassen wollen – weniger diejenigen, die ihren Körper durch Sport selbst verändern.

Doch der plastische Chirurg beobachtet zweierlei: Im Netz würden Bilder geteilt von Leuten, die vermeintlichen Schönheitsidealen entsprächen, sagt er. Mehr Patienten wünschten sich in der Folge einen Körper, der den Vorbildern im Netz entspreche. Und zum Zweiten nehme neben der OP Fitness als Mittel zum Zweck eine große Rolle ein. „Sport und Fitness sind für viele der Patientinnen wichtig. Einige übertreiben es dabei – das ist schon nicht mehr gesund.“

In Extremfällen werde die Haut sehr dünn. Das könne man an den Händen erkennen. Bei übertriebenem Sport in Kombination mit einer sehr fettarmen Ernährung könne das Fettgewebe am Handrücken „wegschmelzen“. Ein deutlicher Alterungsprozess setze ein, „der im Übrigen auch im Gesicht so stattfinden kann“, erläutert der Experte.

Auch die Soziologin Prof. Nina Degele sieht die Sportwelle durchaus kritisch. „Es geht darum, sich total im Griff zu haben“, urteilt die Expertin von der Universität Freiburg. Sie forscht zu Genderthemen, Sport und Körper. Nina Degele hält Fitness und Sportlichkeit nur für einen Trend unter vielen. Prinzipiell spiele auch bei diesem Phänomen die Selbstoptimierung eine entscheidende Rolle. Das sei gar nicht so anders als bei Magersucht. „Man hat die Kontrolle über sich und seinen Körper.“ (dpa)

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