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Sarajevo City.

Sarajevo

Die Stadt der verlorenen Generation

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Sie waren Kinder, als Sarajevo von allen Seiten beschossen wurde. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Krieges hoffen die Mittdreißiger auf den Wandel Bosniens hin zu einem modernen, offenen Land. Vergebens?

Amra ist acht, als sie zusehen muss, wie eine Granate ihre beste Freundin Amela in Stücke reißt. Es ist der Spätsommer 1992 in Sarajevo. Die Kinder spielen Krieg. Im Spiel ist der Kiosk vor dem Mehrfamilienhaus in Dobrinja der Generalstab der Armee. Amela ruft Amra zu sich, da passiert es. Die Granate schlägt ein, mitten im Spiel vor der eigenen Haustür. Amela stirbt vor Amras Augen, so wie drei weitere Menschen, 24 sind verletzt – die meisten Kinder. 

Serbisches Militär belagert Sarajevo vier Jahre lang

Jeden Tag kann jemand sterben, jeder Tag kann dein letzter sein oder der letzte deiner Lieben. Das brennt sich in das Unterbewusstsein der damals achtjährigen Amra ein. Noch nie hatte sie ihre Mutter so voller Angst gesehen. So farblos war sie gewesen, als sie ihre Tochter zwischen den Leichen und Verwundeten auf der Straße entdeckt - lebend, aber blutüberströmt. Amra versucht noch, die Wunde am Bein mit ihrem Rockzipfel zu überdecken, aus Scham. Irgendwie glaubt sie, dass der kaputte Rock, das Blut, die Wunde ihre Schuld ist. Da hat die Mutter ihre Tochter schon auf dem Arm. Später entfernen die Ärzte das Schrapnell ohne Schmerzmittel, denn die gibt es in dem provisorischen Krankenhaus nicht. 

Der Schmerz wandert vom Bein ins Herz. Dort sitzt er bis heute. 

Fast vier Jahre dauert die Belagerung Sarajevos durch serbisches Militär. Vier Jahre, die Amra Topalovic für immer verändern. Sterbende Menschen sieht sie nun ständig, erschossen auf offener Straße von serbischem Militär, das sich in den Bergen rund um die Stadt verschanzt. Die pittoreske Lage im Tal des Dinarischen Gebirges wird der Stadt während des Bosnien-Krieges zum Verhängnis. Die Scharfschützen feuern von den steilen Berghängen. Aus den Sportstätten der Olympischen Winterspiele von 1984 sind Schießscharten geworden. „Bombardiert sie, bis sie verrückt werden“, lautet der Befehl des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic. Und die Granaten, sie fliegen, eine Flugstunde von München entfernt, mitten in Europa. 

Heute ist Amra 34 Jahre alt. Sie ist eine schöne, eine strahlende Frau. Ihre braunen Locken umrahmen das Gesicht mit den geschwungenen Augenbrauen und den sorgsam getuschten Wimpern. Amra hat zwei Kinder, sieben und drei Jahre alt, einen Mann, eine Wohnung im Herzen der Stadt. Das macht sie glücklich. Mit ihrem Mann betreibt Amra eine kleine Marketingagentur. Es ist ein ruhiges, unaufgeregtes Leben. Von dem Hügel, auf dem sie lebt, hat man freie Sicht auf die Ba?car?ija, das alte Basar-Viertel, die Miljacka schlängelt sich am frisch renovierten Rathaus vorbei. Idyllisch wirkt dieser Ort, der Amras Zuhause ist. Vergessen aber kann sie nicht. 

Versöhnung gibt es bis heute nicht

Seit über 20 Jahren leben die Menschen in Frieden. Doch Frieden bedeutet in Bosnien und Herzegowina vor allem die Abwesenheit von Krieg. Eine Versöhnung zwischen den Ethnien gibt es bis heute nicht. Das merkt man bei Amra auch an den kleinen Formulierungen. Wenn sie über ihre Volksgruppe, die muslimischen Bosnier spricht, sagt Amra nicht Bosniaken, wie es der politische Duktus vorsieht, sondern Bosnier – das empfinden serbische und kroatische Bosnier als Affront. „Ich bin eine Patriotin“, sagt Amra. „Und stolz darauf, dass wir als Familien Sarajevo verteidigt haben.“ Verzeihen kann sie auch nicht. 

