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Nichts wie weg: In nur fünf Jahren verlor Paris 300.000 Einwohner.

Frankreich

Paris, die Stadt der Hassliebe

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Während die restliche Welt von Frankreichs Hauptstadt schwärmt, empfinden es viele Franzosen selbst als große Last, in Paris zu leben. 

Am Wochenende gehen wir oft an der Küste spazieren, in Ouistreham, dem nächstgelegenen Strand.“ Das berichtet Carole, die 13 Jahre in Paris lebte, bevor sie in die Normandie zog. In Caen fanden sie und ihr Freund eine Wohnung, die doppelt so groß ist und ihrem kleinen Sohn ein ruhigeres Umfeld bietet.

Auch Sandra hat Paris verlassen, weil sie nicht länger drei Stunden täglich in öffentlichen Verkehrsmitteln zubringen wollte und sich nach den Terroranschlägen im Jahr 2015 nicht mehr wohl fühlte. In Lyon machte sie ihr eigenes Yoga-Studio auf. „Das Leben hier ist tausendmal angenehmer“, sagt sie nun.

Über ihren Weg berichten beide jungen Frauen auf der Internetseite „paris-jetequitte.com“, die es für Leute wie sie gibt: „Paris, ich verlasse dich“ macht all jenen Mut, die Frankreichs Hauptstadt den Rücken kehren wollen. Es gibt Hilfe bei der Vermittlung von Wohnungen und Jobs, Tipps zur Unternehmensgründung oder zur Beantwortung der grundsätzlichen Fragen: Wo ist der ideale Ort für mich? Und: Welche konkreten Schritte muss ich gehen?

Alternativen zum Leben in der Großstadt gebe es viele, versichern die Betreiber. „Wenn man ins Berufsleben startet, ist Paris gut. Aber schnell fragt man sich, was danach kommen kann“, sagt die 30-jährige Kelly Simon, eine der vier Mitbegründer der Initiative, deren Betreuung seit 2017 ein Vollzeit-Job für sie darstellt. Dazu gehört auch die Beratung von Unternehmen in der „Provinz“, die Führungskräfte anziehen wollen.

Durch die starke Zentralisierung Frankreichs sind die Karrierechancen äußerst ungleich verteilt. Mehr als 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden in der Hauptstadtregion erwirtschaftet, davon wiederum ein Drittel im Geschäfts- und Bankenviertel La Défense. In und um Paris befinden sich die Unternehmen, die einflussreichen Kreise, lassen sich Netzwerke knüpfen.

Mit mehr als zwei Millionen Einwohnern auf 105 Quadratkilometern innerhalb des als Stadtgrenze dienenden Autobahnrings Boulevard périphérique gehört Paris zu den am dichtesten besiedelten Städten der Welt. Im Großraum leben gut zwölf Millionen Menschen, fast jeder fünfte Franzose. Bei einem Quadratmeterpreis von über 10 000 Euro, der je nach Viertel niedriger oder deutlich höher liegen kann, ist das Leben im Zentrum Vielen unerschwinglich.

Für die meisten bedeutet das stundenlanges Pendeln, ein Leben nach dem verhasst-berüchtigten Rhythmus: „metro – boulot – dodo“, also „Metro – Arbeit – Schlafengehen“. So fehlt oft die Energie, all die kulturellen Angebote zu nutzen, das aufregende Leben in einer kosmopolitischen Stadt zu genießen und damit wenigstens von den unbestreitbaren Vorteilen von Paris zu profitieren.

Während die restliche Welt von der strahlenden „Stadt der Lichter“ und „der Liebe“ träumt, steht sie für viele Franzosen für einen Alptraum, aus dem es kaum ein Entkommen gibt. Oder eben doch – versichern die Betreiber von „Paris, ich verlasse dich“. Während die französische Bevölkerung insgesamt seit Jahren wächst, sinkt dem nationalen Statistikamt Insee zufolge die Einwohnerzahl in Paris ohnehin.

Zwischen 2011 und 2016 nahm sie demnach um rund 300 000 Menschen ab. Einer der Hauptgründe seien die hohen Immobilienpreise, sagt der kommunistische Politiker Ian Brossat, der im Rathaus für den Wohnungsbau zuständig ist: „Die Entstehung illegaler Touristenunterkünfte und Zweitwohnungen wirken sich ebenfalls negativ aus.“ Demgegenüber werben andere französische Regionalmetropolen Arbeitnehmer mit dem Versprechen einer höheren Lebensqualität an.

Bordeaux etwa boomt, vor allem seit es eine zwei Stunden dauernde Zugverbindung nach Paris gibt. Lyon richtet Industrie- und Forschungscluster ein, auch die Bretagne erfreut sich wachsender Beliebtheit. Ihm sei der Wechsel nach Rennes nicht schwer gefallen, berichtet Jean-François: „Wer einmal eine Wohnung in Paris gesucht hat, für den ist es hier ein Kinderspiel.“ Selbst einen interessanten Job habe er gefunden – den er sich als Firmengründer selbst schuf.

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