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„Befreit von allem, was kaputtgehen kann“, so bewirbt das holländische Unternehmen Vanmoof seine Stadträder.
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„Befreit von allem, was kaputtgehen kann“, so bewirbt das holländische Unternehmen Vanmoof seine Stadträder.

Statussymbol

Das Rad der Stadt

Auf alte Drahtesel schwingt sich längst keiner mehr, Fahrräder sind Statussymbole zeitgemäßer Fortbewegung. Urban Biker heißen Radler heute in Großstädten, und ihre Räder sollen nach Möglichkeit Designobjekte sein, einfarbig und wenig verspielt.

Von Nikolas Feireiss

"Minimalistisch", "puristisch", "auf das Wesentliche reduziert" sind die Schlagworte, mit denen die Hersteller werben. Auch der alte, oft etwas vollgestellte, nach Gummi riechende Fahrradladen mit Linoleumboden hat unterdessen ausgedient. Moderne Radgeschäfte wirken wie Galerien: edle Podeste, gebeiztes Eichenholz oder glänzende Lackflächen. Die Räder werden präsentiert wie Kunstobjekte und haben oft auch einen ähnlichen Anschaffungswert.

Man könnte fast Schwellenangst bekommen. Während Autos als Statussymbol an Bedeutung verlieren, kann der Image-Gewinn durch ein schickes Rad enorm sein. Allerdings, der Teufel steckt im Detail. Sind die Gitter des Körbchens zu groß oder zu klein? Passt die Klingel zum Gesamt-Look, gestatte ich mir ein edles Kirschrot oder bleibe ich mit vornehmem Sahneweiß lieber auf der sicheren Seite? Besonders gefragt sind individuell zusammengebaute Räder, bei denen jedes Detail Persönlichkeit ausdrückt. Das kann gern auch die Kombination von türkisblauem Rahmen und giftgrünen Reifen sein.

Selbst wenn das Straßenbild durch die neuen Räder zweifelsohne geschmackvoller geworden ist, die Lässigkeit, die das Thema hatte, als man sich noch unbefangen auf einen alten Drahtesel schwingen konnte, ist verloren gegangen. Längst haben Luxuslabel, seien es Armani, Chanel oder Gucci, Zweiräder passend zum Look des Hauses herausgebracht. Das Hollandrad von Hermès gehört sogar, neben Pferdesätteln und feinstem Reisegepäck, zum festen Programm des Pariser Hauses. Es ist die Sorte Rad, mit der man - da klassisch, edel und teuer wie die Marke - sicher nichts verkehrt macht. Der Sattel, die Griffe und die Querstange sind in der Farbe Havanna, also mit braunem "Taurillon Clémence"-Leder bezogen, dessen horizontale Hautstruktur wasserundurchlässig und extrem strapazierfähig sein soll, auch bei Regen bekommt es keine Flecken.

Reduzierung auf das Wesentliche

Gehobener und traditionsbewusster geht es kaum, aber natürlich sportlicher und abenteuerlicher. Ein generelles Kennzeichen der neuen Radgeneration, die Reduzierung auf das Wesentliche, gilt auch für die Bestandteile eines Rades, die der Laie für unverzichtbar halten würde. Mitunter geht die Reduktion so weit, dass sogar Licht, Reflektoren, Schutzbleche, Klingel und Bremsen fehlen. Die sogenannten Fixed Gear Bikes, kurz Fixies, sind Minimalismus in Reinkultur und wohl in erster Linie ein Vergnügen für coole Jungs. Ursprünglich kommen sie aus dem Bahnradsport, Fahrradkuriere aus New York brachten sie in den 1980er-Jahren auf die Straßen; mittlerweile sind sie in vielen Städten verbreitet. Das Fixie hat eine starre Nabe und weder Freilauf noch Rücktritt. Die Pedale drehen sich immer mit dem Lauf des Hinterrades. Wenn man also die Geschwindigkeit verringern, sprich bremsen will, muss man den Oberkörper in Richtung Lenker beugen und sich mit den Beinen gegen die Laufrichtung der Pedale stemmen. Mit Übung kann man mit dem Fixie vorwärts und rückwärtsfahren und noch so einige Kunststückchen vollführen. Für den normalen Straßenverkehr sind diese Räder allerdings eher weniger geeignet.

Fixies, etwa mit dem schönen Namen Viktor, hat auch der Hersteller Schindelhauer aus Magdeburg im Angebot. Aber nicht nur. Die Newcomer haben sich innerhalb von zwei Jahren einen Namen gemacht und schon so einige Preise gewonnen. Die Produktbeschreibungen machen einen ein bisschen schwindelig, zumindest dann, wenn man sich in das Trendthema Rad noch nicht so eingearbeitet hat. Das Rad Ludwig XIV. beispielsweise, Gewinner des "Eurobike Award 2011", bietet den Gates-Center-Track-Riemenantrieb, einen 14-Gang-Rohloff- Speedhub, die patentierte Schindelhauer-Belt-Port-II-Technologie sowie ein Slider-Riemenspannsystem, dazu Vollausstattung mit hydraulischen Scheibenbremsen, Aero-Shape-Rohrsatz und dreifach konifiziertem Rohloff-Gates-konformem Alu-Rahmen. Noch Fragen? Ach ja, das Rad wiegt nur 11,9 Kilogramm, und der Slogan der Magdeburger lautet neudeutsch: "bikes to conquer urban space". "Räder, um städtischen Raum zu erobern" hörte sich ja auch tatsächlich weit weniger cool an.

Mindestens so wichtig wie die Technik ist die Optik. Und die Erfüllung spezieller Kundenwünsche der Kunden in puncto Farben und Sonderausstattungen, schließlich ist Sattel nicht gleich Sattel und Lenker nicht gleich Lenker.

Wo man sich auch umschaut, immer betonen die Hersteller, dass sich das Rad individuell zusammenbauen lasse. Am besten noch jedes Stück einzeln. Der britische Autor und Radfreak Robert Penn ist sogar um die ganze Welt gereist und geradelt, um sein Traumrad zusammenzustellen. Dabei herausgekommen ist unter anderem ein Buch: "It’s All About the Bike", beziehungsweise: "Vom Glück auf zwei Rädern". Radfahren ist für Penn eine Möglichkeit, zur Arbeit zu kommen, sich fit zu halten, in der Luft oder Sonne zu baden, zu reisen, einkaufen zu gehen, gesund zu bleiben - physisch und psychisch - und eine fantastische Möglichkeit, mit Freunden gemeinsam etwas zu unternehmen. Radfahren kann für ihn Weltflucht sein und manchmal auch eine Gelegenheit, andere zu beeindrucken. Alles gute Gründe dafür, dass er fast jeden Tag seines erwachsenen Lebens Rad gefahren ist. In vierzig Ländern und auf fünf Kontinenten, einmal sogar um die ganze Welt.

Radfahren kann offensichtlich zu einer Art Lebenshaltung werden, mitunter sogar Schlagseite ins Sektiererische bekommen. Statt des Kabbala-Armbandes ist dann das Rad Ausweis des Bewusstseins. Kaum ein Prominenter, der sich nicht schon auf einem Rad hat ablichten lassen: Hugh Jackman in New York, Kate Hudson in Santa Monica, Elle Macpherson, Vivienne Westwood. Und die ewige Trendräuberin Madonna auch, als sie noch in London lebte.

Von Defilee zu Defilee

Da ist es wohl kaum ein Zufall, dass in Mailand und Paris den Besuchern der Prêt-à-porter-Schauen neuerdings Räder angeboten werden, um von Defilee zu Defilee zu gelangen. Wenn es auch kaum vorstellbar ist, dass die Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour ihre High Heels und den Pelz ablegt, um aufs Rad zu steigen - ein Signal ist das schon. Es eröffnet eine lässige Option für alle, die nicht in der Limousine und mit Chauffeur vorfahren können.

Ins Blickfeld vielleicht nicht der jungen Coolen, dafür aber der kaufkräftigen Älteren, deren Interesse an Trends und Moden nicht zu unterschätzen ist, rücken neuerdings die Elektrofahrräder oder, schicker ausgedrückt, Pedelecs. Wer sich für so ein Gefährt entscheidet, kann sich von einem elektrischen Motor zum Beispiel bei Anhöhen unterstützen lassen. Getreten werden muss aber immer, und bei 25 Stundenkilometern schaltet die Unterstützung automatisch ab. Pedelecs benötigen keine Zulassung und keinen Führerschein. Sie sind, man muss es zugeben, praktisch und auch schon in vielen Varianten bis hin zum Faltrad zu erhalten.

Der technische Aspekt des neuen Fahrradtrends mag eher Männersache sein, insbesondere die Auseinandersetzung mit Rahmendicke, Gangschaltungen und Pulverbeschichtungen. Aber gerade modebewusste Damen steigen momentan oft zum ersten Mal und auf keinen Fall auf irgendein Rad. Bella Ciao ist zum Beispiel ein Hersteller, bei dem in Sachen Rad Gleichberechtigung herrscht. Die klassisch schönen italienischen Räder sind handgefertigt, und die Damenmodelle bestechen durch ihren charakteristischen Schwung des Oberrohrs - den sogenannten Frascona-Schwung. Die Herrenräder haben selbstverständlich den typisch langen Radstand, der einen messerscharfen Geradeauslauf garantiert. Produziert werden sie in Norditalien und Berlin, aber auch eine Bostoner Bloggerin weiß im Forum von "Lovely Bicycle!" deren Qualität zu rühmen.

Nach einer Umfrage des Fahrradversandhauses und Herstellers Rose ist das Radfahren für die Deutschen mit 81 Prozent die beliebteste Outdoor-Sportart, 58 Prozent dient es der Entspannung, 38 Prozent halten es für das beste Verkehrsmittel, um in der Stadt schnell ans Ziel zu kommen. Nicht gefragt wurde, wie viele das Rad als modisches Accessoire, wenn nicht als Statussymbol sehen. Vermutlich mehr, als es zugeben würden. Das lässt sich auch an der großen Zahl von Accessoires erkennen, die angeboten werden. Da gibt es neben stylishen Klingeln, Körben oder Flaschenhaltern Fahrradsoundsysteme, GPS und Applikationen fürs Smartphone oder LED-Lampen in Farben wie "Girly Pink" oder "Orange Vitamin". Radfahren ist eine Frage des Lebensstils geworden. Es geht nicht nur darum, schnell von A nach B zu kommen, die Umwelt zu schonen oder Muskeln zu stärken. Radfahren beweist Trendbewusstsein. Natürlich nur, wenn man auf dem richtigen Rad sitzt.

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