1425 Tage dauert die Belagerung. Dann beendet das Abkommen von Dayton den Krieg und schafft gleichzeitig eines der kompliziertes Staatengebilde der Welt. Drei Präsidenten vertreten jeweils die Belange der serbischen, kroatischen und muslimischen Bosnier. Nationalismus, Korruption und Vetternwirtschaft sind dem politischen System eingeschrieben. Jeder versucht sich und seinen Leuten möglichst viel zuzuschanzen. Im Oktober wählt das Land ein neues Parlament. Hoffnung auf Veränderung haben die Bosnier kaum, aber Sorge, dass die Wahlen den Nationalismus im Land und die Spaltung der Ethnien verstärken. 

Die Kriegskinder von damals kommen in dieser Gesellschaft nicht zum Zug. Eigentlich sollten sie es sein, die heute in verantwortlichen Positionen Politik, Wirtschaft und Kultur gestalten. Und das Land zusammen in den Wohlstand führen, auch mit dem Geld der internationalen Gemeinschaft, das seit mehr als 20 Jahren fließt. Stattdessen sind viele arbeitslos. Bosnien und Herzegowina hat eine der weltweit höchsten Jugendarbeitslosigkeiten. Sie liegt laut Weltbank bei 67,5 Prozent, insgesamt ist jeder Vierte ohne Arbeit. Die Jungen verlassen in Scharen das Land. Seit 2013 waren es rund 150 000 Menschen – bei einer Gesamtbevölkerung von 3,5 Millionen. Wer bleibt, muss sich fragen lassen, warum. Denn es gibt mehr Gründe zu gehen, als zu bleiben. 

„Man wäre ja verrückt, wenn man nicht überlegen würde zu gehen“, sagt Belma Rizvanovic. Seit Jahren verändere sich überhaupt nichts. Politisch nicht, ökonomisch nicht und gesellschaftlich auch nicht. „Es ist unerträglich.“ 

Belma sitzt im Kimono, einem Restaurant im Einkaufszentrum im Stadtteil Marijin Dvor, das mit arabischen Geld finanziert wurde und auf dessen vier Etagen sich an Wochenenden halb Bosnien trifft. Aus den Boxen dröhnt lauter 80er-Jahre-Pop. Belma kommt gerade von der Arbeit bei einer Hilfsorganisation, wo sie sich um soziales Unternehmertum und Start-ups kümmert. Sie entscheidet, welche Geschäftsideen Kredite bekommen. Mit einem Latte macchiato hat sie es sich auf den tiefen Sofabänken mit dicken Kissen bequem gemacht. Es ist ein Luxus, den sich nur eine Elite im Land leisten kann. Durch die Fensterfront blickt sie auf das Hotel Holiday mit seiner markant gelben Fassade, das während des Krieges noch Holiday Inn hieß und Journalisten aus aller Welt Unterschlupf gab.

Belma, 30 Jahre alt, Röhrenjeans, taillierter Blazer, baumelnder Pferdeschwanz, spricht über ihre Kindheit im Krieg. Dort unten auf dem Platz vor dem Hotel habe sie im Frühjahr 1992 an der Hand ihrer Eltern gestanden und demonstriert. Sarajevo – so ihr Wunsch – sollte das „Jerusalem Europas“ bleiben, eine Stadt, in der Moscheen, Kirchen und Synagogen friedlich nebeneinander existieren. Dann fielen die Schüsse, abgefeuert aus dem Holiday Inn, das damals das Hauptquartier von Radovan Karad?ics Serbischer Demokratischer Partei war. Zwei junge Frauen sterben. Heute ist eine Brücke nach ihnen benannt. „Most Suade i Olge“ heißt sie. An dieser Brücke begann der Krieg – und für Belma das Ende ihrer Kindheit. Da war sie fünf Jahre alt. „Wir haben alle PTBS. Aber was soll man machen?“, sagt Belma, zuckt die Achseln und lacht, wie sie es noch häufiger in dem Gespräch machen wird. Ein ganzes Land mit posttraumatischen Belastungsstörungen? 

Draußen quält sich die Blechlawine über die Zmaja od Bosne stadteinwärts. „Sniper Alley“ nannten die Menschen die Straße im Krieg, Scharfschützen schossen von den Plattenbauten ringsum wahllos auf Passanten. Noch immer sind die Fassaden der Häuser übersät von Einschusslöchern. Belmas Mutter musste die Straße jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit überqueren. Sie konnte erst sicher sein, dass sie es geschafft hatte, wenn sie abends zurückkehrte. 

