+
Das Hotel „Balmoral“: Ein imposanter Bau, der auch in einem Harry Potter-Roman Platz haben könnte.

Harry Potter

Auf den Spuren des jungen Zauberers

Eine noble Hotelsuite, ein Grab im Stadtzentrum: Edinburgh, der Entstehungsort der Harry-Potter-Romane, lockt zahlreiche Fans an. Doch so manche Sehenswürdigkeit ist ein Fake.

Um in die verschlossene Harry-Potter-Kammer zu gelangen, muss man seinen ganzen Mut zusammennehmen. Man muss die Stufen zu Edinburghs vornehmstem Hotel, dem „Balmoral“, emporsteigen, wie selbstverständlich einige in Schottenkilts gekleidete Herren am Empfang passieren und dann quer durch die große Eingangshalle zur Rezeption schreiten.

Dort gibt man sich als Harry-Potter-Fan zu erkennen und stellt die höfliche Frage: „Ist es heute oder in den nächsten Tagen möglich, Zimmer 552 zu besichtigen?“ Sofern das Zimmer gerade nicht belegt ist, ist es gute Tradition im „Balmoral“, dieser Bitte zu entsprechen. Und zwar kostenlos.

Mit einem vornehm gekleideten Rezeptionisten geht es im Fahrstuhl himmelwärts. Die Tür mit der Nummer 552 ziert ein glänzendes Messingschild mit der verheißungsvollen Aufschrift „JK Rowling Suite“. Es wird aufgeschlossen, und zum Vorschein kommt eine Suite, die zwar gediegen, aber geschäftsmäßig sachlich eingerichtet ist.

Das Besondere ist eine weiße Büste des griechischen Gottes Hermes in einer Vitrine. Auf dem Hinterkopf steht eine ziemlich verblichene handschriftliche Notiz, die man nur mit Mühe entziffern kann: „J. K. Rowling finished writing Harry Potter + the Deathly Hallows in this room (552) on 11th Jan 2007.“ Am 11. Januar 2007 hat J. K. Rowling in eben diesem Raum den letzten Band „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ vollendet.

Der Raum kostet heute pro Nacht umgerechnet etwa 1100 Euro. Rowling wohnte hier ein halbes Jahr. Aber zu diesem Zeitpunkt spielte Geld für sie schon keine Rolle mehr: Mit einem geschätzten Vermögen von mehreren Hundert Millionen Euro war sie bereits damals die wohlhabendste Schriftstellerin der Literaturgeschichte.

Suite 552 kann kostenlos besichtigt werden.

Obwohl sie ein fürstliches Anwesen in Edinburgh bewohnte, fand sie dort nach eigenen Worten keine Ruhe, weil Kinder, Hunde und Putzfrau sie störten. Deshalb beschloss sie, sich zum Schreiben einen ruhigen Platz zu suchen. Das wurde eben diese Suite im „Balmoral“. Das Personal hielt all die Monate von August 2006 bis Januar 2007 dicht. So konnte sie in aller Stille zuende bringen, worauf Millionen Fans in aller Welt sehnsüchtig warteten.

„Edinburgh ist für mich sehr stark Heimat, und es ist der Ort, an dem sich Harry über sieben Bücher hinweg entwickelt hat während vieler, vieler Stunden des Schreibens in Cafés“, hat Rowling 2008 gesagt.

Mittlerweile ist es schon zwölf Jahre her, seit das letzte Harry-Potter-Buch erschien. Aber von einem nachlassenden Interesse ist in Edinburgh nichts zu bemerken. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass diejenigen, die die Romane als Kinder und Jugendliche verschlungen haben, jetzt als Erwachsene die Stadt sehen wollen, in der alles entstanden ist.

Häufig gibt es in einer Familie nur einen großen Potter-Fan, und der schleift die anderen mit. Im Fall von Edinburgh muss das aber nicht das Schlechteste sein: Man lernt so die Altstadt kennen und macht zwischendurch regelmäßig Station in Cafés und originellen Geschäften. Eine ganz gute Mischung für jeden.

So lohnt sich beispielsweise ein Besuch im „Balmoral“: Seit 1902 erhebt es sich über dem in einer Senke versteckten Hauptbahnhof, sein Uhrturm ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Die Princes Street, an der es steht, ist die Haupteinkaufsstraße.

In der Princes Street Nr. 128 befindet sich die Filiale der Buchladenkette „Waterstones“, die Rowling 1997 aufsuchte, als der erste Harry-Potter-Band gerade erschienen war. „Da war es!“, schilderte sie einmal in einem „BBC“-Interview. „Zwischen Renson und irgend jemand anderem stand ich. Unter ,R‘ im Regal, als ganz normaler Autor. Unglaublich.“ Der mehrstöckige Laden ist bis heute exzellent sortiert und verfügt über eine Harry-Potter-Fanabteilung mit vielen Accessoires.

Täglich stehen mehrere Harry-Potter-Stadtführungen zur Auswahl. Der bekannteste ist der „Potter Trail“, der den Vorteil hat, kostenlos zu sein. Wobei durchaus erwartet wird, dass Teilnehmer am Ende ein Trinkgeld geben.

Guide Gemma führt ihre etwa 40 Touristen starke Gruppe direkt auf den Greyfriars Kirkyard mitten im Stadtzentrum. Ein schottischer Friedhof, wie man ihn sich romantischer nicht vorstellen könnte: mit schiefen Kreuzen und verwitterten Gruften, überragt vom Edinburgh Castle. Er wirkt fast wie eine Hollywood-Kulisse.