Bosnien und Herzegowina gehört nicht zur EU

Belma will nicht, dass ihre Vergangenheit ihre Zukunft dominiert. Für ihren Job reist sie nach Asien, Amerika und quer durch Europa, manchmal vergisst sie dabei all das Schwere. Doch es bleibt die Gewissheit: Bosnien und Herzegowina gehört nicht zur EU. Eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, ist nicht einfach. Selbst ein Urlaubsvisum in die USA zu beantragen, kann mit dem falschen Beamten zum Spießrutenlauf werden. Viele von Belmas Freunden und Bekannten arbeiten in Österreich, der Schweiz, in Deutschland und Schweden. Sie sind Ärzte, Manager, IT-Experten. „Wir sind Bosniens bester Export.“ 

Will sie ihren Freunden folgen und das Land verlassen, wenn sich die Gelegenheit ergibt? Die Realistin sagt: „Ich will nicht, dass meine Kinder sich in Bosnien einmal so abkämpfen müssen.“ Die Idealistin träumt auf den bequemen Sofakissen des Kimono von einer anderen Gesellschaftsordnung – von einer linken Revolution. Belma spricht oft von Solidarität, wenn sie sich ausmalt, wie es mit ihrem Land weitergehen könnte. Als die Granaten fielen, sei man in den Kellern der Hochhäuser füreinander da gewesen, solidarisch eben. Das hinterlasse Spuren. „Die Menschen hier wissen, wie man überlebt. Das ist unser Potenzial.“ Belma klingt kämpferisch.

Auf der Agenda der europäischen Politik hat Bosnien wegen Brexit, Trump und Co in den letzten Jahren kaum einen Platz. Viele im Land denken: So lange es hier keinen Krieg gibt, reicht das dem Westen schon. Dabei ist Bosnien und Herzegowina ein Pulverfass. Viele Menschen, auch unter denen, die bleiben, sind frustriert. Und das weiß die politische Klasse. Sie sorgt sich vor einem Ereignis, das so etwas wie einen bosnischen Frühling auslösen könnte. 

So war es vor den Parlamentswahlen 2014. Damals erschien tatsächlich für einen kurzen Moment vieles von dem möglich, was Belma und ihre Freunde fordern, ein Wandel, eine Revolution oder irgendetwas dazwischen. Es war das erste Mal seit dem Krieg, dass die Volksgruppen sich gemeinsam für ein Ziel engagierten. Doch der Protest verpuffte. 

So war es auch im Vorjahr, als in der Kleinstadt Jajce Schüler gegen die ethnische Trennung an Schulen protestierten. Die Politik machte Zugeständnisse, die Bewegung blieb lokal. 
So ist es auch jetzt, wo viele Menschen gegen Korruption und Polizeigewalt auf die Straßen der größeren Städte gehen. 

Der Auslöser für die aktuellen Proteste ist der Tod des 21-jährigen David Dragicevic, der im März tot in einem Fluss in Banja Luka gefunden wurde. Die Polizei gab an, er sei dort unter Drogeneinfluss ertrunken, und habe vorher einen Einbruch begangen. Der Vater, Davor Dragicevic, glaubt, sein Sohn sei unter Drogen gesetzt, gefoltert und ermordet worden. Und an eine große Vertuschung durch die Behörden. Er hat die Bewegung „Pravda za Davida“ – „Gerechtigkeit für David“ gegründet. Allein die Facebook-Gruppe hat mehr als 230.000 Mitglieder, Zehntausende gingen etwa in Banja Luka auf die Straße, aber auch in Sarajevo, in Wien, wo David studierte, Graz, München und Frankfurt, und selbst im fernen Oslo versammelten sich Teile der dortigen bosnischen Diaspora. Die Politik machte Zugeständnisse, ließ den Vater im Parlament sprechen. Mittlerweile scheint der Protest wieder an Fahrt verloren zu haben.

Neno war bei den Protesten dabei, schon 2014. Aber so richtig will er nicht an einen Wandel glauben. Neno zeigt Touristen gegen ein Trinkgeld die Stadt. Nach dem Studium der Politikwissenschaft und einer langen, erfolglosen Jobsuche hat Neno seine Nische gefunden. Von dem Trinkgeld der Touristen kann er angenehm leben. In der Hochsaison führt er manchmal mehr als hundert Besucher an einem Tag durch Sarajevo. Die Stadt wird mehr und mehr zum hippen Ziel auf dem Balkan. „Viele hier schlagen sich so durch“, sagt er. „Ich will aber mehr, ich will selbst gestalten.“

Als Neno, Belma und die anderen jungen Bosnier ihre Plakate im Frühjahr 2014 hochhielten, gehörten sie trotz aller Euphorie zu einer Minderheit. Viele ihrer Altersgenossen, die früher einmal Kriegskinder waren, fügen sich heute nahtlos ein. Sie sind froh über ihren Acht-Stunden-Tag in der Verwaltung, den sie oft über Beziehungen ergattert haben. Sie stellen keine Fragen, weil sie fürchten, ihren Job zu verlieren. Oder Angst haben vor neuen Konflikten. Sie freuen sich über die Ruhe und Sicherheit, die in ihrem Leben eingekehrt ist. „Statt auf die Straße zu gehen und sich wirklich für einen Wandel einzusetzen, trinken sie Kaffee“, sagt Neno. Das ärgert ihn. Die Leute verplemperten ihr Leben beim Kaffeetrinken. Für ihn sind die vollen Kaffeehäuser der Stadt auch ein Zeichen der Lethargie der Jungen. 

Angst vor neuen Ausschreitungen

Viele haben wohl auch Angst vor neuen Ausschreitungen, vor gewalttätigen Konflikten. Als 2014 die ersten Bilder von Steine werfenden Menschen im Fernsehen zu sehen sind, wird Nenos Mutter nervös. „Neno, hast du deinen Reisepass?“, fragt sie ihn. „Wenn es wieder losgeht, verschwinde ich.“ In ihrem Schlafzimmer steht seitdem ein gepackter Koffer. So wie Nenos Mutter haben viele und besonders die jungen Bosnier den Koffer mindestens schon in Gedanken gepackt. Einzeln, lautlos und in Summe als riesige Gruppe verlassen sie das Land. Warum rebellieren sie nicht, kämpfen vor Ort für den Wandel? 

Das Center for Investigative Reporting (CIN) ist ein Leuchtturmprojekt für investigative Recherche in Bosnien. Die Standards sind hoch, die Recherchen langwierig. Das CIN berichtet fast nur über Korruptionsfälle, mal trifft es kleine Unternehmer, vor einiger Zeit deckten sie auf, dass Dutzende Parlamentarier sich die Taschen vollsteckten. Die Arbeit ist wichtig und frustrierend. Manchmal, da schwebt so ein Gefühl über dem Konferenztisch: Jetzt muss doch etwas passieren; wenn die Leute das lesen, dann verändert sich etwas in diesem Land, so beschreibt es Aladin Abdagic, Chefredakteur beim CIN. Doch jedes Mal wieder die Ernüchterung. Es läuft alles weiter, die jungen Bosnier gehen eher ins Ausland als sich für einen tiefgreifenden Wandel zu engagieren. 

Und wer kann es den jungen Menschen verdenken, dass sie ihr Leben, das einzige, das sie haben, nicht in den Dienst eines Wandels stellen, der noch Jahrzehnte andauern kann? Wie stark die Möglichkeit des Weggehens das Leben der Bosnier bestimmt, zeigt auch die Geschichte von Mirela Ajanovic. Wenn Menschen Familien gründen, haben sie oft einen Platz auf der Welt gefunden, an dem sie sesshaft werden wollen. Mirela aber ist auf dem Sprung. Als sie Mutter wird, nennt sie ihre Tochter Ema und ihren Sohn Arian. Sie findet die Namen schön. Noch wichtiger ist ihr: Sie funktionieren im Ausland. 

„Ich könnte ohne Probleme eine Amerikanerin sein“, erklärt Mirela in einem Café in Dobrinja, jenem Viertel, das während des Krieges komplett von serbischen Militär eingeschlossen war und in dem sie aufgewachsen ist. In dem Café zwischen den hochgeschossigen Plattenbauten, die alle noch sichtbare Narben vom Krieg tragen, ist an diesem Dienstagvormittag kaum ein Platz unbesetzt. Es wird geraucht, Kaffee getrunken und gegen laute Musik angeredet. Mirela ist ungeschminkt, ihre Haare sind noch ein bisschen nass vom Waschen, sie trägt flache Schuhe, alles eher untypisch für bosnische Frauen in den Dreißigern. „Ich bin nicht sehr bosnisch“, sagt Mirela und nimmt einen Schluck Mineralwasser. „Ich rauche nicht, trinke keinen Kaffee und laufe gerne barfuß.“ Es ist keine Verachtung in ihrer Stimme für dieses Land und seine Menschen. Aber das Wissen, dem Leben hier mental längst entflohen zu sein. 

Ihr Bruder hat im Krieg gekämpft, in einer Spezialeinheit in den Bergen Bosniens und Herzegowinas, auch der Vater war im Krieg. Beide wurden verwundet. Vor zwei Jahren ist der Bruder mit seiner US-amerikanischen Frau nach Michigan ausgewandert. Er konnte nicht mehr in diesem Land leben, in dem die Vergangenheit ständig so nah ist. Mirela kann das gut verstehen. Während des Studiums in England kommen auch bei ihr die Stimmen aus dem Krieg zurück. „Geh nicht über das Gras“, sagen ihr diese Stimmen bei einem Spaziergang durch die englische Natur. Mirela muss stehen bleiben, weil sie Angst vor Minen hat, mitten in England. „Man kommt nie darüber hinweg“, sagt sie. 

Auf dem Tisch vor Mirela liegt eine große Kladde. Es ist ihr Tagebuch, sie hat es zum Gespräch mitgebracht. Nun blättert sie gedankenverloren darin herum. Sie habe damals die Gefahr gar nicht verstanden, sagt sie. „Wir hatten Spaß und Angst zur gleichen Zeit.“ Mirela liest Passagen aus dem Buch vor, sie handeln davon, wie sie bei Beschuss einfach raus rannte und Kugeln und Schrapnelle für ihre Sammlung suchte, wie sie mit gestohlenen Blumen zu Beerdigungen im Hinterhof ging und wie in diesem Hof, den alle für sicher hielten, der Vater einer Freundin erschossen wurde. 

„Bosnien ist ein traumatisiertes Land“, sagt die Psychiaterin und Psychotherapeutin Amra Delic. Sie begann schon während des Krieges in Bosnien in der Traumabewältigung zu arbeiten. Flächendeckende psychologische Hilfe gebe es bis heute nicht. Es fehlten verlässliche Zahlen, die Auskunft darüber geben, wie viele Menschen unter Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden und ein Gesundheitsministerium auf nationaler Ebene, das die Hilfe koordiniert. „Die meisten Menschen suchen überhaupt nicht nach Therapeuten, weil sie wissen, dass es schwierig ist und weil sie Angst haben stigmatisiert zu werden“, sagt Delic. 

Auch Mirela ist nach Kriegsende nicht zum Psychologen gegangen. Sie schloss sich für eine Zeit der Hare-Krishna-Bewegung an. Das habe sie ruhiger gemacht, erzählt sie. Heute habe sie kein Problem damit, in ihrem alten Viertel zu leben. Sie hege keinen Groll gegen die serbischen Soldaten. „Manchmal denke ich, ich bin nicht ganz normal.“ Vielleicht sieht Mirela aber auch einfach den größeren Zusammenhang. Mirela weiß, dass der Hass gegen die anderen nur denen nutzt, die sich an der Macht bereichern. Auch Traumaexpertin Delic findet deutliche Worte: „Die Opfer von traumatischen Kriegserfahrungen werden politisch manipuliert und ausgebeutet.“ Die Konflikte zwischen den Volksgruppen, sie stärken das System. 

Auch aus diesem Grund ist der Nationalismus vor Wahlen immer besonders ausgeprägt. Die Propaganda-Maschine der nationalistischen Parteien laufen schneller und lauter als sonst schon. Der Krieg hat Spuren hinterlassen an den Menschen, die ihn als Kind erlebt haben. 

Neno ist sehr geräuschempfindlich. Ein zerplatzter Luftballon, ein lauter Schrei auf dem Kinderspielplatz, ein Feuerwerk – all das lässt seinen Puls schneller schlagen. Belma bekommt in muffigen Kellerräumen Beklemmungen. Amra kann nicht in das Viertel zurückkehren, in dem ihre Freundin von einer Granate getötet wurde. Mirela spricht bis heute nicht mit ihrer Familie über den Krieg. 

Als Belma ein paar Wochen nach dem ersten Gespräch im Einkaufszentrum an ihr Handy geht, sitzt sie in einem Café an der Küste Portugals. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, das Meer rauscht, berichtet sie. Belma ist gegangen. Sie will nicht länger warten auf eine Veränderung, sie hat ihr Leben selbst in die Hand genommen. Nun promoviert sie an der Uni in Lissabon in Wirtschaftsingenieurswesen. Zwei Jahre will sie mindestens bleiben, vielleicht länger. „Es ist die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt sie. 

Und was ist mit der Revolution? „Ich werde die Prinzipien der Solidarität nie aufgeben und immer verbunden sein mit meinem Zuhause, egal, wo ich wohne.“
Bei Belma Rizvanovic hat die Realistin gegen die Idealistin gewonnen.

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