Hier gibt es einen Grabstein, der den echten Potteristen in Ehrfurcht erschaudern lässt: „Thomas Riddell“ steht darauf. So heißt, wenn auch etwas anders buchstabiert, Harrys Gegenspieler Lord Voldemort mit bürgerlichem Namen: Tom Riddle.

Der echte Thomas Riddell starb 1806 mit 72 Jahren. Er konnte unmöglich erahnen, dass sein Grab 200 Jahre später zu einer Pilgerstätte werden würde, an der sogar Blumen niedergelegt werden. Auch der Namensgeber für die strenge, aber warmherzige Professorin Minerva McGonagall liegt an diesem malerischen Fleck begraben: der schottische Dichter William McGonagall (1825-1902).

Vom Friedhof geht es quer durch die Innenstadt zu den verschiedenen Cafés, in denen Rowling die Potter-Bücher verfasst hat – bis sie nach Erscheinen des dritten Bandes so berühmt wurde, dass dies nicht länger möglich war. In Interviews hat sie darüber gesprochen, wie gut es ihr gefiel, einerseits für sich arbeiten zu können, andererseits aber auch unter Menschen zu sein. Tassenklappern, Gesprächsfetzen und Stühlerücken konnten ihre Konzentration demnach nicht stören.

Das bekannteste Café ist „The Elephant House“. Es rühmt sich, der „Geburtsort von Harry Potter“ zu sein. Das kann allerdings nicht stimmen, denn es öffnete 1996, als Band 1 schon ein Jahr lang fertig war. Unstrittig ist aber, dass Kaffeertrinkerin Rowling für das zweite und dritte Buch oft hierherkam.

Potters Geburtsort? Das kann nicht ganz hinkommen.

Der eigentliche Geburtsort, an dem nach ihren Worten „weite Teile“ des ersten Bands entstanden, ist „Nicolson‘s Café“, das aber nicht mehr existiert. Heute befindet sich in den Räumlichkeiten das Café „Spoon“. Rowling hat ausdrücklich dementiert, dass sie bei „Nicolson‘s“ auf Servietten geschrieben habe, um Papier zu sparen, und mitunter zum Aufwärmen dorthin kam: „Ich bin nicht so blöd, mitten im Edinburgher Winter eine unbeheizte Wohnung zu mieten.“

Bei näherem Hinsehen ist so manche angebliche Potter-Sehenswürdigkeit ein Fake. Die George Heriot‘s School etwa wird von allen Touristengruppen angesteuert, weil sie die Inspiration für die Zauberschule Hogwarts gewesen sein soll. Ein Beleg dafür findet sich nirgendwo. Vielmehr hat Rowling gesagt, dass sie sich das Internat immer neben einem schottischen See vorgestellt habe.

Ebenso wird auf allen Harry-Potter-Touren behauptet, Vorbild für die Winkelgasse – eine Einkaufsstraße für Hexen und Zauberer – sei Edinburghs Victoria Street. Auch dies ist reine Spekulation. Dennoch sollte man die Straße auf keinen Fall verpassen. Sie zieht sich in einer Schleife einen Hügel hinauf und vereint die wundersamsten Läden nebeneinander.

Das Kommerziellste ist ein Harry-Potter-Souvenirshop, in dem man Dialoge belauschen kann wie: „Oh guck mal, da ist der Feuerkelch!“ - „Nein, das ist ein Horkrux!“ Sehenswerter ist ein verschachtelter Laden, der über mehrere Stockwerke mit Antiquitäten und Skurrilitäten vollgestopft ist: „Museum Context“.

Zudem gibt es ein echtes alteingesessenes Geschäft für Zaubereibedarf - explizit ohne Harry-Potter-Bezug! Gleich am Eingang stellt „The Cadies & Witchery Tours“ klar: „Harry-Potter-Autor J. K. Rowling hat dieses Geschäft niemals betreten.“

Viel wichtiger als konkrete Orte mag im Übrigen etwas anderes sein: die Atmosphäre von Edinburgh. Sie vermittelt eigentlich überall ein Harry-Potter-Gefühl. Es ist eben kein Zufall, dass die ganze Saga hier entstand.

„Frankenstein“-Autorin Mary Shelley fühlte sich nirgends so wohl wie in der schottischen Kapitale, und der gebürtige Edinburgher Robert Louis Stevenson ließ sich für seinen Schauerroman „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von einem Tischler aus seiner Heimatstadt anregen: Der war tagsüber ein unbescholtener Bürger, nachts ein Verbrecher.

Schon im 19. Jahrhundert zog Edinburgh Touristen an, die sich auf gepflegte Weise gruseln wollten. Theodor Fontane geriet ins Schwärmen: „Auf grauen Felsen steigen graue Felsenhäuser in die Luft, und über dem ganzen liegt jener graue Nebelschleier, der den Zauber der Stadt vollendet.“ Das ist heute nicht anders – Edinburgh beflügelt die Fantasie.

Der „Potter Trail“ endet bei J. K. Rowlings goldenen Handabdrücken auf dem Straßenpflaster vor dem Rathaus. Dass die Autorin plötzlich selbst um die Ecke biegen könnte, darauf darf man allerdings nicht hoffen. Die heute 54-Jährige tritt selten öffentlich in Erscheinung. Der Erfolg hat sie reich und berühmt gemacht – aber ihr altes Leben in den Cafés von Edinburgh hat er ihr genommen. (dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion